Vor Olympia 1936 ringt die Schweiz um einen Boykott – die Angst vor wirtschaftlichen Konsequenzen setzt sich aber durch1936 reist die Schweizer Delegation trotz scharfen Debatten im Parlament nach Berlin. Ein Blick zurück zeigt, wie die Angst vor diplomatischer Isolation die Moral überlagert und wie ein Turner ein Zeichen gegen den Nationalsozialismus setzt.Marcel Gisler31.07.2026, 05.40 Uhr6 LeseminutenGeorges Miez, aufgenommen an den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam, hat an vier Spielen acht Medaillen gewonnen.Photopress-Archiv / KeystoneGeorges Miez aus Winterthur ist bis heute der erfolgreichste Olympiateilnehmer der Schweiz. Zwischen 1924 und 1936 holte er im Turnen an vier verschiedenen Anlässen acht Medaillen, darunter viermal Gold.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Sommerspiele 1936 in Berlin sollten der Höhepunkt seiner Karriere werden. Ebenso wie weitere Schweizer Sportler war Miez hin- und hergerissen zwischen der Ablehnung des Hitler-Regimes und persönlichen sportlichen Ambitionen. Er lobte die gute Organisation der Deutschen. Obwohl er von mehreren Journalisten des Gastgeberlandes belagert und abgelenkt wurde, gewann er in Berlin mit einer perfekten Übung Gold im Bodenturnen.In seinen Memoiren, die er 1978 veröffentlichte, beschrieb er die Siegerehrung. «Sie haben die Ehre der Schweiz gerettet», habe ihm Hitler zugeflüstert. Offenbar war er gebeten worden, dem Führer den Hitlergruss zu bekunden, was für Vertreter nichtfaschistischer Staaten unüblich war. Als Offizier der Schweizer Armee lehnte Miez den Wunsch kategorisch ab. Er setzte ein Zeichen gegen den Nationalsozialismus – so stellte er es zumindest selbst dar. Und bekam es danach im Stadion mit der Angst zu tun.Parlamentsdebatte über einen möglichen BoykottDie Episode zeigt beispielhaft das Dilemma der Athleten jener Ära, weit über die Schweiz hinaus: Es war nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, sich in Berlin richtig zu verhalten. Die Spiele waren bereits 1931 an das zu dieser Zeit noch demokratische Deutschland vergeben worden. Nach der Ernennung zum Reichskanzler 1933 erkannte Hitler das propagandistische Potenzial des Anlasses und veranlasste den Bau des monumentalen Olympiastadions mit einer Kapazität von 100 000 Zuschauern. In grossem Stil inszenierte er ein Massenspektakel.Der Begründer der modernen Olympischen Spiele, Pierre de Coubertin, hatte im Olympismus ein pazifistisches, völkervereinendes Ideal gesehen. Die Charta hielt fest, dass Teilnahmen nicht von Rasse oder Religion abhängig sein dürfen. Doch in Deutschland wurden jüdische Sportlerinnen und Sportler bereits 1933 vom Sportbetrieb ausgeschlossen und konnten sich nicht für deutsche Teams qualifizieren.Ein gutes Jahr vor dem Anlass kam es in der Schweiz zu einer Boykottdiskussion, die der Historiker Christian Favre in der Studie «La Suisse face aux Jeux Olympiques de Berlin 1936» später untersuchte. Francis-Marius Messerli, der Generalsekretär des Schweizerischen Olympischen Komitees (SOK, heute Swiss Olympic), stellte einen Antrag zur Unterstützung der Schweizer Olympiamannschaft. Daraufhin prallten im Juni 1935 in einer Parlamentsdebatte die unterschiedlichen Standpunkte aufeinander.Die Schweizer Nationalmannschaft der Kunstturner gewann in Berlin im Teamwettkampf die Silbermedaille.Photopress-Archiv / KeystoneDer