Anlässlich seines 125. Geburtstages und 60. Todestages zeigt das Centro Giacometti in Stampa diesen Sommer ein umfassendes Kulturprogramm mit alten Fotografien, Dokumenten und Videomaterial über den Schweizer Künstler in seiner Heimat.Auch wer sich in der Welt der Kunst nicht auskennt, kennt die hageren, in die Länge gestreckten Frauenskulpturen. Mit ihnen erlangte der Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti Mitte des 20. Jahrhunderts Weltruhm. Doch wer war dieser Künstler, für dessen Werke Sammler bis heute dreistellige Millionenbeträge zahlen?Obwohl Giacometti aus der Schweiz stammte, verbrachte er den Grossteil seines Erwachsenenlebens in Paris, wo er grosse Berühmtheit erlangte und bis heute gefeiert wird. Dabei war gerade seine Heimat der Ursprung und die stetige Antriebskraft für seine Kreativität und seinen Erfolg.Ein Bergtal als HeimatAlberto Giacometti stammt aus Borgonovo bei Stampa, einem kleinen Bergdorf im Bergell. Immer wieder zog es ihn zurück in das enge Tal. Diese Verbundenheit nahm Marco Giacometti zum Anlass, in Stampa die Fondazione Centro Giacometti zu gründen. Seine Grossmutter war eine Cousine ersten Grades von Alberto. «Ich merkte, wie immer mehr Besucherinnen und Besucher den Spuren von Alberto und den Giacomettis nach Stampa folgten. Daher wäre es ja nicht auszuhalten gewesen, wenn man hier keine entsprechenden Angebote und Informationen zu der wohl berühmtesten Familie des Tals vorfinden würde», erzählt Marco Giacometti im Gespräch. Das Geburtshaus (in der Mitte) von Alberto Giacometti in Stampa. Die Familie lebte von 1900 bis 1904 im ersten Stock. Gian Ehrenzeller / Keystone Seit 15 Jahren recherchiert das Zentrum unter der Leitung von Marco Giacometti systematisch nach Zeitzeugnissen wie Fotografien und schriftlichen Dokumenten. Diese werden eingeordnet, interpretiert und in den entsprechenden Kontext gesetzt. Das alles mit dem Ziel, an das Leben der Künstlerfamilie im Bergell zu erinnern und ihre Geschichte zu bewahren. Denn neben Alberto waren auch seine beiden Brüder, Diego und Bruno, kreativ tätig. Ebenso der Vater Giovanni Giacometti, der für Alberto ein wichtiges Vorbild darstellte und seinen Sohn stets förderte, erlangte ab dem Ende des 19. Jahrhunderts grosse Bekanntheit durch seine postimpressionistischen Gemälde.Kunstwerke findet man im Centro Giacometti aber bewusst keine. Das wäre weder umsetzbar gewesen, noch die Idee des Zentrums, so Marco Giacometti: «Museen, Erben und Sammler besitzen die Werke – das ist künstlerischer Ausdruck. Stampa stellt die Umwelt und das Umfeld der Giacomettis dar – das ist die Grundlage, das Substrat.»Das Jahr 2026 ist für das Zentrum von besonderer Bedeutung. Vor 60 Jahren, am 11. Januar 1966, ist Alberto Giacometti verstorben. Am 10. Oktober 2026 hätte er seinen 125. Geburtstag gefeiert. Anlässlich dieses Doppeljubiläums widmet das Centro Giacometti dem berühmten Schweizer Bildhauer ein umfassendes Kulturprogramm mit drei neuen Ausstellungen, die sich dem verborgenen Leben des Kreativen in seiner Heimat widmen.Fotoausstellung «Alberto Giacometti im Bergell»Im Alter von 21 Jahren reiste Alberto Giacometti nach Paris. Über 40 Jahre lang lebte und arbeitete er in einem bescheidenen Atelier im Stadtteil Montparnasse. «Paris war für Alberto unersetzbar: Es gäbe keinen Alberto ohne Paris. Durch den Austausch mit anderen Künstlern fand er dort die kulturelle Freiheit und intellektuelle Ebenbürtigkeit, die er in seiner Heimat vermisste», sagt Marco Giacometti. «Und doch war und blieb auch das Bergell für ihn von grosser Bedeutung. Stampa gab ihm Ruhe. Hier konnte er sich zurückziehen, nachdenken und sich inspirieren lassen». Bruno und Alberto mit ihrer Cousine Bice Giacometti und Domenica Messmer im Oberengadin im Jahr 1926. Fundaziun de Planta Eine neue Fotoausstellung rückt Stampa als Ursprung seines kreativen Schaffens in den Mittelpunkt. Zu sehen sind Fotografien aus Albertos Kindheits- und Jugendjahren, die ihn mit Familienmitgliedern und Freunden zeigen, aber auch die Berge und Seen, zu denen er wanderte. Viele dieser Erinnerungen wurden später Teil seiner Werke. Nicht nur die Landschaften, vor allem die Personen aus jener Zeit nutzte Alberto als Inspiration und Vorlagen. Ein Beispiel ist das Gemälde «La Mère de l’Artiste», in dem er seine eigene Mutter porträtierte – eines der Schlüsselwerke von Giacometti.