Was sind die Folgen des niedrigen Wasserstands? «Für die Versorgungsknappheit ist der Rheinpegel schlimmer als die Strasse von Hormuz»Der Wasserpegel im Rhein ist auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen gefallen. Dadurch fehlen Deutschlands Wirtschaft Rohstoffe, steigen die Preise, und die Produktion kommt ins Stocken.Eric Matt, Berlin05.08.2026, 18.00 Uhr5 LeseminutenDie Wasserstände an deutschen Flüssen, hier der Rhein bei Düsseldorf, sind auf historischen Rekordtiefs.Jochen Tack / ImagoDeutschlands Wirtschaftswachstum entscheidet sich dieser Tage in einer Kleinstadt mit gut 750 Einwohnern. Es ist die malerisch zwischen Rhein, Weinreben und steilen Felsen gelegene Ortschaft Kaub, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Öffentliches Interesse aber weckt Kaub derzeit nicht wegen seiner Naturschönheit, sondern weil der dortige Wasserstand bestimmt, welche Transportschiffe auf dem Rhein noch fahren können und wie viel Tonnen sie laden dürfen. Denn der dortige Pegel ist auf den niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880 gefallen und liegt bei 19 Zentimetern.Der Rhein ist die verkehrsreichste Wasserstrasse EuropasDas hat zur Folge, dass die Schiffe nur noch mit einem Bruchteil ihrer Ladung unterwegs sind. Weil es für Lastkraftwagen oder Züge unmöglich ist, die wegfallenden Transportkapazitäten zu ersetzen, fehlen Rohstoffe und Vorprodukte, steigen die Preise, und die Produktion kommt ins Stocken. Die Konsequenzen spürt die gesamte deutsche Wirtschaft, deren Wachstum durch das Niedrigwasser nach unten gedrückt wird.Denn der Rhein ist die wichtigste Wasserstrasse in Deutschland, rund 80 Prozent der Binnenschiffe sind hier unterwegs. Zudem ist er die verkehrsreichste Wasserstrasse Europas, die wichtige Industriezentren in Deutschland, Frankreich und der Schweiz mit den Meereshäfen in den Niederlanden und Belgien verbindet. Die Ortschaft Kaub wiederum ist besonders wichtig, da sie am Mittelrhein liegt, wo die Fahrrinne für die Schifffahrt schlechter ausgebaut ist als an anderen Stellen. Bei niedrigen Wasserständen wird es hier also früher als andernorts flach. Historisch geringe Wasserstände gibt es derzeit jedoch auch an vielen weiteren Orten in Deutschland.Im Durchschnitt kann ein Transportschiff, das auf dem Rhein unterwegs ist, bis zu 4000 Tonnen beziehungsweise 400 Container transportieren. Das ist ungefähr so viel wie 150 Lastkraftwagen zusammen. Sogenannte Schubboote – Schiffe, die unmotorisierte Ladebehälter schieben –, haben sogar Platz für bis zu 16 000 Tonnen. Bei niedrigem Wasserstand aber muss die Ladung verringert werden, wie der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt auf Anfrage mitteilt. «Je nach Ladung und Fahrtgebiet sind Schiffe mit weniger als einem Viertel der sonst üblichen Zuladung unterwegs», sagt der stellvertretende Geschäftsführer Fabian Spiess. Dies führe bei der Schifffahrt und der verladenden Wirtschaft zu «erheblichem Mehraufwand und Mehrkosten».Das wäre vermeidbar gewesen. Denn laut Spiess könnten Schifffahrt und Industrie heute deutlich besser durch Niedrigwasserphasen kommen, wenn man in der Vergangenheit wichtige Massnahmen umgesetzt hätte. So habe die Politik bereits im Jahr 1992 beschlossen, die Fahrrinnen am Mittel- und Niederrhein anzupassen und zu vertiefen. «Auf die Umsetzung, die bestehende Engpässe beseitigen würde, warten die Schifffahrt und ihre Kunden noch heute», sagt Spiess.Entscheidend ist, wann es wieder regnetFällt der Wasserstand am Pegel Kaub unter 150 Zentimeter, müssen viele Schiffe ihre Ladung reduzieren. Der aktuelle Wasserstand von 19 Zentimetern unterschreitet diese Marke also massiv. Wichtig hierbei ist, dass der Pegel eine von einem festgelegten Punkt aus gemessene Wasserhöhe darstellt. Er zeigt also nicht die tatsächliche Wassertiefe der Fahrrinne bis zum Boden an.Am 1. August betrug der Wasserstand bei der Ortschaft Kaub noch 32 Zentimeter. Wenige Tage später sind es bereits 19.Jana Rodenbusch / ReutersWie stark sich das Niedrigwasser