Seit Tagen steht Charlottenburg Kopf – zumindest an einer einzigen Kreuzung. An der Ecke Rückertstraße und Schillerstraße bildet sich täglich ein Menschenauflauf, wie ihn diese Gegend seit Jahren nicht gesehen hat. Kein Unfall, kein Straßenfest – Anlass ist ein Bauschild. Menschen bleiben stehen, setzen die Lesebrille auf, treten näher, lesen, treten zurück, lesen noch einmal. Ein Mann tippt auf das Plakat, als habe er einen Fehler im Landeshaushalt entdeckt. Ein Hund pinkelt gegen den Bauzaun – offenbar die einzige Instanz vor Ort, die schon eine klare Meinung hat.

Die Ironie: Das Schild schafft auf Anhieb, woran die Straße selbst gescheitert ist. Es erzeugt Verkehr. Menschenverkehr, versteht sich.

Die große Vision: Kopenhagen für Charlottenburg

Verkündet wird nichts weniger als die Neuerfindung des Karl-August-Kiezes. Die Rückertstraße wird beruhigt, verengt, neu geordnet, die Schillerstraße ist bereits verkehrsberuhigter Bereich. Dazu eine neue Querungsstelle, Gehwegvorstreckungen, eine umgebaute Einmündung zur Bismarckstraße, eine neue Einbahnstraßenregelung. Parkplätze werden neu sortiert, Carsharing-Flächen eingerichtet, die Fahrbahn schrumpft. Später sollen Bäume und sogenannte BlueGreenStreets folgen – ein Begriff wie von einem Stadtplanungskongress mit Hafermilch-Catering.