Alberto Giacometti gilt heute als der bedeutendste Schweizer Künstler und ist weltberühmt. Seine Werke erzielen auf dem Kunstmarkt Spitzenpreise. Woran das liegt, erklärt Dirk Boll, Experte des Auktionshauses Christie’s.Michael A. Gotthelf03.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAlberto Giacometti hat sich in seinem Schaffen zentraler Themen der menschlichen Existenz angenommen. Aufnahme von 1958.Paul Almasy / Corbis HistoricalDer Geburtstag des Schweizer Ausnahmekünstlers Alberto Giacometti jährt sich am 10. Oktober zum 125. Mal. Was macht seine besondere Bedeutung für die Entwicklung der modernen Kunst im 20. Jahrhundert aus?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts sowie die Entdeckung der Schweiz als romantisch empfundenes Reiseland haben eine deutlichabgrenzbare Schweizer Kunst ausgeprägt. Für den heutigen Kunstmarkt sind vor allem die Werke des 20. Jahrhunderts bedeutend. Ferdinand Hodler, Cuno Amiet, Augusto Giacometti, sein Vetter Giovanni und dessen Söhne Alberto und Diego Giacometti stehen für den Aufbruch in die Moderne und deren künstlerische Umsetzung. Albertos Schaffen ist in diesem Kontext zu sehen, es hat dieselbe Herkunft, weist aber gleichzeitig über die Werke seiner Zeitgenossen hinaus.Wie entwickelte sich sein Werk ausgehend von seinen Lehrjahren im Bergell?Die Schweizer Heimat hat Alberto Giacometti sehr geprägt wie auch das künstlerische Netzwerk seiner Familie. Bereits im Elternhaus durfte er sich ein eigenes Zimmer als Studio einrichten. Schon mit 18 Jahren verliess er seine Familie und ging zum Studium nach Genf. Ähnlich wie Constantin Brancusi machte er sich jedoch alsbald auf, um sich in der damaligen Welthauptstadt der Kunst zu etablieren. Er war 21 Jahre alt, als er in Paris eintraf, fand sofort Anschluss an die Szene, die Meinungsführer, und widmete seine Arbeit den grossen Fragen der Zeit.Blick in das Atelier von Alberto Giacometti in Stampa.Gian Ehrenzeller / Keystone / © Succession Alberto Giacometti / ProLitteris, ZürichWie beeinflusste seine Pariser Zeit sein Schaffen?Sein Œuvre zeigt, dass er die wichtigen internationalen Bewegungen dort studiert und umgesetzt hat, Kubismus und Surrealismus. Während des Zweiten Weltkriegs schuf er winzige Skulpturen, um seine räumliche Distanz zum Modell direkt zuübertragen, eine Darstellung quasi direkt von der Retina. Später beeinflussten ihn Fotografie und Film und führten ihn zu immer stärkerer Abstraktion vom Gesehenen. Während die schlanken Figuren zu seinem Markenzeichen wurden, trat die Malerei erst gegen Ende seines Lebens gleichberechtigt neben das dreidimensionale Schaffen.Zur PersonGettyDirk Boll ist Jurist und Kulturmanager. Er begann seine Laufbahn bei Christie’s 1998 in London und ist heute Deputy Chairman 20th and 21st Century Art Europe, Middle East and Africa (Emea) sowie Geschäftsführer der Christie’s Deutschland GmbH. Boll lehrt Kulturmanagement in Hamburg, ist Mitglied des Advisory Board der Universität Zürich (UZH – Art Market Studies) und Co-Präsident der Schweizer Freunde des Israel-Museums. Boll ist einer der Hauptreferenten auf der NZZ-Reise ins Bergell vom 14. bis 18. September anlässlich des 125. Geburtstages von Alberto Giacometti (nzz.reisen.ch).Wann wurde er vom Kunstmarkt entdeckt, und wie ging er damit um?Alberto Giacometti konnte es sich anfangs nicht leisten, wählerisch zu sein, genauso wenig wie sein Bruder Diego, der ihm 1925 nach Paris gefolgt war. Gemeinsam schufen sie Auftragsarbeiten wie Lampen und Konsolen für den führenden Innenarchitekten der Epoche, Jean-Michel Frank, sowie Schmuck für die Modeschöpferin Elsa Schiaparelli. Was folgte, sieht im Rückblick wie klassische Netzwerkarbeit aus: Über Frank traf Giacometti Marie-Laure de Noailles, eine der führenden Intellektuellen der Zeit, die seine Skulpturen ankaufte. Er schloss sich den Surrealisten an, und seine Arbeit wurde bereits 1929 in der surrealistischen Publikation «Documents» gewürdigt. Sein erster Galerist war sein Studienkollege Pierre Matisse, der ihm 1948 in New York die erste Einzelausstellung widmete.