Bundesrat will Deutschland nicht verärgern, die Linke sparenBundesrat Giuseppe Motta befand, dass eine Ablehnung des Antrags ein schwerer diplomatischer Fehler wäre, insbesondere gegenüber einem Nachbar- und Freundesland, das zudem der wichtigste Wirtschaftspartner der Schweiz sei. Für den Bundesrat ging es offenbar vor allem darum, das mächtige Deutschland nicht zu verärgern.Bürgerliche Politiker vertraten die Meinung, die Teilnahme bekunde Offenheit, was als positives Signal an Deutschland zu verstehen sei, insbesondere im Hinblick auf den Tourismus. Sozialistische Parlamentarier hielten dagegen. Der Sozialdemokrat Johannes Huber (SG) schloss sein Votum mit der Bemerkung, sollte die Schweizer Delegation nach Berlin reisen, sei ihre einzige Auszeichnung jene als «Weltmeisterin im krummen Rücken».Die Linken verknüpften ihr Anliegen, Olympia zu boykottieren, mit den strengen Budgetrestriktionen jener Phase. Damit überzeugten sie zahlreiche unentschlossene bürgerliche Abgeordnete, denen eine korrekte Staatsrechnung dann doch wichtiger war als die Unterstützung von internationalen Sportwettkämpfen. Letztlich lehnte der Nationalrat den Budgetantrag in erster Lesung ab. Ein Entscheid mit politischer Sprengkraft, der eine mediale Diskussion entfachte.Die NZZ kritisierte die Ablehnung in einem Artikel mit dem Titel «Ein Missgriff» als «Angriff auf den Staat». Die Finanzdebatte sei nur vorgeschoben, der wirkliche Beweggrund der Sozialisten sei «ihr Hass gegen alle neutralen Sportverbände» sowie «ihr Bedürfnis, den Graben zwischen der Schweiz und dem Dritten Reich nach Möglichkeit auszuweiten». Dagegen wurde das versöhnende Element der olympischen Idee beschworen.In Zürich wurde im Rahmen der Feierlichkeiten zum 1. Mai im Jahr 1936 auch für einen Olympiaboykott demonstriert.Emil Acklin / Schweizerisches SozialarchivIn zweiter Lesung heisst das Parlament die Subventionen gutDie Schweiz, hiess es in der NZZ weiter, würde sich mit einem Boykott isolieren: «An dieser übernationalen Solidarität ist die Schweiz vital interessiert. Deshalb würden wir uns selbst desavouieren, wollten wir uns plötzlich weinend aus dem olympischen Bunde stehlen.» Auf die menschenverachtende Staatsführung in Deutschland wurde im Beitrag nicht eingegangen.Nachdem auch andere bürgerliche Medien und die deutsche Presse massiv Kritik am Entscheid des Nationalrats geübt hatten, unterstützte der Ständerat die Subvention für die Schweizer Delegation deutlich mit 33:3 Stimmen. In der zweiten Lesung folgte auch der Nationalrat mit 87:58 Stimmen den Argumenten der Lobbyisten. Argumente für den Umschwung waren die Unterstützung des alpinen Tourismus, die Kandidaturen von Lausanne und St. Moritz für die Olympischen Spiele von 1944 und die Begeisterung der Jugend für die körperliche Erziehung. Vor allem aber ging es um die Korrektur eines Entscheides, der die Beziehungen der Schweiz zu Deutschland merklich abgekühlt hatte.Das Publikationsorgan des Schweizerischen Arbeiter-Turn- und Sportverbands (Satus) äusserte Empörung über jene eidgenössischen Parlamentarier, die sich weigerten, den Aufstieg des nationalsozialistischen Regimes zu verurteilen: «Es ist eine Schande für die Schweiz, eine Beleidigung des Schweizer Volkes und jedes demokratischen und menschlichen Gefühls, mit öffentlichen Geldern eine Veranstaltung zu unterstützen, die in einem Land