Von „den Ostdeutschen“ zu sprechen, ist ja bereits eine Vereinfachung. Je nachdem, ob Wohnort, Geburtsort, Sozialisation, familiäre Herkunft oder Selbstverständnis zugrunde gelegt werden, gelten zwischen 16,7 und 26,1 Prozent der Bevölkerung als ostdeutsch. Hinzu kommen erhebliche Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen den Generationen sowie zwischen strukturstarken und strukturschwachen Regionen. Ostdeutschland ist keine homogene Erfahrungswelt.

Dennoch gibt es historische Prägungen, die bis heute sichtbar sind. Sie entstanden nicht aus einem unveränderlichen Volkscharakter, sondern unter den konkreten Bedingungen der DDR, des Umbruchs von 1989/90 und der folgenden Transformation.

Pragmatismus: eine Haltung aus der Biografie heraus

So verlangte der DDR-Alltag häufig Improvisation, was keine neue Erkenntnis ist, aber durchaus prägend. Fehlende Materialien, verschlissene Maschinen, knappe Dienstleistungen und lange Wartezeiten zwangen viele Menschen dazu, praktische Lösungen außerhalb der vorgesehenen Abläufe zu finden. Eigeninitiative und ein gewisses handwerkliches Geschick halfen, Versorgungslücken zu schließen. Was rückblickend als Pragmatismus erscheint, war zunächst eine Anpassung an eine wenig verlässliche Plan- und Versorgungswirtschaft. Eine Anpassung indes, die noch heute, gerade in wirtschaftliche instabilen Zeiten, vielen Menschen zugute kommt.