InterviewChristoph Blocher: «Der dritte Weltkrieg ist näher gerückt – soll der Bundesrat beliebig über Krieg oder Frieden entscheiden können?»Kurz nach dem Überfall auf Russland bezeichnete der Altbundesrat die Schweiz als «Kriegspartei». Heute ist er überzeugt davon, dass eine dauernde, bewaffnete und integrale Neutralität die Schweiz vor einem allfälligen russischen Angriff bewahren würde.04.08.2026, 12.00 Uhr9 LeseminutenChristoph Blocher: «Russland gehört zu den Staaten, die seit dem Wiener Kongress 1815 die schweizerische Neutralität stets hochgehalten haben.»Anthony Anex / Keystone1938 kehrte die Schweiz zur integralen und damit absoluten Neutralität zurück und vermied damit, dass sie Sanktionen gegen Italien hätte ergreifen müssen. Der Genfer Rat anerkannte diese neue Neutralität am 14. Mai. Zum Gespräch mit der NZZ nimmt alt Bundesrat Christoph Blocher eine Kopie des damaligen Bundesratsbeschlusses mit. Er ist überzeugt davon, dass eine rigide Neutralität die Schweiz im Zweiten Weltkrieg gerettet hat und dass sie die Schweiz im Ernstfall erneut retten würde. In der SVP ist er mit seiner Erzählung sehr erfolgreich. Auch Bundesrat Albert Rösti bezog sich jüngst auf die Kehrtwende des Bundesrats kurz vor Kriegsausbruch. In seiner 1.-August-Rede erinnerte Rösti daran, dass die Schweiz ihre Neutralität primär für den Völkerbundsbeitritt teilweise aufgegeben habe. Er bezeichnete dies als schweren Fehler, der das Land beinahe in einen Krieg mit Italien geführt habe. In die Debatte über die Art der schweizerischen Neutralität mischt sich mittlerweile auch Russland ein. Die russische Botschaft in Bern und die Sprecherin des Aussenministeriums sagen klar, dass die Schweiz nicht mehr neutral sei, und sprechen sich indirekt und direkt für die Neutralitätsinitiative aus. Davon will Christoph Blocher allerdings nichts hören.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Blocher, im März 2022 sagten Sie in einem Interview mit der NZZ, die Schweiz sei nun eine Kriegspartei. Russland hatte wenige Tage zuvor die Ukraine überfallen, und der Bundesrat schloss sich den Sanktionen der EU an. Wollten Sie mit dieser harten Aussage den Markt für Ihre Neutralitätsinitiative testen?Christoph Blocher: Meine Überlegungen waren ernsthafterer Natur. Vor vier Jahren hat die Schweiz erstmals in der Geschichte die schweizerische Neutralität gegenüber einer Atommacht – Russland – verletzt. Das ist sehr gefährlich. Russland zählt uns heute zu den Gegnern; die Schweiz ist nun eine Kriegspartei.Die Schweiz hat ihre Neutralität immer wieder verletzt und Grenzen verschoben. Als kleines Land zwischen Grossmächten muss sie flexibel sein. Als Altbundesrat müssten Sie dieser Geschmeidigkeit eigentlich Verständnis entgegenbringen.Volle Flexibilität darf es in der Kriegsführung nicht geben. Was heisst denn flexibel? Dass die Politiker sie brechen, wann sie wollen? Das ist gerade das Gegenteil der schweizerischen Neutralität.Auch General Guisan verletzte die Neutralität, indem er im Zweiten Weltkrieg Kontakt mit den Franzosen aufnahm. Dies in der Hoffnung, die Schweiz vor der Wehrmacht schützen zu können.General Guisan hat an zwei Stellen etwas getan, das man – oberflächlich betrachtet – als Neutralitätsverletzung bezeichnen könnte. Er sprach in einer Zeit grösster Gefahr mit den Franzosen darüber, was geschehen würde, falls Deutschland die Schweiz angreifen sollte. Genau dieser Fall ist in unserer Neutralitätsinitiative ausdrücklich geregelt. Ein Zusammengehen mit dem Gegner eines Angreifers ist erlaubt, wenn die Schweiz unmittelbar bedroht ist. Dann