PfadnavigationHomeICONIST„Ghost“ statt „Fake“-WimpernWimperntusche vergessen? Nein, das soll soStand: 07:59 UhrLesedauer: 6 MinutenUngewohnt dezentes Make-Up: Zendaya bei der Premiere von Christopher Nolans „The Odyssey“ in New York Quelle: FilmMagic/Dominik BindlFake Lashes, Maskara, Wimpernverlängerungen: Für den perfekten Augenaufschlag galt: mehr ist mehr! Jetzt aber machen „Ghost Lashes“ die Wimpern nahezu unsichtbar. Für eine Sache zumindest ist der Trend hilfreich.„Sag mal, die sind aber nicht echt, oder?“ Als ich vor zwei Jahren auf diese Frage mit einem Anflug von Empörung reagieren wollte, präzisierte mein Gegenüber schnell: „Na, deine Wimpern.“ Sie waren tatsächlich nicht echt, sondern aufgeklebt – und offenbar nicht so natürlich anmutend, wie ich dachte. Ermutigt von meinem Gegenüber tuschte ich am nächsten Tag nur noch meine eigenen Wimpern; Fake Lashes habe ich seitdem nicht mehr getragen. Aber ganz oben ohne, also ohne Mascara, wäre ich nie aus dem Haus gegangen. Bis jetzt.Denn derzeit machen viele Frauen vor, dass man auch mit ungetuschten Wimpern einen großen Auftritt hinlegen kann. Eines der prominentesten Gesichter dieses Trends ist Zendaya. Die Schauspielerin bewirbt derzeit weltweit gleich zwei neue Blockbuster-Filme, „Spider-Man: Brand New Day“ und „Die Odyssee“. Bei der New Yorker Premiere der Epos-Verfilmung erschien sie in einem Kleid mit Engelsflügeln und einem Make-up, das durch Schlichtheit auffiel – und vor allem durch den Verzicht auf Wimperntusche oder eben Kunstwimpern. Der Look hat auch einen Namen: „Ghost Lashes“ wird er genannt.Dass etwas, das gar nicht zu sehen ist, mit einem eigenen Begriff bedacht wird, könnte man als Zeichen für den absoluten Höhepunkt der Inhaltsleere abtun. Auf so manchen Mann mag die Beschäftigung mit den kleinen, feinen Haaren rund um die Augen sowieso irritierend wirken. Kein Wunder, die Herren bedenkt ja auch niemand mit dem Hinweis, dass sie heute etwas müde aussehen, oder der Frage, ob es ihnen nicht gut geht, wenn sie mal ohne getuschte oder aufgeklebte Wimpern auftauchen. Und so kann man im Phänomen der geisterhaften Wimpern auch einen Beleg dafür sehen, wie sehr wir an lange, dichte, dunkle Wimpern gewöhnt sind: nämlich so sehr, dass es auffällt, wenn Frauen darauf verzichten.Das taten vor Zendaya schon andere, etwa Model Gigi Hadid, Musikerin Gracie Abrams und Schauspielerin Hunter Schafer auf der New Yorker „Met Gala“ im Mai. Bei Miu Miu ist der Look an Suki Waterhouse ebenso zu sehen wie auf dem Cover der litauischen „Elle“. Der Begriff „Ghost Lashes“ tauchte schon letztes Jahr auf, als Hailey Bieber, Miley Cyrus und Models bei Gucci, Calvin Klein und Simone Rocha mit kaum sichtbaren Wimpern auftraten. Pamela Anderson trägt schon seit 2023 kein oder allenfalls einen Hauch von Make-Up; bereits seit einigen Jahren zeigt sich Alicia Keys immer wieder ungeschminkt.Heute sorgt der Augenaufschlag ohne lange, geschwungene Wimpern in den sozialen Medien für sehr unterschiedliche Reaktionen: Auf Instagram befindet die eine Fraktion, dass der Trend Zendaya & Co. müde aussehen lasse, während die nächste beteuert, dass sie ihn auf gar keinen Fall und niemals mitmachen würden. Einige Kommentatorinnen weisen darauf hin, dass der Look lediglich ungeschminkt wirke und sehr wohl Wimperntusche eingesetzt werde, aber eben minimalistisch dosiert. Manche halten den betont natürlichen Blick nur für junge Frauen mit strahlender Haut geeignet und wieder andere zeigen sich schlicht erleichtert über das Ende der übertrieben dichten „Raupen-Wimpern“.Lesen Sie auchDick getuschte, geschwungene, angeklebte, verlängerte oder verdichtete Wimpern sah man in den letzten Jahren an Influencerinnen, Reality-TV-Stars und -Sternchen, an Schauspielerinnen und Musikerinnen, an Fox-News-Moderatorinnen und