Nostalgie im Tiefflug: Wenn Propeller die «Königin der Berge» umkreisenWas am Stanserhorn als «nicht mehr zeitgemäss» abgesetzt wurde, feiert auf der Rigi ein Comeback. Ein seltenes Fest für Aviatikfans.Jürgen Schelling30.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenNäher als auf der Rigi kommen Zuschauer selten an vorbeifliegende Oldtimer wie das Trainerflugzeug AT-6 heran.Uwe StohrerZwei an der alljährlichen Flugparade am Stanserhorn beteiligte Piloten wollten sich mit der Absetzung des populären Events nicht abfinden. Sie kreierten kurzerhand eine neue Veranstaltung wenige Gipfel vom Stanserhorn entfernt. Dabei kam ihnen etwas Glück zu Hilfe. Denn am 4. Juni 1875 nahm die Arth-Rigi-Bahn den Betrieb als Zahnradbahn auf. 2025 wurde das 150-Jahr-Jubiläum gefeiert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Erstmals war für dieses aussergewöhnliche Ereignis auch eine Flugparade über der Rigi vorgesehen. Die aus Wettergründen auf den 1. August 2025 verschobene Vorführung konnte wegen starker Böen nur mit deutlich eingeschränkter Teilnehmerzahl der Flugzeuge stattfinden.Dieses Jahr sollte es nun richtig klappen. Der Aufwand, um eine solche Aviatikveranstaltung als Bestandteil der Rigi Historic XXL inmitten der Alpen zu stemmen, ist enorm. Damit etwa die Sicherheitsstandards des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl) eingehalten werden, findet für alle teilnehmenden Piloten wenige Wochen vor der Flugparade ein verpflichtendes Briefing statt.Dort wird genau informiert, wie und in welcher Höhe angeflogen werden soll, welche Routen möglich und je nach Geschwindigkeit des Flugzeugs sinnvoll sind oder welche verbindliche Ankunftszeit jede Crew einhalten muss. Das ist nicht einfach, denn die teilnehmenden Flugzeuge starten nicht nur von verschiedenen Flugplätzen aus der ganzen Schweiz, sondern sogar aus Süddeutschland oder Österreich.Eine minuziöse Planung ist aus Sicherheitsgründen PflichtDementsprechend exakt müssen die Piloten auch unter Berücksichtigung des Wetters planen, um ihr jeweils sechsminütiges Zeitfenster nicht zu verfehlen. Zudem sind die Maschinen zwischen 140 km/h und zumindest theoretisch 750 km/h schnell.Ein Mitglied der Organisationscrew mit Funkgerät auf Rigi-Kulm informiert trotz genauester Vorplanung zusätzlich die anfliegenden Piloten über die Verkehrssituation. Denn trotz vorheriger Bekanntmachung könnten jederzeit unangemeldet Deltasegler oder Gleitschirmflieger auf den vorgesehenen Routen im für die Parade reservierten Luftraum auftauchen. Prompt kurvt mitten in der Vorführung eine fremde Propellermaschine unbefugt tief über die Rigi.Damit sich an- und abfliegende Maschinen keinesfalls in die Quere kommen, fliegen alle Piloten zur Sicherheit aus zwei unterschiedlichen Holding-Bereichen, also eigens definierten Regionen für Warteschleifen, in einer Höhe von etwa 6000 Fuss, also 1900 bis 2000 Metern, auf die Rigi zu.Die Piloten der Flugzeuge kommunizieren untereinander auf der dafür eingerichteten Frequenz «Rigi Radio». So weiss jeder, wer wann wo in der Luft ist. Denn alle Flugbewegungen hier finden im Sichtflug nach dem Motto statt: sehen und gesehen werden. Der Lohn für unzählige Stunden Arbeit des fliegerischen Organisationsteams und der Mitarbeiter der Arth-Rigi-Bahnen ist dann eine Flugparade, die die zahlreichen Besucher staunen lässt und begeistert.Die P-51 Mustang sorgt als Ex-Jagdflugzeug von 1944 auch mit ihrem sonoren Motorklang für Aufsehen.Uwe StohrerWenn man am Berg Flugzeuge von oben siehtDie Flugschau am Gipfel Rigi-Kulm ist ein echtes Fest für Luftfahrtfans: Über, seitlich und sogar unterhalb der Zuschauer fliegen die Oldtimer vorbei. Das Spektakel bietet ebenso aufregende wie ungewohnte Perspektiven. Denn für Flugzeuge ist ausserhalb von Ortschaften aus Sicherheitsgründen ein Abstand von mindestens 150 Metern zum Boden vorgeschrieben.An dem zu einer Seite steil abfallenden Gipfel Rigi-Kulm ist das überhaupt kein Problem. Deshalb fliegen die Maschinen auf Augenhöhe mit den Besuchern oder sogar unter ihnen an der Bergspitze mit ihrer markanten Antenne vorbei.Die teilnehmenden Piloten dürfen allerdings keine Kunstflüge vorführen. Denn dadurch würde die Flugparade quasi zur Airshow mutieren. Und diese wäre mit deutlich strengeren Auflagen vonseiten des Bazl verbunden. Deshalb belassen es die Piloten je nach Flugzeugtyp bei gemächlichen bis rasanten Vorbeiflügen.Als erste Maschine eröffnet die Yak 18T vom Schweizer Avianna-Verein die Parade. Am Himmel zu sehen sind anschliessend Klassiker ab den 1940er Jahren, aber auch einige neuere Flugzeuge haben sich in die Oldie-Parade