auf das Bruttoinlandprodukt auswirken könnte, hat die Commerzbank in einer Analyse untersucht: Hält der niedrige Wasserstand 30 Tage lang an, sinkt die Industrieproduktion in diesem und im Folgemonat um jeweils rund ein Prozent. «Bei einem Anteil der Industrie von etwa einem Viertel an der gesamten Wertschöpfung wäre das Bruttoinlandprodukt also über zwei Monate um 0,25 Prozent niedriger», schreiben die Studienautoren.Wie gross die Folgen tatsächlich sein werden, hängt vor allem davon ab, wann und wie stark es wieder regnet, so dass der Pegel steigt. Sollte die Dürre noch über Wochen oder gar Monate anhalten, könnten die Folgen noch dramatischer sein. «Angesichts der Erfahrungen der vergangenen Jahre spricht einiges dafür, dass die Probleme noch einige Zeit bestehen werden», heisst es in der Studie der Commerzbank.Denn es ist unüblich, dass der Rhein – ebenso wie Elbe oder Donau – zu diesem Zeitpunkt des Jahres bereits einen so geringen Wasserstand aufweist. Im Hochsommer sollten die Flüsse durch den in den Bergen geschmolzenen Schnee eigentlich hohe Stände aufweisen. Dies zeigt auch der Umstand, dass der bislang geringste Wasserstand bei Kaub bei 25 Zentimetern im Oktober 2018 gemessen wurde.Nun aber ist der Wert bereits Anfang August unterschritten und dürfte weiter fallen: Nach Daten der Wasserstrassen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) lag der Pegel Ende der vergangenen Woche bei unter 30 Zentimeter, Anfang dieser Woche bei 24 Zentimeter und seit Mittwoch bei 19 Zentimeter. Die Folgen könnten also noch deutlich schwerwiegender sein, als die Commerzbank-Analyse errechnet hat.Dies zeigt auch eine Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, die die Folgen des Niedrigwassers im Jahr 2018 untersucht hat. Nach dieser ist damals das Bruttoinlandprodukt um fast 0,4 Prozentpunkte geschrumpft. Der Unterschied von 2018 zu heute: Die Wasserstände sind heute schon viel früher niedrig, der Wassermangel dürfte somit länger anhalten.Vor allem die Chemieindustrie ist betroffenBesonders betroffen von dem Niedrigwasser ist neben den Kohlekraftwerken die Chemiebranche. Denn sie benötigt essenzielle Chemikalien wie Methanol und Benzol oder Flüssiggase wie Butan, Propan und Ammoniak, die mit Schiffen transportiert werden.Wolfgang Grosse Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), sagt der NZZ, Niedrigwasser sei längst kein Ausnahmefall mehr, sondern «ein regelmässiger Stresstest für den Industriestandort Deutschland». Selbst wenn Unternehmen die bestmögliche Vorsorge träfen, könnten diese nicht retten, «was bei der Infrastruktur über Jahre versäumt wurde». Grosse Entrup fordert: «Der Investitionsstau bei den Wasserstrassen muss endlich aufgelöst werden. Versorgungssicherheit ist kein Luxus, sondern die Grundlage unseres Industriestandorts.»Besorgt ist auch der Tankstellen-Interessenverband. Dessen Pressesprecher Herbert Rabl sagt der NZZ, seine Branche habe bislang zwar noch keine Probleme, doch sollten die geringen Wasserstände anhalten, könnte den Tankstellen der Kraftstoff ausgehen. «In Fragen der Versorgungsverknappung ist der Rheinpegel von Kaub sogar schlimmer als die Strasse von Hormuz», sagt Rabl.Die Folgen des Niedrigwassers erreichen zunehmend auch Deutschlands Politik und die Gewerkschaften. In einer Pressemitteilung der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft heisst es etwa, es genüge nicht, mit Wirtschaftsverbänden über tiefere Fahrrinnen oder widerstandsfähigere Logistikketten zu sprechen. «Wenn die Pegel sinken, steigt der Druck auf die Beschäftigten.» Auch der christlichdemokratische Bundesverkehrsminister Steffen Bilger hat das Problem erkannt und für Donnerstag zu einer Krisensitzung geladen, um über die aktuelle Thematik zu sprechen.Nicht eingeladen ist allerdings der Regen – in den nächsten Tagen soll es heiss und trocken bleiben.Niedrigwasser beim Stahlwerk von ThyssenKrupp Steel in Duisburg-Marxloh.Jochen Tack / ImagoPassend zum Artikel
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