Am Wochenende hatte die Mehrzahl der EU-Mitgliedstaaten Spanien noch heftig für seine Migrationspolitik kritisiert. Nun hat sich die Europäische Union demonstrativ hinter Madrid gestellt. „Es gab in der Runde volle Solidarität mit Spanien“, sagte Innenkommissar Magnus Brunner nach einer virtuellen Sondersitzung der EU-Innenminister am Dienstag. Der Andrang auf Ceuta habe die „Sicherheit unserer Außengrenzen getestet“. Europa habe diesen Test bestanden, sagte Brunner. Man habe die Sicherheitslage schnell in den Griff bekommen, es habe keine Weiterreisen in den Schengenraum gegeben.Er verwies darauf, dass Europa in den vergangenen anderthalb Jahren viel getan habe, um irreguläre Migration zu begrenzen. Mit dem im Juni in Kraft getretenen Gemeinsamen Europäischen Asylsystem, kurz GEAS, habe man einen Rahmen, der Schnellverfahren an den Außengrenzen ermögliche, Asylverfahren und Rückführungen beschleunige. „Europa hatte noch nie so viel Kontrolle über illegale Migration wie jetzt“, sagte Brunner. Er verwies auf die Zahl der gesunkenen Asylbewerbungen in der EU, die in einigen Mitgliedstaaten so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr seien. Jedoch, so Brunner weiter: „Bilder sagen mehr als Statistiken.“Aus Brüssel hört man das in diesen Tagen öfter. Die Krise in Ceuta hatte innerhalb der EU einen politischen Streit ausgelöst. Es habe so ausgesehen, als habe Europa seine Grenzen nicht unter Kontrolle, hieß es. Einige EU-Politiker warnten davor, dass dies die Kräfte am rechten Rand stärken könnte. Und sie gaben dem spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez die Schuld daran, dessen Politik solche Bilder überhaupt erst ermöglichte.Konflikt zwischen den EU-StaatenNachdem in der vergangenen Woche Zehntausende Migranten in die spanische Exklave Ceuta gekommen waren, hatten mehrere europäische Regierungen gefordert, Spanien aus dem Schengenraum auszuschließen. Unabhängig davon unterzeichneten 22 der 27 Staats- und Regierungschefs, auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), einen von der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und der dänischen Regierungschefin Mette Frederiksen initiierten Brief: Darin forderten sie Spanien auf, die EU-Außengrenzen besser zu kontrollieren, und warfen Madrid indirekt vor, den Menschen mit jüngsten Entscheidungen Anreize gegeben zu haben, den Weg in die EU zu wagen.Der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska verteidigte das Vorgehen seiner Regierung. Nach der Videokonferenz in Madrid äußerte er sich gegenüber Journalisten zufrieden mit dem Ergebnis und lobte die „konstruktive“ Atmosphäre in der Sondersitzung. Alle europäischen Partner hätten die „effektive und sofortige Reaktion“ der spanischen Regierung in Ceuta anerkannt. Dort seien 72.000 Marokkaner und Migranten angekommen, von denen mittlerweile 70.000 wieder zurückgekehrt seien. Der Schengenraum sei „in keiner Weise“ gefährdet gewesen, betonte Grande-Marlaska. Niemand könne Ceuta ohne „effektive Dokumentenkontrolle“ verlassen. Spanien habe zusammen mit Marokko „entschlossen“ gehandelt, um eine „menschliche Tragödie zu verhindern“. Kein Geheimdienst habe die spanische Regierung vor dem Ansturm gewarnt.In Madrid hatte man sich zunächst enttäuscht darüber gezeigt, dass der größte Teil der EU-Partner Spanien für die Migrationskrise in Ceuta verantwortlich machte und heftiger kritisierte als Marokko. Nur Frankreich, Portugal, Irland und Luxemburg weigerten sich, den von Meloni und Frederiksen initiierten Brief zu unterzeichnen, den in Madrid auch der amerikanische Botschafter unterstützte.Auch die erste Reaktion von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die sich zunächst der Kritik angeschlossen hatte, wurde in Madrid als „eisig“ empfunden. Am Montag korrigierte sie sich in einem Brief an Ministerpräsident Sánchez und rief zur Solidarität auf. Sie gratulierte Spanien und Marokko, „einem wichtigen Partner im Kampf gegen Menschenhandel und illegale Einwanderung“.In einem wütenden Brief an die EU-Führung hatte Sánchez zuvor die erste europäische Reaktion als „egoistisch und polarisierend“ bezeichnet. Sie sei von „Vorurteilen, Falschmeldungen, Unwissenheit oder Eigeninteressen“ geprägt. Der frühere spanische EU-Außenbeauftragte Josep Borrell sagte in einem Interview am Dienstag: „Die europäische Solidarität ist in Ceuta gestorben.