PfadnavigationHomeGeschichteOlympia in Berlin 1936„Die Olympianer sehen aus wie die Direktoren von Flohzirkussen“Stand: 08:43 UhrLesedauer: 7 MinutenHitler auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions während der SpieleQuelle: Getty Images/Fox PhotosAm 1. August 1936 eröffnete Hitler die Olympischen Sommerspiele in Berlin. Auf dem „Reichssportfeld“, um das es zuvor heftigen Streit gegeben hatte, feierten die Zuschauer den US-Star Jesse Owens. Das NS-Regime inszenierte dagegen Provokationen.Ausgerechnet das „Friedensfest“ der Welt begann am 1. August 1936 mit einem bewusst kalkulierten doppelten Affront. Das zeigte, was der Gastgeber von der völkerverbindenden Idee hielt, die zu feiern er sich angeboten hatte: rein gar nichts. Erstens zwang der vorgegebene Tagesablauf die Funktionäre des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), vor der offiziellen Eröffnung der XI. Sommerspiele neuer Zeit die Front eines Ehrenbataillons aus zwei Kompanien Infanterie sowie je einer Kompanie der Luftwaffe und der Kriegsmarine abzuschreiten. Und das ausgerechnet vor dem Berliner Zeughaus Unter den Linden, zu dieser Zeit ein Heeres- und Kriegsmuseum. „Die Olympianer sehen aus wie die Direktoren von Flohzirkussen“, schrieb Propagandaminister Joseph Goebbels danach spöttisch in sein Tagebuch.Noch viel provokanter war, dass der „Führer und Reichskanzler“ Adolf Hitler wenig später in Begleitung des Reichskriegsministers Werner von Blomberg einen Kranz in der „Langemarckhalle“ unter der Ehrentribüne des Reichssportfeldes niederlegte. Diese Kultstätte verherrlichte den sinnlosen, symbolisch überhöhten Opfertod Tausender deutscher Reservisten und Kriegsfreiwilliger nahe der Stadt Langemarck in Flandern Anfang November 1914. So die Olympischen Spiele zu beginnen, war eine vorsätzliche Demütigung der Gäste aus England, Frankreich, Belgien und den USA.Der Himmel schien es ähnlich zu sehen: Der Samstag begann mit stetem Nieselregen. Das hinderte aber mehr als zwei Millionen Berliner nicht, die Eröffnung der Spiele in ihrer Stadt zu feiern. Sie wurden belohnt: Knapp vor dem Beginn der eigentlichen Eröffnungsfeier im Olympiastadion verzogen sich die Wolken. „Einen solchen Tag hat Berlin noch nie erlebt, auch nicht in den verflossenen Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft mit ihrer auf großartige Maßstäbe eingestellten Regiekunst“, kommentierte die schon notorisch nüchterne „Neue Zürcher Zeitung“. Auch der feierliche Einzug der Mannschaften war geprägt von militärischer Strenge. Das italienische Team wurde besonders gefeiert und erstaunlicherweise die Franzosen. Die allerdings hatten zu einem Trick gegriffen: Sie salutierten auf antike Art mit erhobenem und gestrecktem rechten Arm, was das Publikum als den in Deutschland inzwischen üblichen Hitler-Gruß deutete. Dagegen blieb der Empfang der britischen Mannschaft kühl, was selbst Goebbels als „etwas peinlich“ empfand.Lesen Sie auchUm die Spiele beworben hatte sich die Reichshauptstadt in einer anderen Zeit. 1930 ersuchte Berlin „ergebenst“ das IOC, 1936 die Wettkämpfe ausrichten zu dürfen. Im Mai 1931 stimmten die Sportfunktionäre zu: Seinerzeit war Olympia noch kein Multimilliardengeschäft, sondern ein Investment mit ungewissem Ausgang.Schon ein Jahr später, bei den X. Olympischen Spielen in Los Angeles, waren angesichts der politischen Probleme in Deutschland düstere Wolken über dem Vorhaben aufgezogen. IOC-Präsident Henri de Baillet-Latour ließ indirekt bei Hitler anfragen, wie sich die NSDAP zu den Spielen stellen würde, wenn sie an die Regierung käme. Die Antwort klang beruhigend: Man werde die „Frage der Durchführung mit großem Interesse“ betrachten.Trotz des Aufsehens, das das gewalttätige Vorgehen der NSDAP in den ersten Monaten nach der Machtübernahme international erregte, bestätigte das IOC Anfang Oktober 1933 die Vergabe der Spiele nach Berlin. Daraufhin besichtigte Hitler das als Austragungsort vorgesehene Deutsche Stadion im Nordwesten des Bezirks Charlottenburg; es war für die Olympischen Spiele 1916 errichtet worden, die wegen des Ersten Weltkrieges ausfielen. Nun sollte die Anlage erweitert werden. Theodor Lewald, der Vorsitzende des Organisationskomitees, vermerkte über die Visite: „Der Kanzler erklärte, das Stadion müsse ganz vom Reich gebaut werden, es sei das eine Reichsaufgabe; wenn man die ganze Welt zu Gast geladen hätte, müsste etwas Großartiges und Schönes entstehen.“ Lewald bilanzierte Hitlers Besuch: „Ich glaube, dass mit dem heutigen Tag der entscheidende Schritt für die Verwirklichung unserer kühnsten Hoffnungen und Pläne getan ist.