Wenn ich beim Sport die Wahl zwischen Lang- und Kurzstrecke habe, gewinnt bei mir die Ausdauerdistanz, nicht der Sprint. Ich liebe das Gefühl, wenn auf jeden Schritt, Tritt oder Zug automatisch der nächste folgt und der Körper einfach macht. Der Rhythmus, der sich einstellt, die ruhige Leere im Kopf, das bloße Sein, vorüberziehende Landschaften – das ist meine Art von Meditation.

Allerdings birgt diese Leidenschaft einen blinden Fleck. Denn wer gut darin ist, durchzuhalten, merkt manchmal erst spät, dass er längst überzieht. Es heißt oft, Langdistanzen würden im Kopf gewonnen – und genau darin liegt das Risiko. Denn man kann sich ziemlich gut weiter antreiben, obwohl der Körper eigentlich nicht mehr kann. Freunde von mir sind schon auf dem Rennrad eingenickt. Dass ihnen nichts Schlimmes passiert ist, war pures Schutzengelsglück.

Auch wenn das Wegnicken im Büro sicher weniger gefährlich ist als auf zwei Rädern: Dahinter steckt dieselbe Logik. Es ist das Ergebnis vieler kleiner Verschiebungen – eine Pause ausgelassen, ein Essen vor dem Rechner, zwei Feierabende in Folge mit dem Laptop auf dem Schoß, eine abgesagte private Verabredung. Kein Körper steckt das auf Dauer weg: Wer Glück hat, merkt es an Kleinigkeiten: am gereizteren Ton oder schlechteren Schlaf. Wer Pech hat, merkt es erst, wenn nichts mehr geht.