«Drei schreitende Männer» im Picasso-Museum in Münster während einer Ausstellung im Jahr 2015.Oliver Berg / EPA/ © Succession Alberto Giacometti / ProLitteris, ZürichWann gelang Alberto Giacometti der endgültige Durchbruch?Ein grosser Schritt war nun, dass Alberto Giacometti von der berühmten Galerie von Aimé Maeght vertreten wurde. Und Matisse hatte ihn als «Bildhauer des französischen Existenzialismus» bekanntgemacht, Giacomettis Skulpturen waren ab der ersten Einzelausstellung international begehrt. Bereits 1950 erwarb Georg Schmidt zwei Werke für die Emanuel-Hoffmann-Stiftung in Basel. Steigende Bekanntheit und Nachfrage mündeten schliesslich in einen Weltrekord: 2015 wurde seine Skulptur «Homme qui doit» bei Christie’s in New York für 141,3 Millionen Dollar versteigert. Dies ist bis heute der höchste öffentlich beglaubigte Preis nicht nur eines Giacometti-Werks, sondern der Gattung Skulptur generell.Giacometti ist weltweit einer der teuersten bildenden Künstlerüberhaupt. Wie ist die rasante Preisentwicklung seiner Skulpturen zu erklären?Auch Albertos Gemälde und Zeichnungen werden hoch bewertet. Aber das sich vom zweidimensionalen Gemälde erheblich unterscheidende Raumerlebnis von Skulpturen übt auf die Sammlerschaft traditionell eine grosse Faszination aus. Für Albertos Bronzen lassen sich in der Tat ausserordentliche Preise erzielen, vor allem, wenn die Skulpturen eine starke Wirkung haben – in Analogie zur «wall power» der Gemälde spricht man hier gern von der «room power». Offensichtlich kommen dreidimensionale Objekte einer Freude am Kombinieren verschiedener Kunstwerke unterschiedlicher Epochen noch besser entgegen als Gemälde. Bei Alberto Giacometti kommen zwei Faktoren hinzu: Seine bildnerische Arbeit erscheint zentral in seinem Schaffen und auch besonders typisch.Fälschungen und Raubkopien seiner Kunstobjekte nahmen im Zeitablauf ebenfalls zu. Wie schützt sich Ihr Auktionshaus vor solchen Einlieferungen?Das Œuvre von Alberto Giacometti ist ausserordentlich gut erforscht, umfangreich ausgestellt und publiziert. Das schult das Auge und schafft Vergleichsmöglichkeiten für Form und Patina. Zur Feststellung von Nachgüssen, den sogenannten Surmoulages, muss präzise vermessen werden: Da solche Nachgüsse nicht mit der ursprünglichen Gussform, sondern mithilfe von Abformungen produziert werden, unterscheiden sich die Masse geringfügig. Als wichtigster Aspekt jedoch kommt die sorgfältige Führung des Werkverzeichnisses und der Zertifizierung zum Tragen. Dieses wird von der Giacometti-Stiftung geführt, und Neuzugänge werden von einem Komitee überprüft.Die Skulptur «Schreitender Mann» im Picasso-Museum in Münster war 2015 eine von hundert dort gezeigten Arbeiten aus den Beständen der Fondation Maeght.Oliver Berg / EPA/ © Succession Alberto Giacometti / ProLitteris, ZürichWird sein Werk in diesen schnelllebigen Zeiten Bestand haben? Wieist Ihre Prognose?Unbedingt hat das Werk Bestand. Alberto Giacometti hat sich in seinem Schaffen zentraler Themen der menschlichen Existenz angenommen. Seine Gemälde und Zeichnungen, vor allem aber seine Skulpturen zeigen, wie er sich immer weiter zur Essenz des Menschseins vorgetastet hat. Als schöpferisches Motiv hat dieser Antrieb dauerhafte Geltung, so wie die künstlerische Umsetzung Giacomettis höchste Qualität aufweist. Hinzu kommen sekundäre Motive: Das Werk fand früh Eingang in bedeutende private wie institutionelle Sammlungen, ist in hohem Mass publiziert und wird von einer Stiftung sorgfältig kontrolliert.Passend zum Artikel
Giacomettis Werke erzielen Spitzenpreise. Woran das liegt, erklärt der Christie’s-Experte Dirk Boll
Alberto Giacometti gilt heute als der bedeutendste Schweizer Künstler und ist weltberühmt. Seine Werke erzielen auf dem Kunstmarkt Spitzenpreise. Woran das liegt, erklärt Dirk Boll, Experte des Auktionshauses Christie’s.