«Anfang des 20. Jahrhunderts hatten nur sehr wenige Menschen eine Kamera. Daher ist es aussergewöhnlich, dass es von den Giacomettis so viele Fotografien aus dieser Zeit gibt», so Giacometti. Dies sei auf die Berühmtheit des Vaters zurückzuführen, der selbst ein anerkannter Schweizer Künstler war und deshalb von Berufsfotografen abgelichtet wurde mitsamt seiner ganzen Familie.Die Fotografien hat Marco Giacometti in Archiven in Paris, Winterthur und Zürich aufgestöbert. Viele davon wurden noch nie veröffentlicht. «Das Interesse an Fotografien, die Alberto als erwachsenen und erfolgreichen Künstler in Paris zeigen, ist viel grösser. Mit dieser Ausstellung will ich den Blick erweitern», so Giacometti. Die Familie Giacometti auf einer Bergtour in Soglio um 1924... Fondazione Centro Giacometti, Stampa ...und am Bootssteg bei Capolago, um 1925. SIK-ISEA, SchweizerischesKunstarchiv «Alberto Giacometti 1966. Die Entstehung eines Vermächtnisses» von Laurie BischoffWie die Fotoausstellung ist auch die dokumentarische Ausstellung der Schweizer Kunsthistorikerin Laurie Bischof auf die Figur Alberto Giacomettis fokussiert. Bischoff befasst sich darin aber nicht mit den Anfängen des Lebens von Alberto, sondern mit dessen Nachruhm.Ausgangspunkt ihrer Untersuchung stellt der Tod des Künstlers dar und seine Beisetzung, die vier Tage später in seiner Heimat Stampa erfolgte. Sie sammelte Dokumente, Fotos und Zeitungsartikel, die während eines Jahres zwischen dem Todestag am 11. Januar 1966 bis zum Januar 1967 über den Bildhauer veröffentlicht wurden. Damit will sie der Frage nachgehen, wie das Vermächtnis eines so bedeutenden Künstlers wie Alberto zustande kommt.Videoinstallation «Die Familie Giacometti im Bergell»Alberto wäre ohne seine Familie nicht der bedeutende Künstler geworden, der er war. Daher soll anlässlich dieses Jubiläumsjahres eine Videoinstallation im Untergeschoss des Geburtshauses von Giovanni Giacometti an das idyllische Familienleben in den Bergen erinnern. «Die Eltern Giovanni und Annetta haben ihren vier Kindern immer sehr viel Liebe und Zuneigung geschenkt», erzählt Marco Giacometti. «Das hat Alberto eine enorme Sicherheit und Kraft für sein späteres Leben mitgegeben.» Annetta und Giovanni Giacometti mit drei der vier Kinder um 1906. Fondation Giacometti Im Gegensatz zu den anderen Bewohnern in Stampa, die vorwiegend als Bauern arbeiteten, waren die Giacomettis eine gutbürgerliche Familie, die ein sorgloses und wohlhabendes Leben führte. Dies war eine Tradition im Bergell: Seit Jahrhunderten wohnten dort Bürgerfamilien, die im Ausland Geld verdienten und es in Stampa und Maloja wieder investierten – so auch die Giacomettis.Ein aristokratisches Gefüge im Dorf sei deswegen trotzdem nie entstanden, meinte Marco Giacometti zur dritten Ausstellung: «Trotz ihrer finanziellen Überlegenheit schickten die Giacomettis ihre Kinder in dieselbe Schule wie die anderen Kinder und besuchten dieselbe Kirche. Die Giacomettis waren ein Teil des Dorfes – und sind es bis heute.»Die drei Sommerausstellungen werden vom 6. Juni bis zum 11. Oktober im Centro Giacometti gezeigt. Die Öffnungszeiten sind von Mittwoch bis Sonntag von 10.30 bis 18.00 Uhr. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Ein Sohn des Bergells: Drei Ausstellungen widmen sich der Herkunft von Alberto Giacometti
Anlässlich seines 125. Geburtstages und 60. Todestages zeigt das Centro Giacometti im Bergell ein Kulturprogramm über den Schweizer Künstler in seiner Heimat.








