Ausgemustert, radioaktiv: die verrückte Reise der Schweizer Mirage-TriebwerkeDas Erbe der Luftwaffe sorgt für Wirbel. Statt teurer Entsorgung als Strahlenmüll winken den historischen Kampfjet-Triebwerken französische Museen als neues Zuhause.03.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEin Mirage-Triebwerk auf einem Lastwagen der Schweizer Armee.PDKurt Waldmeier, einer der Gründer und langjähriger Leiter des Air Force Center Dübendorf, ist stinksauer. Ausgerechnet zwei Prunkstücke der Ausstellung im Fliegermuseum, zwei Mirage-III-Kampfjets, sorgen für Probleme. «Ende des vergangenen Jahres wurden wir von Armasuisse aufgefordert, die Triebwerke der beiden Flugzeuge unverzüglich auszubauen», erzählt Waldmeier. Das Bundesamt für Rüstung setzte damit eine Weisung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) um. Weil in den Triebwerken eine Magnesiumlegierung mit ein bis zwei Prozent Thorium verbaut ist, gelten die Bauteile als radioaktiv.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dank ehemaligen Mirage-Chefmechanikern konnte der Auftrag von Armasuisse bis zum 6. Februar dieses Jahres umgesetzt werden. Seitdem sind vier Triebwerke des Typs SNECMA Atar 9 in den dafür zertifizierten Räumlichkeiten zwischengelagert. Neben den Antriebsaggregaten aus dem Fliegermuseum Dübendorf befinden sich dort zwei Triebwerke, die zuvor im Fahrzeugmuseum Bäretswil (ZH) und auf dem ehemaligen Militärflugplatz Buochs (NW) standen.Laut Waldmeier ist seither nichts mehr passiert. Man warte immer noch auf Anweisungen von Armasuisse. «Das ist für mich unverständlich, weil eine pfannenfertige Lösung vorliegt. Mehrere französische Museen haben nämlich grosses Interesse daran, die Triebwerke zu übernehmen, und würden dafür sogar etwas bezahlen», sagt er. Die Vereine, die von der Luftwaffe ausrangierte Kampfjets übernommen haben, fühlen sich vom Bund mit einer radiologischen Altlast alleingelassen, die durch nachträgliche Regelverschärfungen finanziell untragbar wurde.Strahlendes ProblemFür die Museumsbesucher und die Mechaniker ist das Thorium unbedenklich. Das radioaktive Metall emittiert hauptsächlich Alphastrahlung. Solange an den Teilen nicht geschliffen, gebohrt oder geschweisst wird (kein Einatmen von Feinstaub), geht von den intakten Triebwerken in der Halle keine akute Gefahr für Besucher oder Personal aus. Es handelt sich primär um ein bürokratisches und regulatorisches Problem.Doch die Entsorgung erweist sich als sehr schwierig. Das strahlende Erbe aus dem Kalten Krieg sorgt bereits seit Jahrzehnten für Aufregung und Skandale. Die derzeitigen Probleme des Fliegermuseums Dübendorf sind das jüngste Kapitel einer Affäre, die schon vor zwanzig Jahren begonnen hat. Denn bereits nach der Ausserdienststellung der Mirage III, die von 1965 bis 2003 im Dienst der Schweizer Luftwaffe stand, wollte es sich das Verteidigungsdepartement einfach machen.Eine Mirage 3 S im Landeanflug, undatierte Aufnahme. Das Departement fuer Verteidigung, Bevoelkerungsschutz und Sport (VBS) teilte am Donnerstag, 8. Maerz 2001 mit, dass sie bis heute sechs Maschinen zerlegt hat. Am 4. April 2001 beginnt in Meiringen BE der oeffentliche Verkauf von Bestandteilen, der im Jahre 1999 ausgemusterten Mirage III S. Die Gruppe Ruestung hat im vergangenen Jahr mit der Liquidation der 29 einstigen Abfangjaeger begonnen. (KEYSTONE/Str) === ===KeystoneOhne die Bevölkerung zu informieren, sollten die leicht strahlenden Abfälle in einem geheimen Armeebunker bei Amsteg (UR) eingelagert werden. Als das Schweizer Fernsehen diese Pläne 2004 aufdeckte, sah sich der damalige Verteidigungsminister Samuel Schmid gezwungen, sich für die Nacht-und-Nebel-Aktion zu entschuldigen.Ein Jahr später schien eine Lösung in Sicht: Armasuisse konnte sämtliche liquidierten Flugzeuge verwerten. Während einige Maschinen an Museen in Dübendorf, Payerne, Bäretswil und Buochs gingen, ging der Rest – inklusive aller Ersatztriebwerke – zurück an den französischen Hersteller Dassault. Doch das eigentliche Problem war damit nur aufgeschoben.Jahre später holte die Vergangenheit