“Spanien im VerteidigungsmodusDie spanische Regierung versteht sich als verlässliche Partnerin im europäischen Kampf gegen die illegale Migration. Als Beweis dafür nennt sie die jüngsten Zahlen der EU-Grenzschutzagentur Frontex: Im ersten Halbjahr 2026 kamen demnach 16.643 Migranten über das östliche Mittelmeer nach Griechenland und fast 14.340 über das zentrale Mittelmeer nach Italien. Über das westliche Mittelmeer in Richtung Spanien kamen nur 7860 und über den Atlantik auf die Kanarischen Inseln 3175.Den Rückgang von mehr als 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf den Kanaren führt man in Spanien auf die enge Zusammenarbeit mit Transit- und Herkunftsländern wie Marokko, Mauretanien und dem Senegal zurück.Einen Zusammenhang zwischen dem Ansturm in Ceuta und der jüngsten Massenlegalisierung für irregulär eingereiste Migranten in Spanien weist man in Madrid zurück. EU-Partner wie Italien hatten die Aktion schon zuvor kritisiert und jetzt als einen möglichen Grund genannt. In den sozialen Medien Marokkos wurde stattdessen das jüngste Urteil des Obersten Gerichtshofs Spaniens thematisiert. Das Gericht hatte entschieden, dass Migranten, die schwimmend nach Ceuta gelangten, nicht unmittelbar zurückgewiesen werden durften. In der Folge kamen auf diesem Weg Zehntausende Menschen in die spanische Exklave.Die jüngste Legalisierungsmaßnahme in Spanien konnte nur von Ausländern in Anspruch genommen werden, die bis zum 31. Dezember 2025 mindestens fünf Monate lang ununterbrochen im Land lebten und keine Vorstrafen hatten. 1,17 Millionen Migranten stellten einen Antrag. Mehr als 1,2 Millionen Menschen hatten in der Vergangenheit schon von ähnlichen Programmen profitiert – auch in der Regierungszeit der konservativen PP, die die jüngste Aktion zusammen mit der rechtspopulistischen Vox-Partei heftig kritisiert hatte. Auch von EU-Partnern wie Italien waren Einwände laut geworden, obwohl das Aufenthaltsrecht in Spanien keine Freizügigkeit in der EU bedeutet.Die Legalisierung geht auf eine sogenannte Volksgesetzinitiative zurück. Die katholische Kirche, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, rund 900 Nichtregierungsorganisationen und 700.000 Unterzeichner unterstützten sie – anfangs auch die PP.EU-Innenkommissar: Instrumente besser nutzenBrunner dankte am Dienstag den spanischen Behörden, dass sie so schnell die Ordnung in Ceuta wiederhergestellt hätten. Er verwies auf die schnelle Umsetzung von GEAS, um künftig solche Situationen zu vermeiden. Die Mitgliedstaaten müssten die Instrumente, die ihnen zur Verfügung stehen, besser nutzen, mahnte er. Dazu gehöre es auch, Asylverfahren außerhalb der EU abzuwickeln, etwa in sicheren Drittstaaten, zu denen für Brüssel seit Juni auch Marokko gehört. Derzeit verhandelt Brüssel mit Rabat über einen Partnerschaftsvertrag.Brunner sagte auch, Spanien und Marokko arbeiteten bereits an weiteren Maßnahmen. Außerdem werde die Meeresgrenze derzeit stärker überwacht. Man richte nun den Blick nach vorn. Dafür habe von der Leyen in ihrem Brief an Sánchez schon fünf Punkte formuliert.Erstens müsse man stärker mit den Nachbarstaaten der EU kooperieren. Es gehe um ein besseres Migrationsmanagement, Visapolitik, aber auch Entwicklungszusammenarbeit und Wirtschaftspolitik. Von der Leyen habe in ihrem Brief auch betont, dass man schnellere Rückführungsverfahren brauche. Außerdem müsse man die Außengrenzen sowie Frontex stärken. Im Herbst steht eine Novelle der Frontex-Verordnung an.Zudem nannte die EU-Kommissionspräsidentin laut Brunner die Stärkung von Frühwarnsystemen, etwa durch eine stärkere Überwachung der sozialen Medien. Dafür müsse die EU auch die Kapazitäten der europäischen Polizeibehörde Europol stärker nutzen. Der Innenkommissar machte Schmuggelnetzwerke und Desinformationskampagnen in den sozialen Medien für das Geschehen in Ceuta verantwortlich. Es habe eine gezielte Instrumentalisierung der Migranten durch Schleuser gegeben. Kriminelle hätten die Menschen durch Falschinformationen im Internet zu der gefährlichen Reise getrieben, sagte er.Der letzte Punkt von der Leyens betrifft laut Brunner die Zerschlagung von Schleusernetzwerken. Dazu seien Anfang Juli neue Maßnahmen vorschlagen worden, um eine globale Allianz gegen Schleuser zu stärken.