geht man mit dem Feind des Feindes.Indem man die Neutralität verletzt.Natürlich wurde die Neutralität immer wieder verletzt – stillschweigend oder sogar öffentlich. Trotzdem blieb sie glaubwürdig. Entscheidend sind drei Voraussetzungen. Erstens: dauernde Neutralität. Zweitens: bewaffnete Neutralität. Und drittens: integrale Neutralität. «Integral» bedeutet, dass Neutralität nicht nur militärisch gilt, sondern auch gegenüber nichtmilitärischen Kampfmitteln – Wirtschaftssanktionen, diplomatischen Massnahmen, Reisebeschränkungen und anderem.Die Schweiz ist heute schon neutral.Ich spreche von der schweizerischen Neutralität. Das schränkt die Politiker ein, das wollen sie nicht, und sie ziehen die Schweiz in fremde Kriege. 1938 schrieb der Bundesrat an das Parlament, die Schweiz müsse zur traditionellen schweizerischen Neutralität zurückkehren, weil es sonst Krieg mit Italien gegeben hätte. Diese Neutralität gilt formell bis heute. Sie wird seit neuestem einfach nicht eingehalten. Deshalb stehen wir heute auf der schwarzen Liste Russlands. Und gleichzeitig auf der Liste der Guten in Amerika. Präsident Biden sagte damals vor dem Kongress sinngemäss: «Even Switzerland is now with us.» – «Sogar die Schweiz steht jetzt auf unserer Seite.» Das bedeutet eben: Die Schweiz gilt nicht mehr als neutral.Der Bundesrat kehrte 1938 aus einer gewissen Hilflosigkeit zur traditionellen Neutralität zurück. Der Völkerbund war massiv geschwächt.1936 besetzte Italien Abessinien. Der Völkerbund verlangte von seinen Mitgliedern einen Wirtschaftsboykott gegen Italien – also eine nichtmilitärische Kampfmassnahme. Der Bundesrat sagte: Das machen wir nicht. Sonst geraten wir in einen Krieg mit unserem Nachbarn. Der Völkerbund beharrte zunächst darauf. Schliesslich erreichte die Schweiz aber, dass sie zur traditionellen Neutralität zurückkehren konnte. Der Bericht vom 8. Juni 1938 ist ein hervorragendes Dokument. Das Parlament beschloss dies einstimmig.Aussenminister Ignazio Cassis sagte kürzlich, die Schweiz habe sich historisch oft «durchgewurstelt». Ihre Initiative würde ein sehr starres Neutralitätsverständnis in der Verfassung festschreiben. Der Bundesrat könnte kaum mehr flexibel auf die geopolitischen Entwicklungen reagieren.Soll der Bundesrat beliebig über Krieg oder Frieden entscheiden können? Politiker ziehen Länder in Kriege hinein – nicht die Bevölkerung. Deshalb braucht es feste Leitplanken. Denken Sie an die Schuldenbremse. Auch dort sagte man damals: «Das schränkt die Politik zu stark ein.» Natürlich schränkt sie ein. Genau das ist ihr Zweck. Mit der Neutralität ist es genauso.«Wir stellen uns doch nicht auf die Seite des Aggressors!»Westliche Nachrichtendienste warnen schon lange davor, dass Russland ab 2028 auch westliche Länder angreifen könnte. Auch Drohnenangriffe auf kritische Infrastruktur in der Schweiz schliessen die nicht aus. Glauben Sie wirklich, Russland würde auf einen Angriff verzichten, nur weil die Schweiz neutral ist?Davon bin ich überzeugt. Russland gehört zu den Staaten, die seit dem Wiener Kongress 1815 die schweizerische Neutralität stets hochgehalten haben. Ich bin überzeugt davon, dass Russland weder unsere Infrastruktur noch sonst etwas angriffe, wenn wir schweizerisch neutral wären. Wer die Schweiz angreift, setzt sich ins Unrecht und treibt die Schweiz gleichzeitig in die Hände seines Gegners. Gerade das will Russland vermeiden.Einem Aggressor in die Hände zu spielen, ist doch nicht neutral.Wir stellen uns doch nicht auf die Seite des Aggressors! Aber wir stehen eben auch nicht Seite an Seite mit den Gegnern. Genau