InterviewMikrobiologe zum Legionellen-Ausbruch in Basel: «Das Jahr 2026 bildet erst den Anfang einer Zunahme an Krankheiten, die übers Wasser übertragen werden»Hubert Hilbi forscht seit den 1990er Jahren zur Legionärskrankheit. Wieso wir immer noch wenig über das potenziell tödliche Bakterium wissen und weshalb wir dennoch entspannt bleiben sollten, erklärt der Professor der Universität Zürich im Interview.05.08.2026, 17.01 Uhr6 LeseminutenEine Zellkultur mit Legionellen und anderen Bakterien aus dem Kantonalen Laboratorium Basel-Stadt: Es gebe noch vieles über die Legionärskrankheit zu erforschen, sagt der Mikrobiologe Hubert Hilbi.Georgios Kefalas / KeystoneDie Zahl der Legionellen-Fälle in Basel ist inzwischen auf 28 gestiegen. Am Mittwoch meldeten die Behörden zwei weitere bestätigte Infektionen. Aufgrund des jüngsten Ausbruchs in Kleinbasel war eine Person gestorben. Ein Kühlturm über der Manor-Filiale hatte das Bakterium Legionella pneumophila verbreitet. Es vermehrt sich in warmem, stehendem Wasser oder in korrodierten Leitungen und kann über kontaminierte Wassertröpfchen in unsere Lungen gelangen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Immer wieder kommt es vor allem in Grossstädten zu Legionellen-Ausbrüchen. Die Zahl der Fälle ist seit Jahrzehnten steigend. Was das mit dem Klimawandel zu tun hat, erklärt Hubert Hilbi, Professor für medizinische Mikrobiologie an der Universität Zürich.Hubert Hilbi, Sie forschen seit fast drei Jahrzehnten zu Legionellen. Was macht diese Bakterien derart interessant?Ich könnte stundenlang über die Legionellen reden. Sie sind aus mikrobiologischer Sicht unglaublich faszinierend. Eigentlich sind sie Parasiten von Amöben, die im Wasser leben. Dass sie Menschen infizieren, ist ein Unfall. Dabei gelangen die Bakterien in unsere Lungen, wie das neulich bei den Betroffenen in Basel passiert ist.Ein Kühlturm auf einem Dach hatte kontaminierte Wasserpartikel in die Luft abgegeben. Diese wurden als Aerosole eingeatmet. Was geht dann in der Lunge vor?Die Legionellen agieren gleich, wie wenn sie die Amöben angreifen: Sie schiessen mehr als 300 verschiedene Proteine in gewisse weisse Blutkörperchen und zerstören sie. Es entsteht eine heftige Entzündung in der Lunge, weil das Immunsystem überreagiert. Dieser Vorgang macht die Infizierten krank, und daran können vor allem ältere und vorbelastete Menschen sterben.Ein fieses und zerstörerisches Bakterium also?Ein Bakterium, das einen biologischen Unfall verursacht. Es hat aber einen sehr spannenden mikrobiologischen Hintergrund und lehrt uns viel.Zum Beispiel?Dass die vom Bakterium abgeschossenen Proteine unsere Zellen verändern und umprogrammieren. Diese Abläufe spielen etwa auch bei neurodegenerativen Prozessen eine wichtige Rolle. Zugespitzt kann man sagen, dass wir über die Legionellen auch etwas über Parkinson lernen können. Ich halte die Legionellen deshalb für die weltbesten Zellbiologen. Denn sie haben sich über Jahrmillionen angepasst, um in Wirtszellen zu überleben.Was tut die Wissenschaft, um Legionellen vorzubeugen?Dazu gibt es anwendungsorientierte Projekte, etwa um diese Bakterien schneller und besser aufzuspüren und zu überwachen. Meine Forschungsgruppe versucht zum Beispiel, einen Sensor zu