WirtschaftsWoche: Herr Biemann, entlastet Künstliche Intelligenz die Menschen im Arbeitsalltag schon oder belastet sie noch? Torsten Biemann: Beides. KI entlastet sicherlich viele Routinetätigkeiten: Wenn man E-Mails schreibt oder Zusammenfassungen erstellt. Belastend wird sie vor allem dort, wo Menschen auf die eigene Karriere, auf die eigene Zukunft schauen und sich fragen, ob sie in fünf Jahren vielleicht entbehrlich sind.Welche Aufgaben kann man KI guten Gewissens überlassen – und wo braucht es den Menschen? Besonders stark ist KI bei kreativen Aufgaben, wie der Erzeugung von Bildern, Videos oder Texten. Da ist sie dem Menschen überlegen. Bei Entscheidungsaufgaben ist es dagegen sinnvoll, den Menschen in der Schleife zu halten, also bewusst als Kontroll- und Abwägungsinstanz einzubauen.Was entscheidet darüber, ob die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI gelingt? Es ist ein Mythos, dass die Kombination von Mensch und KI immer bessere Ergebnisse liefert. Eine Metastudie hat gezeigt: Mensch-KI-Kollaborationen führen im Durchschnitt sogar zu schlechteren Ergebnissen als die jeweils stärkere Einzellösung, also der Mensch allein oder die KI allein. Die Ergebnisse werden gerade dann schlechter, wenn sich der Mensch in eine Aufgabe einmischt, welche die KI besser kann. Aber auch ein gegenteiliger Effekt fiel in einem Feldexperiment mit Unternehmensberatern auf: Bei Aufgaben, in denen die KI an ihre Grenzen stößt, werden die Ergebnisse der Mensch-KI-Zusammenarbeit schlechter, als wenn der Mensch ohne KI arbeitet.Haben Unternehmen dieses Thema, was die KI allein kann, was besser der Mensch und was am besten im Zusammenspiel funktioniert, inzwischen als zentrales Problem erkannt? Ja, das geht an keinem Unternehmen vorbei. Viele setzen sich damit auseinander. Neben Effizienzfragen spielt aber natürlich auch die rechtliche Dimension eine Rolle. Bestimmte Entscheidungen, die Menschen betreffen, dürfen nach dem AI Act der EU nicht ausschließlich von KI getroffen werden. Die Entscheidung etwa, ob eine Bewerberin oder ein Bewerber nach einem digitalen Interview weiter im Auswahlprozess bleibt, darf keine KI allein entscheiden.Managementprofessor Biemann. Foto: PR Zur Person Der Professor leitet seit 2013 den Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Personalmanagement und Führung an der Universität Mannheim.Wie hat sich der Umgang mit KI in den vergangenen zwei Jahren gewandelt? Die Reflexion hat zugenommen. Vor zwei, drei Jahren war KI eher ein Buzzword. Heute hinterfragen Unternehmen viel mehr, was sich eigentlich genau hinter einem neuen KI-Tool verbirgt und wie es konkret helfen kann.Sie haben vor kurzem eine Studie vorgestellt, in der es darum geht, wie sich während der Nutzung einer mit Unternehmensdaten gefütterten KI die Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitern eines großen IT-Unternehmens verändert. Was hat Sie besonders überrascht? Zwei Dinge: Erstens war der Einfluss von KI auf die Leistung der Belegschaft deutlich größer als erwartet. Ich war davon ausgegangen, dass wir so kurz nach der Einführung gar keine großen Produktivitätsunterschiede feststellen. Am Ende waren sie deutlich. Die Beschäftigten haben nach Einführung der KI im Schnitt rund 25 Prozent mehr Projekte bearbeitet als zuvor.Und die zweite Überraschung? Wie stark die Zusammenarbeit zwischen Kolleginnen und Kollegen nach Einführung der KI-Tools zugenommen hat. Wir haben Generalisten und Spezialisten untersucht, in beiden Gruppen stieg die Anzahl der Kollaborationen nach Einführung der KI. Das war überraschend, gerade dass Spezialisten mehr gefragt waren, obwohl nun viel Wissen über die KI verfügbar war.Konflikte Wie umgehen mit dem KI-Müll der Kollegen? Von KI schnell, aber stümperhaft produzierte Vorarbeit kann die Beziehung zwischen Kollegen schädigen. Warum uns das so ärgert und wie sich der Frust verhindern lässt. von Kristin RauSind Spezialistenjobs also doch nicht gefährdet? Nein, ich kann da keine Entwarnung geben. Wir haben die ersten drei Monate nach der Einführung dieser KI untersucht. Wir können also nicht sagen, ob diese verstärkte Zusammenarbeit in zwei Jahren immer noch so ist oder jetzt nur am Anfang, um mit den Experten die Ergebnisse abzugleichen, die die KI geliefert hat. Aber wir sehen zumindest keine Anzeichen, dass die Einführung einer KI Spezialisten sofort überflüssig macht.Lassen sich junge Menschen in ihrer Berufswahl stark davon leiten, wie zukunftsfest oder wie KI-tauglich ein Fach ist? Die Ausbildungszahlen im Handwerk steigen zumindest.Dort spielt KI für die Kernaufgaben keine so große Rolle.Auch in der Betriebswirtschaftslehre überlegen sich Studenten, welche Bereiche zuerst von KI übernommen werden. Accounting und Finanzwesen sind zum Beispiel sehr regelbasiert. Da liegt die Frage nahe, ob man sich nicht eher allgemeinere Managementfähigkeiten aneignet. In unserer Studie haben die Mitarbeiter des IT-Unternehmens diese Gefahr übrigens gar nicht so gesehen.Sondern? Die begreifen das eher als Chance und sagen: Es ist toll, KI macht meinen Job einfacher. Andererseits wäre meine Vermutung unabhängig von den Antworten der Befragten: Wenn das jetzt alles einfacher wird, wir alle 30 Prozent mehr Projekte betreuen können, die Anzahl der Projekte aber nicht steigt, kann das langfristig schon bedeuten, dass zumindest keine neuen Mitarbeiter eingestellt werden.
KI und Mensch: Wann Zusammenarbeit wirklich funktioniert
Managementprofessor Torsten Biemann erklärt, wann KI entlastet und wann sie belastet. Metastudie zeigt: Zusammenarbeit funktioniert nur, wenn Mensch und KI in der richtigen Rolle arbeiten.
Prof. Biemann untersuchte IT-Firma nach KI-Einführung: 25% mehr Projekte, Zusammenarbeit mit Experten stieg. Widerlegt Jobverlust-Szenarien. Für CTO/Manager: KI steigert Output, verlangt Expert-Kontrolle – per EU AI Act verpflichtend.