First Ladies. Dass sie so weit verbreitet waren und sind, ist dem Tempo geschuldet, mit dem sich Trends heute auf Social Media verbreiten, aber auch der Corona-Zeit. Als damals der Großteil des Gesichts hinter Masken verschwand, rückte der Kosmetik-Fokus auf die Augenpartie. Bei so mancher – auch bei mir – führte das im Laufe der Zeit zu „Lash Blindness“. So nennt man es, wenn man sich zu sehr an den unnatürlich dichten, perfekt geschwungenen Wimpernkranz gewöhnt hat, um zu erkennen, dass der eigene Augenaufschlag latente Erinnerungen an Miss Piggy weckt.Lesen Sie auchMittlerweile gehen viele ebenso selbstverständlich zum „Wimpern-Machen“ wie zum „Nägel-Machen“. Aber: So, wie auch lange, krallenartige Kunstnägel dieses Jahr immer mehr dem natürlicher und kürzer daherkommenden „Bare Nails“-Trend weichen, setzt auch bei den Wimpern ein Wandel ein. Dahinter dürfte eine gewisse Müdigkeit angesichts der wachsenden Austauschbarkeit stecken, die Filter und Künstliche Intelligenz samt glatt polierter Oberflächen noch verstärken. Apropos Müdigkeit: Schon vergangenes Jahr zelebrierte die „Tired Girl“-Ästhetik sonst so mühevoll unter Concealer versteckte dunkle Schatten und Ringe unter den Augen. Die Scheu vor vermeintlichen Makeln sinkt, weil eben diese Makel die so lange so schmerzlich vermisste Individualität verheißen.Lesen Sie auchSchmerzlich dürfte auch der historische Vorläufer des aktuellen „Ghost Lashes“-Trends gewesen sein: Im Mittelalter wurden Wimpern oft durch Zupfen komplett entfernt; ein berühmtes Beispiel für diesen extrem reduzierten Look ist das „Porträt einer Dame“ von Rogier van der Weyden von 1460. Auch auf den zahlreichen Portraits der ein knappes Jahrhundert später regierenden Königin Elisabeth I. sind keine Wimpern zu sehen.Trotz dieser aktuellen Gegenbewegung zum Weniger werden sichtbar betonte Wimpern sicher nicht verschwinden. Sie sind ein uraltes und daher bleibendes Schönheitsideal. Schon im alten Ägypten wurden Wimpern mit Kohl gefärbt, in der Antike mixte man Wimperntusche aus Asche, mineralischen Pigmenten und Fett. Namen, die die Kosmetikindustrie bis heute prägen, wurden mit Produkten für Wimpern bekannt: 1915 gründete Thomas Williams die Marke Maybelline und brachte eine Paste aus Kohlenstaub und Vaseline für die Wimpern heraus. Die erste Mascara in der Form, wie wir sie heute kennen, entwickelte 1957 Helena Rubinstein. Lash-Extensions, also Wimpernverlängerungen, sind ein Riesengeschäft, dessen Volumen laut „Guardian“ 2023 auf 1,66 Milliarden US-Dollar geschätzt wurde.Wer mit Mascara dick aufträgt, weiß, wie aufwendig es sein kann, die Tusche wieder von den Wimpern zu entfernen – und wie sehr das die Haut rund um die Augen strapazieren kann. Auch die unvermeidbaren, winzigen Mascara-Klümpchen, die im Laufe des Tages ihren Weg in kleine Lachfältchen finden, sind (leider) bekannt. Der natürliche Look birgt also gerade für alle mit empfindlicher und nicht mehr ganz junger Augenpartie auch ganz praktische Vorteile.Wer sich an den Ghost Lashes-Look erst noch gewöhnen muss, kann sich auch schrittweise daran wagen. So wie Zendaya. Auch sie verzichtet auf den Klassiker unter den Kosmetikprodukten nur punktuell: Kurz nach ihrem engelsgleichen Auftritt in New York erschien sie in Los Angeles bei der „Spider-Man“-Premiere im tief ausgeschnittenen schwarzen Kleid, mit dunkel umrandeten Augen und sehr langen, sehr dunklen, gewiss nicht echten Wimpern. Es muss also nicht immer „oben ohne“ sein. Aber es kann. Aktuell mehr denn je.
„Ghost“ statt „Fake“-Wimpern: Wimperntusche vergessen? Nein, das soll so - WELT
Fake Lashes, Maskara, Wimpernverlängerungen: Für den perfekten Augenaufschlag galt: mehr ist mehr! Jetzt aber machen „Ghost Lashes“ die Wimpern nahezu unsichtbar. Für eine Sache zumindest ist der Trend hilfreich.







