Ein braungebrannter, durchtrainierter Zweiundsiebzigjähriger steht etwas linkisch und deplatziert im Küchenschürzen-Partnerlook neben einem jungen Fernsehkoch, der pausenlos redet und dabei Lachsfrikadellen zubereitet. Er hört aufmerksam zu, spricht selbst kaum ein Wort, erledigt pflichtschuldig simple Hilfsaufgaben und könnte der Vater des jungen Mannes sein oder auch ein wohlsituierter Rentner aus Florida, der bei einem Preisausschreiben gewonnen hat und sich jetzt unvermittelt als Küchenhilfe in einer Koch-Show wiederfindet. Doch es ist nicht Joey aus St. Petersburg, sondern Bobby aus Washington: Robert F. Kennedy Jr., der amerikanische Gesundheitsminister, der neuerdings eine eigene Kochsendung hat. „The Real Food Show“ heißt das Zwanzig-Minuten-Format, das bei Youtube und auf der Website des Ministeriums zu sehen ist und Amerika vor dem endgültigen Untergang bewahren soll.Göttliches Manna für die MAGA-Menschen„Das krankeste Land der Welt“ nennt Kennedy inquisitorisch seine Heimat, einen „Gesundheitsnotstand“ erkennt er allerorten wegen epidemischen Übergewichts und grassierender Fettleibigkeit, hochprozessierte Lebensmittel sind für ihn die Wurzel allen Übels und das Leibgericht des Leibhaftigen, das er seinen Landsleuten austreiben will. Deswegen ist Kennedy jetzt unter die Köche gegangen und lässt künftig in jeder Episode einen Profi gemäß den Ernährungsrichtlinien seines Ministeriums ein Gericht zubereiten, das gesund ist, gut schmeckt und nicht mehr als fünf Dollar kostet – etwa ein Drittel dessen, was die Amerikaner nach seinen Berechnungen bei jedem Besuch einer Fast Food-Filiale ausgeben.In der ersten Folge wird die Lachsfrikadelle mit Olivenöl und Dijon-Senf, Haferflocken und Panko-Mehl, frischem Thymian und frischem Schnittlauch zubereitet. Dazu gibt es einen Rucola-Salat mit weißen Bohnen, roten Zwiebeln, grünen Äpfeln und einem selbst gemachten Apfelessig-Dressing – in Europa ein simples, grundsolides Studenten-WG-Gericht, in Amerika aber, zumindest nach der Meinung des Ministers, offensichtlich ein göttliches Manna, das die Menschen auf den rechten MAGA-Weg zurückbringen soll.Politik spielt in der Show indes nur am Rand eine Rolle. Selbstverständlich wird dazu aufgerufen, mehr amerikanische Fische und Meeresfrüchte zu essen, selbstverständlich wird der amerikanische Apfel als der beste der Welt gepriesen und Donald Trump – ein bekennender Fast-Food-Fan, der Staatsgästen gerne Hamburger aus der Styroporkiste anbietet – überschwänglich dafür gedankt, dass er die Gesundheit des amerikanischen Volkes zur nationalen Priorität erklärt hat.Ansonsten aber geht es tatsächlich nur um die richtigen Botschaften: Kocht selbst, das ist billiger und gesünder als der Fast-Food-Fraß; kocht mit Freunden und Familie, vor allem mit euren Kindern, das ist das beste Rezept gegen die kulinarische Selbstverstümmelung und grassierende Vereinsamung in den Vereinigten Staaten; misstraut der Lebensmittelindustrie, die mit ihren hochprozessierten Produkten eurer Leben ruiniert und euch sogar Depressionen beschert. Dass es so viel Vernunft in diesen Zeiten des Washingtoner Wahnwitzes noch gibt, ist kaum zu glauben. Wir wünschen Robert F. Kennedy Jr. viel Erfolg und freuen uns schon auf Donald Trump als Küchenjungen in einer der nächsten Shows. Der Welt kann es nur guttun.