die Museen wieder ein: Im Oktober 2021 teilte nämlich das BAG den verbliebenen Besitzern von Triebwerken mit, dass sie massiv höhere Mittel für die spätere Entsorgung zurücklegen müssten. Statt wie bisher 75 000 Franken pro Kampfjet sollten die betroffenen Museen und Vereine nun 350 000 Franken für die Beseitigung einer kompletten Mirage zurückstellen. Für die Organisationen, die auf Spenden und ehrenamtliche Tätigkeit angewiesen sind, war dies unmöglich.Auf der Suche nach einer günstigeren Lösung wurden die betroffenen Museen und Vereine rasch fündig: Mehrere französische Luftfahrtmuseen zeigten Interesse an den Triebwerken. Doch Armasuisse blockte ab. «Das VBS beabsichtigt keine Abgabe der überzähligen Triebwerke an Institutionen oder Sammler im Ausland und wird sich diesbezüglich auch nicht engagieren», teilte das Bundesamt im Mai 2023 auf Anfrage der NZZ mit. Stattdessen kündigte Armasuisse an, die beiden museumseigenen Triebwerke bei einer Spezialfirma in der Nähe von Dresden fachgerecht entsorgen zu lassen.Dass der Fall so verfahren ist, weiss auch Jürg Reusser. Als Leiter der Zentralstelle Historisches Armeematerial kennt er die schier endlose Geschichte rund um die Entsorgung des belasteten Materials nur allzu gut. Er zeigt Verständnis für Kurt Waldmeier, der die Triebwerke am liebsten sofort an französische Museen abgeben würde. «Das wäre zweifellos für alle Beteiligten die beste Lösung. Doch so einfach ist die Sache nicht.»Teil der Bewaffnung Raketen einer Mirage 3 S. Führung anlässlich der Wiedereröffnung des Flieger-Flab-Museums Dübendorf. Neue Museumswelt 2015. Air Force Center, JU-Air.Goran Basic / NZZReusser hat deshalb für das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ein Konzept erarbeitet, das aufzeigt, welche thoriumhaltigen Objekte für die Nachwelt erhalten werden müssen. Für die sich nun in Dübendorf befindenden Mirage-Triebwerke hat er beim Armeestab einen Liquidationsantrag gestellt. «Die Bundesstellen sind gewillt, die Sache zum Wohle aller umzusetzen. Doch das stellt sich als eine langwierige Angelegenheit heraus», betont er.So hat das BAG eine früher ausgestellte Zwischenlagerungsbewilligung in dafür geeigneten Räumen des VBS inzwischen verlängert. Der zuständige Fachmann von Armasuisse hat laut Reusser den französischen Militärattaché getroffen. «Es geht um potenzielles Kriegsmaterial. Man will vermeiden, dass die Triebwerke aus der Schweiz über Frankreich allenfalls in einen Drittstaat gelangen. Es werden immer noch Mirage-III-Kampfflugzeuge eingesetzt.»Hoffnung auf Happy EndAufgrund dieser und anderer Schwierigkeiten umfasst der Vertrag mit den französischen Museen inzwischen mehrere Seiten. Es besteht nun die Befürchtung, dass die Museumsbetreiber ihr Angebot angesichts des grossen administrativen Aufwands zurückziehen. Reusser fände es sehr schade, wenn es so weit käme. «Mir geht es um die Sache, um das historische Material. Deshalb setze ich mich weiterhin dafür ein, dass der Export zustande kommt», sagt Reusser.Und dieses Engagement scheint sich nun auszuzahlen: Es besteht Hoffnung, dass die Triebwerke innert nützlicher Frist an die interessierten Luftfahrtmuseen in Frankreich übergeben werden können. Armasuisse prüft diesen Vorschlag gegenwärtig, wie die Mediensprecherin Lea Ryf auf Anfrage der NZZ bestätigt: «Armasuisse ist bereit dazu, den Transport nach Frankreich zu organisieren, sobald die entsprechenden Export- und Importbewilligungen vorliegen.» Der Preis für die Überstellung muss noch verhandelt werden.Auf jeden Fall käme diese Lösung viel günstiger zu stehen als die bisher im Vordergrund stehende Entsorgung durch eine Firma in Deutschland. Diese wurde gemäss den Vorgaben des BAG auf 350 000 Franken pro Maschine geschätzt. Laut Ryf wird dieser Ansatz zurzeit nicht weiterverfolgt.Kurt Waldmeier hofft, dass doch noch eine Lösung gefunden wird, von der am Ende alle profitieren: die Schweizer Steuerzahler, die Liebhaber der Militärfliegerei und das Fliegermuseum, das eine Last loswird.Passend zum Artikel
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