stattfinden soll, in dem die Barbarei in den grausamsten und niederträchtigsten Formen zum Prinzip erhoben worden ist.»Zu bedenken sei zudem, dass die Arbeitersportler keine öffentlichen Gelder zugesprochen erhielten für ihren Verband oder ihre Anlässe. Im Nationalrat schloss der kommunistische Vertreter Marino Bodenmann (BS) die Debatte mit einem Zwischenruf: «Wie Göring es wünschte.»In Achtungstellung: Eugen Mach (rechts) gewinnt die Silbermedaille im Bodenturnen, mit ihm auf dem Podest stehen die Deutschen Karl-Alfred Schwarzmann (Mitte) und Matthias Volz.ImagoDas IOK findet auch nach dem Zweiten Weltkrieg keinen kritischen Umgang mit Berlin 1936Für das SOK war der Entscheid für eine Teilnahme eine Erleichterung. Der Weg zu den Spielen in Berlin war frei, allerdings mit zusätzlichem Druck: Die Diskussionen auf der politischen Bühne hatten starke mediale Aufmerksamkeit erfahren, von der Schweizer Delegation wurde nun viel erwartet. Der Sekretär des SOK, Francis-Marius Messerli, begründete sein Engagement gegen einen möglichen Boykott mit der Bekräftigung, dass der Sport politisch neutral sei und die olympische Charta bezüglich der Nichtdiskriminierung aufgrund der Rasse eingehalten würde. Rückblickend kann ihm Naivität vorgeworfen werden. Im Jahr 1939 schrieb Messerli desillusionierte Kommentare zum deutschen Kriegseintritt und nahm die Aggressionen des «Dritten Reiches» mit Bestürzung zur Kenntnis.Die NZZ betonte in einer Vorschau eine Woche vor Beginn der Spiele die hehren Werte der olympischen Bewegung. Sie sah «die Vorteile, welche der Gesellschaft aus jenem Geiste sportlicher Kameradschaft erwachsen könne, der nirgends reiner und überzeugender zum Durchbruch gelangt als im olympischen Stadion, wo sich die Jugend der Welt zu friedlichem Wettstreit vereinigt». Der Präsident des SOK, William Hirschy, wehrte sich ebenfalls in der NZZ gegen die Politisierung des Sportes: «Das SOK wäre sogar bereit, in die Hölle zu gehen, wenn das Internationale Olympische Komitee die Spiele dorthin vergeben würde.»Der amerikanische Funktionär Avery Brundage, der in den USA einen Boykott der Berliner Spiele abwenden konnte, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum Präsidenten des IOK gewählt, weil er eine radikale Treue zur olympischen Idee zeigte und den Mythos des unpolitischen Sportes propagierte. Einen kritischen Umgang mit den instrumentalisierten Hitler-Spielen fanden die mehrheitlich aristokratischen IOK-Mitglieder selbst nach dem Ende der Naziherrschaft nicht.Georges Miez betätigte sich später als Turnlehrer und Trainer. Er wohnte im Tessin, wo er 1999 mit 94 Jahren starb.Karl Mathis / KeystoneDie parlamentarische Mehrheit der Schweiz folgte mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen 1936 dem internationalen Trend. Die Delegation in Berlin verzichtete weit überwiegend auf politische Positionierungen.Eine Ausnahme war der verweigerte Hitlergruss des Turners Miez. Der Winterthurer erhielt als Auszeichnung neben der Goldmedaille eine sogenannte Olympia-Eiche. Diese steht heute noch auf dem Sportplatz Deutweg in Winterthur. Nach der Sportkarriere führte Miez äusserlich betrachtet ein unpolitisches Leben: Er betrieb eine Privatsportschule in Lugano, verfasste sportmedizinische Bücher und erteilte Tennislektionen.Marcel Gisler ist Dozent für Sportgeschichte an der ETH Zürich.Passend zum Artikel