entwickeln, der Legionellen meldet. Wir tüfteln auch an neuartigen Detektionstests. Legionellen werden weltweit intensiv erforscht und sind das Thema der internationalen Konferenz «Legionella 2026», die Anfang September an der Universität Zürich stattfinden wird.Trotz Forschung und moderner Technik: In Deutschland steigen die Legionellen-Fälle seit zwanzig Jahren konstant, New York erlebte in diesem Sommer mehrere Ausbrüche mit sechs Todesfällen, in Basel starb eine Person. Braucht es noch mehr Wissen zu diesem potenziell tödlichen Erreger?Ja, die Grundlagenforschung bleibt weiterhin wichtig und nötig. Dass der Schweizerische Nationalfonds für die nächsten zwei Jahre 5 Prozent des Budgets kürzen muss, ist in diesem Zusammenhang sehr bedauerlich. Eigentlich ist jedes der 300 verschiedenen Legionellen-Proteine eine eigene Doktorarbeit wert. Es gibt immer noch viel zu verstehen, vor allem, wie genau die Legionellen uns krank machen. Ein Gebäude kann massiv mit Legionellen belastet sein, ohne dass seine Bewohner Symptome entwickeln. Umgekehrt können sich Menschen anstecken, ohne dass man einen Erreger findet.Was besorgt Sie am meisten?Der grösste bisherige Ausbruch 2001 im spanischen Murcia war, wie der aktuelle in Basel, auf einen kontaminierten Kühlturm zurückzuführen. Damals wurden mehr als 440 Personen infiziert. Erschreckend ist, dass sich Kühltürme mit der Übertragung von Aerosolen gegenseitig anstecken können. Die Ausbrüche in New York zeigen, dass Kühltürme und auch die Leitungssysteme der typischen alten Backsteinbauten Probleme bergen. In heissen Sommern wärmen sich die Kühltürme auf dem Dach auf, genauso wie die Wasserrohre. Bei 25 bis 40 Grad vermehren sich die Legionellen optimal.Kühltürme geben feinste Wassertröpfchen, sogenannte Aerosole, an die Umgebung ab. Sind diese mit Legionellen belastet, können sich Menschen infizieren.Christian Beutler / KeystoneSpielen die häufigeren Hitzewellen eine Rolle bei den vermehrten Legionellen-Ausbrüchen?In den letzten zwei Jahrzehnten stiegen die Fälle jährlich um 10 Prozent. In der Schweiz sind wir bei rund 600 bestätigten Infektionen, in Deutschland werden über 2200 Fälle pro Jahr gemeldet. Das hat weder mit einer höheren Sensibilisierung noch mit mehr Tests zu tun.Sondern?Weil die Höhepunkte der Ausbrüche im Spätsommer und Frühherbst registriert werden, scheint tatsächlich die Umgebungstemperatur einen Einfluss zu haben. Wenn Wassersysteme und Gewässer aufgewärmt sind, wachsen die Legionellen-Bakterien schneller. So bildet sich an gewissen Orten eine höhere Konzentration, die gefährlich sein kann.Was bedeutet das für die Zukunft?Das Jahr 2026 bildet meiner Meinung nach erst den Anfang einer Zunahme an Krankheiten, die übers Wasser übertragen werden. Blaualgen, Legionellen, Cholera oder auch andere Vibrionen wie neulich an der Ostsee. Die Wassertemperatur im Zürichsee steuert auf die 30 Grad zu. Ich gehe davon aus, dass von der Umwelt übertragene Infektionskrankheiten allgemein zunehmen werden. Das zeigt sich auch bei der Tigermücke, die sich nördlich der Alpen angesiedelt hat und gefährliche Viren übertragen kann.Müssen wir uns also Sorgen machen?Wir baden andauernd in einem See von Mikroben. Unser Darm und unsere Haut sind voller Bakterien. Das ökologische