das ist schweizerische Neutralität. Neutralität ist schwierig – besonders gegenüber jemandem, der Unrecht begeht. Aber die Doktrin lautet: Wir sind dauernd neutral. Niemand muss Angst haben, dass wir Krieg führen oder uns in einen Krieg hineinziehen lassen. Der Entscheid des Bundesrates, die Sanktionen zu übernehmen, war ein Fehler.Russland hat mehrfach erklärt, dass es die Schweiz nicht mehr als neutral betrachtet, und die russische Botschaft greift gerade ziemlich unverhohlen in den Abstimmungskampf über die Neutralitätsinitiative ein. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, Sie hätten eine «Pro-Putin-Initiative» lanciert?Wo greift die russische Botschaft in den Abstimmungskampf ein? Ich mindestens habe davon nichts verspürt. Ich glaube, dass Russland am liebsten die Ukraine ganz kontrollieren möchte. Damit sage ich nicht, dass ich das richtig finde. Aber der dritte Weltkrieg ist näher gerückt. Wenn Russland die Ukraine irgendwann tatsächlich vollständig kontrolliert, steht es vor Polen und Deutschland. Diese Länder sind heute faktisch Kriegsparteien, weil sie die Ukraine militärisch unterstützen. Dann steht Russland letztlich an der Schweizer Grenze. Und dann stellt sich für Russland die Frage: Greifen wir die Schweiz an?Und, greift Russland an?Meine Antwort lautet: Wenn die Schweiz absolut neutral ist, wird es das nicht tun. Gleichzeitig muss die Schweiz jedem potenziellen Angreifer natürlich klarmachen, dass sie sich – neben der absoluten Neutralität – auch mit allen verfügbaren Mitteln verteidigen wird. Der Preis für einen Angriff muss hoch sein.Der ehemalige Chef der Armee, Thomas Süssli, sagte einmal, dass die Schweiz einem bewaffneten Angriff etwa vier Wochen lang standhalten könne. Das soll Russland abschrecken?Nicht ein möglicher Sieg der Schweizer Armee ist die Abschreckung, sondern der hohe Preis für den Angreifer – die Dissuasion der Schweizer Armee. Wir haben ja noch immer einen grossen Vorteil: unser Gelände. Natürlich ist unsere Armee heute schwächer geworden. Darum müssen wir sie stärken. Aber die schweizerische Neutralität preiszugeben, wäre das Dümmste, was wir tun könnten. Falls wir uns der Nato anschliessen würden – wer wäre denn heute überhaupt noch die eigentliche militärische Macht der Nato?Die USA.England vielleicht auch noch. Doch die meisten europäischen Armeen sind heute ungefähr dort, wo auch die Schweiz steht. Glauben Sie wirklich, Amerika käme der Schweiz im Ernstfall zu Hilfe?Umgekehrt gefragt: Wenn die Schweiz tatsächlich angegriffen würde – wer würde sie denn verteidigen, wenn nicht die Nato?Die Nato würde uns nicht aus Liebe zur Schweiz verteidigen. Sie hätte vielleicht ein eigenes Interesse daran, denn wenn Russland die Schweiz angriffe, wären auch Nato-Staaten unmittelbar betroffen. Deshalb würden sie eingreifen – aus Eigennutz. Zentral ist aber die Verteidigung durch die vollständige dauernde Neutralität der Schweiz: die Kriegsverhinderung.Bleibt die Kriegsverhinderung ein Wunschtraum, kann die Schweiz kein Interesse daran haben, sich vollständig von der Nato zu lösen. Die Neutralitätsinitiative würde Kooperationen verunmöglichen. Die Schweiz muss aber mit den Nato-Staaten zusammenarbeiten können, um sich auf einen Ernstfall vorzubereiten.Die Schweiz kann sich allein verteidigen. Wir geben jedes Jahr Milliarden für die Armee aus. Sie bietet einen gewissen Schutz. Herrn Süssli habe ich gesagt: Statt dauernd zu erklären, wir könnten uns nur wenige Wochen verteidigen, sollte man lieber dafür sorgen, dass die heutige Armee überhaupt funktioniert.Die Schweiz muss