Im Kleinen kann sich bekanntlich das Große verstecken, so wie im Fall von Josip Brekalo. Hinter dem ehemaligen kroatischen Nationalspieler liegt ein bewegter Sommer. Zuerst verlängerte er seinen Vertrag bei Hertha BSC, kurz darauf wurde ihm eine besondere Ehre zuteil. Vor dem Saisoneröffnungsspiel beim VfL Bochum an diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur 2. Bundesliga, live auf Joyn) erklärte Trainer Stefan Leitl, dass Brekalo die Hertha künftig als Kapitän anführen werde.Eine logische Wahl, gemessen an der reichlichen Erfahrung des 28-Jährigen, die auf einer anderen Ebene aber trotzdem tief blicken lässt, ebenso wie die Erklärung des Trainers zur Personalie. „Josip hat sich in einer bewegten Situation, in der sich Hertha befindet, für den Klub committet.“ Sprich: In einem Moment, in dem viele gehen, ist er geblieben, und er darf zur Belohnung nun die Binde tragen.Da spielt es auch keine Rolle, dass er relativ neu ist im Hause Hertha BSC. Brekalo hat sich erst im Januar dem Klub angeschlossen, er ist gerade mal ein halbes Jahr da. Und dann gleich Kapitän? Da drängt sich die Frage auf, ob es denn niemand anderen für dieses Amt gegeben hätte. Die Antwort ist: nein.Hertha BSC hat sich in den vergangenen Wochen von so ziemlich allen wichtigen Spielern getrennt, quer durch alle Altersstrukturen. Gegangen sind der hoch veranlagte Kennet Eichhorn (Bayer Leverkusen), der erfahrene Michaël Cuisance (RC Lens), Torwart Tjark Ernst (Feyenoord Rotterdam), Michal Karbownik (Istanbul Başakşehir) und allen voran Kapitän Fabian Reese, der es bezeichnenderweise in der gleichen Liga beim VfL Wolfsburg versucht, weil er die Chance auf eine erfolgreiche Saison dort ungleich höher einschätzt. An das Ziel, mit Hertha BSC in der Bundesliga spielen zu können, glaubte Reese nach drei erfolglosen Jahren nicht mehr.Einstelliger Tabellenplatz als ZielSein Abschied hat etwas Endgültiges, er ist ein Symbol der Berliner Zeitenwende. Der Klub hat sich höchstselbst aller Aufstiegsambitionen entledigt, und damit auch eines gewissen Drucks, der die Mannschaft vor allem in der vergangenen Saison zu lähmen schien. Einen „einstelligen Tabellenplatz“ hat Geschäftsführer Peter Görlich als offizielles Ziel ausgegeben, was Trainer Stefan Leitl jüngst bestätigte. „Die Ziele sind formuliert, jetzt versuchen wir, Spiele zu gewinnen“, sagte er. Sollte gleich der erste Versuch beim VfL Bochum gelingen, „hätten wir für die erste Überraschung gesorgt.“Herthas Verzwergung ist nach zwei gescheiterten Aufstiegsversuchen alternativlos. Klub und Umfeld sind in der Realität angekommen. Endlich, sagen so manche. „Gemessen an der Situation, in der sich der Klub seit dem Abstieg befindet, wäre es in der Vergangenheit vielleicht besser gewesen, kleinere Ziele zu formulieren“, sagt Trainer Stefan Leitl. Aus seinem Mund hat das auch etwas Rechtfertigendes, war er es doch, der als Trainer krachend am Ziel Aufstieg scheiterte. Dass er trotzdem weitermachen darf, ist mehreren Faktoren geschuldet.Nach etlichen Trainerwechseln seit dem Abstieg wollte Herthas Führung auf dieser so wichtigen Position Kontinuität herstellen, und dann sind da natürlich auch die finanziellen Bedingungen. Leitl besitzt einen gültigen Vertrag bis zum Ende dieser Saison. Ihn abzufinden und einen anderen Trainer zu bezahlen, kann sich der Klub schlicht nicht leisten. Ähnlich verhält es sich im Fall von Sportdirektor Benjamin Weber, der aufgrund der verpassten sportlichen Ziele schwer in die Kritik geraten war. Die Priorität liegt nun auf der wirtschaftlichen Konsolidierung, Hertha richtet sich auf einen längeren Verbleib in der zweiten Liga ein.Abgänge bringen 25 MillionenDie Abgänge haben rund 25 Millionen Euro in die Kasse gebracht. Viel Geld, von dem aufgrund der hohen Außenstände aus der verschwenderischen Ära des Investors Lars Windhorst so gut wie nichts in der Mannschaft ankommen wird. Bisher hat Hertha erst einen Zugang verpflichtet, es handelt sich um Österreichs U-21-Nationalspieler Oluwaseun Adewumie, der vom englischen Zweitligisten Burnley kam. Mehr ist bisher nicht passiert.