Ich lebe seit einigen Jahren in Hamburg. Hier bin ich der Ossi, in meiner Heimat Leipzig der Wessi. In Hamburg ist jeder zehnte Einwohner nach der Einheit aus dem Osten gekommen. Wenn ich auf einen von ihnen treffe, kann ich ihn relativ schnell identifizieren, obwohl viele versuchen dies eher zu verbergen – eine ostdeutsche Herkunft ist in Hamburg kein Gewinnerthema.

Aber ist der Osten eigentlich nur eine Erfindung? Der Westen habe den Osten erfunden, befand Dirk Oschmann in seinem fulminanten Bestseller. Nun hat Linda Teuteberg noch einmal nachgelegt. Falls Sie die Dame nicht kennen: Sie ist stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP, einer Kleinstpartei, die im Osten nie so richtig Tritt fassen konnte und immer öfter am Wahlabend unter „Sonstige“ subsumiert wird. Teuteberg meint, die Ostidentität wurde nach der Einheit „erfunden“, von der SED-Nachfolgerpartei PDS, die heute als „Die Linke“ firmiert. Inzwischen würde die AfD diese Ostidentität als „Geschäftsmodell“ beackern.

Identität kann man nicht einreden

Ich sehe das anders. Auch im politischen Raum gilt Angebot und Nachfrage. Keine Partei wird auf Dauer Erfolg haben, die gegen die Wünsche der Bürger agiert. Und umgekehrt hat eine Partei Erfolg, die auf ihre Wähler hört. Linke und AfD hätten also nie den Ostdeutschen eine Identität einreden können, wenn es diese nicht geben würde. Teuteberg hat recht, dass sich auch die DDR Bürger vor dem Mauerfall mehrheitlich als Deutsche verstanden haben. Aber natürlich haben 40 Jahre Trennung ihre Spuren hinterlassen. Die einen sind in einer Demokratie aufgewachsen, die anderen in einer Diktatur. Die Unterschiede waren größer als gedacht.