heute beim Kauf von Rüstungsgütern hinten anstehen. Bevorzugt werden Länder, die enger mit der Nato zusammenarbeiten.Wenn Amerika Waffen zuerst an Bündnispartner liefert, ist das verständlich. Diese Länder sind Kriegsparteien. Man muss mit dem arbeiten, was man hat, und die eigenen Stärken nutzen.Altbundesrat Samuel Schmid sagte kürzlich in der NZZ, die Vorstellung, Neutralität schütze vor Angriffen, sei ein «opportunistischer Mythos». Sie schütze nicht vor modernen Angriffsmitteln wie Mittelstreckenraketen.Samuel Schmid zeigt mit solchen Aussagen, dass er nie wirklich für eine konsequente Neutralität eingestanden ist. Er gehörte zudem zu jenen, die unsere Armee massiv reduziert haben. Pragmatische Neutralität ist keine schweizerische Neutralität. Man hält am Begriff fest, weil die Bevölkerung ihn liebt, will sich aber alle Freiheiten offenhalten.Apropos pragmatische Neutralität. Die SVP unterstützt das neue Kriegsmaterialgesetz, gemäss dem die Schweiz auch Waffen an kriegführende westliche Länder verkaufen kann – bloss an die Ukraine nicht. Was ist das denn für ein Neutralitätsverständnis?Das ist doch überhaupt kein Widerspruch! Kriegsmaterial zu exportieren, ist völkerrechtlich nicht verboten. Allein dadurch wird man noch keine Kriegspartei. Die SVP war übrigens schon immer – zusammen mit dem Bundesrat – gegen die heutige Gesetzeslage. Wir haben damals vorausgesehen, welches Problem entsteht, wenn man einem Staat Waffen verkauft, ihm aber gleichzeitig verbietet, darüber frei zu verfügen. Die Mitteparteien – insbesondere die damalige CVP – wollten verhindern, dass Schweizer Waffen in Kriegsgebiete weitergegeben werden. Die Linke wollte Waffenexporte ohnehin möglichst ganz verhindern. Diesen Fehler versucht man jetzt zu korrigieren.Die ehemalige SP-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey sagte kürzlich, ein deutliches Nein zur Neutralitätsinitiative würde jene Kräfte stärken, die eine engere Anbindung an die EU oder die Nato wollten. Haben Sie sich selbst einen Bärendienst erwiesen, indem Sie die Initiative so rigide formuliert haben?Hätten wir einfach geschrieben: «Die Schweiz ist dauernd bewaffnet neutral», hätten wir vermutlich sogar im Parlament Zustimmung erhalten. Aber das genügt nicht. Das eigentliche Problem sind die nichtmilitärischen Kampfmassnahmen.Was meinen Sie konkret?Schauen Sie die USA an: wirtschaftliche Kriege mit Zöllen und Sanktionen gegen China oder Russland. Dabei fällt kein einziger Schuss. Schon Zwingli sagte: «Die Brotsperre ist die schlimmste Waffe.» Denn dabei muss der Angreifer sein eigenes Leben nicht riskieren – und lässt stattdessen die Bevölkerung des Gegners verhungern. Deshalb konnten wir die Initiative nicht weich formulieren.In Ihrer Partei, der SVP, sind nicht alle nur begeistert, dass Sie die Initiative lanciert haben. Man rechnet sich schlechte Chancen an der Urne aus. Wie oft kann eine Partei verlieren, bis es ihr schadet?Sie gehen immer davon aus, dass ich nach Mehrheiten schiele und rein taktisch vorgehe. Aber darum ging es höchstens am Anfang, als die SVP knapp zehn Prozent hatte. Es geht um die Sache! Ich höre immer wieder von Journalisten, der eine oder der andere SVP-Vertreter lehne die Neutralitätsinitiative ab. Ich kenne aber keinen, der so denkt.Ihre Prognose für die Urnenabstimmung?Ich sage es Ihnen einen Tag nach der Abstimmung. Man macht Volksbegehren nicht, um auf jeden Fall zu gewinnen, sondern für die richtige Sache. Wenn es ein Nein gibt, hat man wenigstens wieder einmal ernsthaft über die Neutralität geredet und viel versprochen.Passend zum Artikel