Oberhalb des Chalet Reynard endet der Wald. Dort oben gibt es nichts, was den Wind bremst oder den Blick begrenzt. Nur weißen Kalkstein, den Sendemast auf dem Gipfel und eine steile Straße, die sich durch die karge Landschaft schlängelt. Der Mont Ventoux war nicht für Rennradfahrer vorgesehen. Die Straße zum Gipfel wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut, um Material für das Observatorium hinaufzuschaffen. Später wurde sie zur Strecke für Bergrennen von Autos und Motorrädern. Doch diese Rennen gibt es nicht mehr.Heute gehört der Berg den Radfahrern. An diesem Freitag endet die siebte Etappe der Tour de France Femmes auf seinem Gipfel – nach 146,8 Kilometern und 3565 Höhenmetern über die klassische Auffahrt von Bédoin. Manche könnten behaupten, der Mont Ventoux sei der Beweis, dass Frauen endlich in der Welt des großen Radsports angekommen sind. Doch das wäre Unsinn.Dass Rennfahrerinnen diesen legendären Berg bezwingen, ist seit Jahrzehnten bekannt. Nicole Cooke gewann hier 2006 mit vier Minuten Vorsprung. Anna Kiesenhofer siegte zehn Jahre später, lange bevor sie in Tokio Olympiasiegerin wurde. Die Fahrerinnen müssen dem Berg und den Männern nichts mehr beweisen. Nicht die Frauen entdecken den Ventoux. Neu ist etwas anderes: Der Ventoux wird Teil ihrer Tour-Geschichte.Für die Männer ist der Berg längst ein Mythos. Tom Simpson starb hier 1967 kurz vor dem Gipfel. Eddy Merckx brauchte 1970 nach seinem Sieg künstlichen Sauerstoff. Chris Froome lief 2016 ohne Fahrrad den Berg hinauf, nachdem ein Begleitmotorrad vor ihm gebremst hatte, er gestürzt war und sein Rad zerbrochen war. Der Ventoux ist Tragödie, Theater und Legende zugleich.Wichtiger Schritt auf dem Weg zur GleichberechtigungNun wird die Tour de France Femmes ein Teil seiner Geschichte. Das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu echter Gleichberechtigung im Radsport. Es gab viele Versuche, den Frauenradsport auf eine Tour durch Frankreich zu schicken – eine lange Geschichte des Scheiterns. Der erste Versuch fand 1955 statt: fünf Etappen, 372 Kilometer, 41 Fahrerinnen. Die Britin Millie Robinson gewann. Danach verschwand das Rennen für fast drei Jahrzehnte. Viele sahen darin den Beweis, dass niemand sich dafür interessiere.Erst 1984 wagte man einen neuen Anlauf. Die Tour de France Féminin wurde Teil der Tour. 36 Fahrerinnen starteten, 18 Etappen, meist verkürzte Versionen der Männerstrecken. Die Frauen kamen an denselben Zielorten an und standen auf denselben Podien. Von 36 Frauen erreichten 35 Paris. Nur eine schied aus, nachdem sie sich bei einem Sturz das Schlüsselbein gebrochen hatte. Trotzdem wurde diskutiert, ob Frauen für ein solches Rennen körperlich geeignet seien.Als die Amerikanerin Marianne Martin gewann, stand sie neben Laurent Fignon, dem Sieger der Männer-Tour, auf dem Podium. Sie erhielt 1000 Dollar Preisgeld, das sie mit ihrem Team teilte. Fignons Preisgeldpaket war mehr als hundertmal so hoch. Während Fignon als Star des professionellen Radsports auch später viel Geld verdiente, arbeitete Marianne Martin jahrelang, um die Schulden aus ihrer Radsportkarriere abzubezahlen.1989 wurde die Frauen-Tour wieder eingestellt. Begründung: zu teuer. Es folgten neue Rennen mit neuen Namen: Tour de la C.E.E. Féminin, Tour Cycliste Féminin, Grande Boucle Féminine Internationale. 2014 zeigte sich der von Männern dominierte Tour-Veranstalter großzügig und rief La Course ins Leben: ein Eintagesrennen auf den Champs-Élysées. Die Fahrerinnen durften am letzten Tag der Männer-Tour ein paar Runden durch Paris drehen. Geduldet für einen Tag. Immerhin hatten sie Zuschauer und einen prominenten Sendeplatz im Fernsehen. Man bot ihnen für ein paar Stunden die Kulisse der Tour, aber nicht ihre sportliche Dimension.Rasanter Aufstieg der Tour der FrauenErst vor vier Jahren startete die Tour de France Femmes. Acht Etappen, 144 Fahrerinnen, Start in Paris, Ziel an der Planche des Belles Filles in den Vogesen. Eine echte Rundfahrt. Die Niederländerin Annemiek van Vleuten gewann. Der Anfang war gemacht. Schnell wurde klar, dass die Frauen erstklassigen Sport lieferten und ihre eigenen Geschichten schrieben. Demi Vollering gewann 2023 im Nebel auf dem Tourmalet in den Pyrenäen.2024 verlor sie nach einem Sturz das Gelbe Trikot und versuchte, es auf dem Anstieg nach Alpe d’Huez zurückzuerobern. Katarzyna Niewiadoma rettetet sich aber mit vier Sekunden Vorsprung. Vier Sekunden! Bei der berühmten knappsten Entscheidung der Männer-Tour zwischen Greg LeMond und Laurent Fignon 1989 waren es acht Sekunden. Im vergangenen Jahr gewann die Französin Pauline Ferrand-Prévot die Frauen-Tour.Am Col de la Madeleine fuhr sie allen davon, einen Tag später siegte sie in Châtel. Dort wartete Jeannie Longo auf sie, die letzte französische Siegerin einer Frauen-Tour, 36 Jahre zuvor. Die große Fahrerin einer fast vergessenen Tour traf die Siegerin der neuen. Dazwischen lagen nicht 36 Jahre ohne Frauenradsport, sondern 36 Jahre, in denen man den Frauen immer wieder die Bühne entzog.2,7 Millionen Zuschauer pro EtappeInzwischen ist die Bühne groß. Fast 26 Millionen Menschen verfolgten die Tour de Femmes 2025 allein in Frankreich im Fernsehen. Durchschnittlich sahen 2,7 Millionen jede Etappe. Die Frauen-Tour wächst rasant. Die besten Teams haben Millionenbudgets, die Fahrerinnen erhalten Mindestgehälter, Versicherungen und Mutterschutz. Doch auf der Proteams-Ebene, der zweiten Liga des Frauenradsports, verdienen viele nur den festgelegten Mindestlohn von 20.000 Euro im Jahr. Manche arbeiten nebenher.In dieser Saison gibt es 14 Worldteams der Frauen. Unter anderem finanzieren UAE und Visma – Lease a Bike, die Topteams der Männer, eigene Frauenmannschaften. An diesem Freitag wird die Tour auf der siebten von neun Etappen den Gipfel des Mont Ventoux und damit eine der ganz großen Bühnen des Radsports erreichen. Hubschrauber werden sie begleiten. Millionen werden vor den Fernsehern sitzen.Der Frauenradsport hat nicht mehr das Problem, dass niemand zuschaut oder zuschauen kann. Er hat das Problem, aus der Aufmerksamkeit ein stabiles wirtschaftliches System zu machen. Auch deshalb warnt Marion Rousse, die Direktorin der Tour de Femmes, davor, die Rundfahrt vorschnell von neun Tagen auf drei Wochen zu verlängern. Zu oft wurden Frauenrennen groß angekündigt und dann wieder kleingespart. Doch diesmal scheint die Richtung zu stimmen.