Gleichgewicht dieser Systeme pendelt sich in den meisten Fällen zu unseren Gunsten ein. Mit einem intakten Immunsystem sind wir gut geschützt. Wichtig ist, dass wir die zunehmenden Antibiotikaresistenzen von Bakterien in den Griff kriegen.Bei Legionellen funktionieren Antibiotika weiterhin sehr gut.Diese Bakterien sind schlecht an den Menschen angepasst und können mit Antibiotika im Allgemeinen gut behandelt werden.In der Schweiz gab es in letzter Zeit mehrere kleinere Legionellen-Meldungen. Was zeichnet den aktuellen Fall aus Basel besonders aus?Hubert HilbiPDÄhnlich grosse Ausbrüche mit rund dreissig Betroffenen hatte es schon früher in Basel oder in Genf gegeben. Speziell an diesem neusten Fall sind die lokale Häufung sowie das zeitnahe Auftreten der Fälle.In Kleinbasel befand sich die betroffene Anlage oberhalb einer Manor-Filiale. Wie kann dieser sehr belebte Ort mitten in der Stadt zur Normalität zurückfinden?Der Kühlturm wird nun wohl desinfiziert, zum Beispiel mit Chlorverbindungen, Javelwasser oder Wasserstoffperoxid. Eine ähnliche Vorgehensweise wird auch routinemässig bei AKW-Kühltürmen angewandt. Dann sollte Ruhe einkehren.Kühltürme sind weit verbreitet. Was muss gegeben sein, damit solche Fälle nicht häufiger werden?Das Potenzial ist schon recht hoch. Wäre ich Mitglied einer Behörde, dann würde ich ein Augenmerk auf eine gute Bestandesaufnahme solcher Kühlanlagen und auch eine regelmässige Wartung und Desinfektion haben.Aus der Schweiz sind auch Fälle bekannt, bei denen Duschen in Sportanlagen der Herd waren. Wie können wir uns schützen?Ich wohne in einem 120-jährigen Haus. Die Söhne sind ausgezogen, und die eine Dusche im oberen Stockwerk wird selten gebraucht. Ich habe mir angewöhnt, diese vor der Nutzung zuerst zwei Minuten in den Ausguss zu halten und laufen zu lassen. Wer mehrere Wochen in die Ferien verreist, wenn es daheim heiss ist, sollte das bei der Rückkehr auch tun – oder auch, wer in einem Altbauhotel übernachtet.Schrecken Sie als Experte vor Sprühregenanlagen zurück?Neulich habe ich in Genf und in Italien Restaurants gesehen, die ihre Aussenplätze mit solchen Sprinklern abkühlen. Da frage ich mich jeweils: Woher kommt wohl dieses Wasser? Panisch werde ich aber nicht. Denn ich gehe davon aus, dass die Anlage regelmässig genutzt wird und an frisches Leitungswasser angeschlossen ist. Solange das Wasser nicht aus einer Wanne fliesst, die vierzehn Tage an der Sonne stand, bin ich beruhigt. Es gibt Publikationen über alle möglichen Orte, die für Legionellen-Infektionen verantwortlich waren. Darunter sind auch Gemüsesprinkler, Whirlpools, Luftbefeuchter, Autowaschanlagen und Springbrunnen.Müssen Hausbesitzer aufgrund der vermehrten Hitzewellen ihre Leitungen regelmässig überprüfen lassen?Die Fallzahlen sind derzeit relativ niedrig. Ich würde abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Haben wir weiterhin derartige Sommer wie jetzt bei gleichbleibenden Fallzahlen, würde ich nicht reagieren. Bei einem Anstieg sollten wir das Regelwerk verschärfen. Aber nicht sofort. Aktivismus und Alarmismus sind kontraproduktiv.Sprühnebel stellt keine Gefahr dar, sofern das Wasser aus einer laufenden Leitung kommt und nicht aus einem Tank.Esa Alexander / ReutersPassend zum Artikel