“Statt der 120.000 Menschen, die das gesamte Gelände nach Lewalds Vorstellungen fassen können sollte, wollte Hitler einen Aufmarschplatz für mindestens eine halbe Million Berliner. Das neue Stadion allein sollte mit 100.000 Plätzen das größte der Welt werden. Doch die Bedeutung des nun Reichssportfeld genannten Areals ging weit über die zweiwöchigen Sommerspiele hinaus. Ohne Ausschreibung erhielt der Architekt Werner March den Auftrag für die notwendigen Neubauten; sein Vater Otto hatte das Deutsche Stadion errichtet, das ab April 1934 abgerissen wurde. In weniger als zwei Jahren entstanden das Stadion und zahlreiche Nebenbauten. Das war nur möglich aufgrund der von rechtlichen Vorschriften völlig freien Bauarbeiten. Auf Wunsch des Architekten traf Hitler selbst mehrfach Entscheidungen in strittigen Fragen der Gestaltung; trotzdem war und blieb das Stadion eine Schöpfung Werner Marchs, mit der Hitler nie ganz zufrieden war. Gegenüber dem französischen Botschafter in Berlin, André François-Poncet, bemängelte er die Stahlbeton-Konstruktion, die der „Schönheit des Steins“ nicht gleichkomme; am 28. Juni 1935 äußerte er gegenüber dem Berliner Oberbürgermeister Heinrich Sahm, er sei „durchaus nicht zufrieden mit dem, was auf dem Reichssportfeld alles geschähe“. Hier dürfte der wahre Kern einer von Albert Speer in seinen „Erinnerungen“ festgehaltenen Anekdote liegen: „In eine unangenehme Lage geriet das deutsche Olympiakomitee, als Hitler sich vom zuständigen Staatssekretär im Innenministerium, Hans Pfundtner, die ersten Pläne für den Neubau des Stadions zeigen ließ. Werner March, der Architekt, hatte einen Betonbau mit verglasten Zwischenwänden, ähnlich dem Wiener Stadion, vorgesehen. Von der Besichtigung kam Hitler zornig und erregt in seine Wohnung, wohin er mich mit Plänen bestellt hatte. Kurzerhand ließ er den Staatssekretär wissen, dass die Olympischen Spiele abzusagen seien.“Daraufhin, so Speer weiter, habe er „über Nacht eine Skizze“ gezeichnet, die „eine Umkleidung des Konstruktionsgerippes mit Naturstein sowie kräftigere Gesimse vorsah, die Verglasung fiel fort, und Hitler war zufrieden“. Eine frei erfundene Geschichte, denn die nahezu lückenlos erhaltenen Bauakten überführen Speer der Lüge. Auch Werner March konnte sich nicht an eine derartige „Einflussnahme“ von Hitlers Lieblingsarchitekten erinnern. Während der eigentlichen Spiele war die Stimmung in der Reichshauptstadt enthusiastisch. Die Berliner freuten sich, Gastgeber der ganzen Welt zu sein. Sie schmückten ihre Stadt noch über die ohnehin aufwendige, wenn auch nicht gerade geschmackvolle Verzierung mit NSDAP-Symbolen hinaus. Lesen Sie auchBei den Wettkämpfen war Hitler meist im stets bis zum letzten Platz gefüllten Stadion anwesend. Der ganz in seiner Nähe auf der Ehrentribüne sitzende französische Botschafter André François-Poncet beobachtete die Freude des Kanzlers bei deutschen Siegen – und seine finstere Miene, wenn deutsche Athleten geschlagen wurden. Gar nicht glücklich war er, als die Berliner den Superstar der Wettkämpfe, den farbigen US-Sprinter und vierfachen Gold-Gewinner Jesse Owens, begeistert feierten.Für die Abschlussfeier ließ sich Albert Speer etwas Besonderes einfallen. Rund um die Arena wurden starke Flakscheinwerfer aufgestellt, die am Abend des 16. August 1936 auf einen Schlag eingeschaltet wurden. Selbst der dem NS-Regime gegenüber sehr kritische US-Botschafter in Berlin, William E. Dodd, war beeindruckt: „Das große Stadion war ringsherum von den obersten Reihen aus erleuchtet durch kuriose Strahlenbündel, die sich in 60 bis 100 Meter Höhe kreuzten. Noch nie habe ich eine so bis ins Letzte ausgeklügelte Schau gesehen.“ Dodd bilanzierte trotzdem: „Diese Art von Propaganda mag den Deutschen gefallen haben; auf Ausländer machte sie, wie ich gehört habe, einen ungünstigen Eindruck.“Das bestätigt eine vertrauliche Auswertung der internationalen Presse durch das Propagandaministerium: Gerade die dem Dritten Reich gegenüber kritischen Zeitungen blieben bei ihrer Linie der Berichterstattung über Deutschland. Dass trotzdem die Olympischen Spiele 1936 in vielen Köpfen als Triumph des Nationalsozialismus weiterwirken, war die Folge eines nicht vorhersehbaren Geniestreichs: Die Regisseurin Leni Riefenstahl, die mit extremen Perspektiven und radikal neuen Motivideen schon die beiden NSDAP-Parteitage 1933 und 1934 in außergewöhnliche Bilder gebannt hatte, filmte mit nie gekanntem Aufwand auf dem Reichssportfeld. Ihre zwei Olympia-Filme „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ gelten zu Recht als perfekte, noch heute faszinierende Inszenierungen des Nationalsozialismus.Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählt schon seit seinem Geschichtsstudium neben der SED-Diktatur und dem linken wie rechten Terrorismus der Nationalsozialismus. Er hat mehr als 30 Bücher geschrieben, darunter „Hitlers ,Mein Kampf‘“ und „Die NSDAP“.