eingereiht.Eine wunderschöne zweimotorige Maschine mit dem herrlichen Klang ihrer je 450 PS starken Sternmotoren ist die 1945 gebaute Beech 18. Sie war als Reiseflugzeug einst weltweit im Einsatz und ist durch ihr ungewöhnliches Doppel-Seitenleitwerk unverwechselbar. Optisch auffällig am strahlend blauen Himmel ist auch der knallgelb lackierte Tandemsitzer AT-6 mit Sternmotor.Selbst ein Wasserflugzeug wagt sich in die Höhe über die Rigi. Der kanadische Klassiker de Havilland DHC-2 Beaver auf Schwimmern wurde gerade erst in der Schweiz frisch restauriert. Mit seinem Amphibienfahrwerk kann der sechssitzige Oldie von 1954 sowohl etwa auf dem nahe gelegenen Vierwaldstättersee als auch auf Land starten und landen.Quasi zurück zu ihren Wurzeln heisst es für gleich mehrere historische Flugzeuge von Pilatus Aircraft über der Rigi. Denn die P-2 und die P-3 mit Kolbenmotor sowie die PC-7 und die PC-9 mit Propellerturbine wurden einst nur wenige Kilometer entfernt am Firmensitz in Buochs gebaut. Auch die bunte PC-6 Porter «Yeti» schaut vorbei, das weltweit einzige noch fliegende Exemplar dieses Typs mit Kolbenmotor statt Turbine.Ein Stück eidgenössischer Luftfahrtgeschichte verkörpert auch der Swisstrainer MD-3 160 aus den 1970er Jahren. Der einst in Serie gebaute Zweisitzer aus Langenthal-Bleienbach wurde vom Sohn des damaligen Konstrukteurs Max Dätwyler, Peter Dätwyler, und einem Kollegen pilotiert.Ein ehemaliges Schulflugzeug der US-Luftwaffe ist der Ryan PT-22 Recruit. Mit seinem Kinner-R5-Sternmotor, dem hochglanzpolierten Rumpf und der knallgelben Tragfläche sowie den beiden offenen Cockpits ist der Oldtimer mit Baujahr 1941 auch optisch eine Attraktion.Drei graue Tiefdecker sehen zwar aus wie Oldtimer, sind tatsächlich aber erst wenige Jahre alt. So brummen im Formationsflug die nahezu identischen Nachbauten einer Junkers F13 über die Rigi, das erste Verkehrsflugzeug aus Ganzmetall mit der charakteristischen Junkers-Wellblech-Aussenhaut aus den 1920er Jahren. Die Nachbildungen wurden zwischen 2016 und 2022 in Dübendorf und Baden-Württemberg gebaut.Ungewöhnliche Formation: drei neu gebaute Junkers F13 erinnern an alte Ju-52-Tage.Uwe StohrerOhne Mustang wäre es keine Flugschau von Rang und NamenDie schnellsten Maschinen sind zwei einmotorige Exemplare vom Typ North American P-51 Mustang. Sie rauschen mit einer halben Stunde Abstand voneinander über die Rigi. Das legendäre amerikanische Jagdflugzeug aus den 1940er Jahren könnte zwar weit mehr als 700 km/h erreichen. In knapp 2000 Metern darf der Pilot allerdings nur mit Halbgas fliegen, weil in dieser Höhe noch ein Geschwindigkeitslimit im Sichtflug von 250 Knoten (463 km/h) besteht. Die P-51 ist bis heute eines der schnellsten Propellerflugzeuge der Welt und mit 1500 PS oder mehr aus einem Rolls-Royce Merlin-Packard V12 extrem kräftig motorisiert.Eine P-51 Mustang mit Baujahr 1944 kommt von den Flying Bulls aus dem österreichischen Salzburg eingeflogen. Sie könnte bei geeigneten Bedingungen bis zu 800 km/h schnell sein und betont durch ein weisses Rauchsystem an den Tragflächen zusätzlich ihre Silhouette am tiefblauen Himmel. Die andere P-51 Mustang ist nahe Freiburg in Süddeutschland stationiert. Sie ist ebenfalls zweisitzig, es kann also ein nicht allzu gross gewachsener Passagier auf dem Notsitz hinter dem Piloten mitfliegen. Beide Warbirds überzeugen neben ihrer beeindruckenden Geschwindigkeit auch durch den hochtönigen Zwölfzylinder-Klang.Einen Programmpunkt «Alt und Neu» bildet der Schleppzug mit dem einst in der Schweiz produzierten Segelflug-Oldtimer Moswey 4a. Das Unikat hatte seinen Erstflug bereits im Februar 1951 und wurde in mehr als 4000 Arbeitsstunden seit 2002 vollständig restauriert. Der Moswey mit seinen markanten Knickflügeln ist komplett aus Holz gefertigt. Er dreht nach dem Ausklinken einige Runden völlig lautlos um die Rigi. Sein Schleppflugzeug ist hingegen rund 70 Jahre jünger. Es ist ein modernes Ultraleichtflugzeug vom Typ Lightwing AC-4 «Glider Tow», das im nahen Buochs in Kleinserie gebaut wird.Höhepunkt sind die Vorbeiflüge des grössten Flugzeugs an der Parade, der am Flugplatz Grenchen stationierten Douglas DC-3 in einer Bemalung der frühen Swissair. Der Airliner mit 29 Metern Spannweite, erstmals zugelassen 1943 in den USA, fasziniert durch ein imposantes Flugbild sowie den markanten Sound seiner beiden Sternmotoren. Die nahezu unverwüstliche amerikanische Maschine aus den 1930er und 1940er Jahren ist bis heute immer noch in vielen Exemplaren weltweit im Einsatz und dient – umgebaut auf Propellerturbine – sogar als Forschungsflugzeug für polare Regionen.Für die Zuschauer auf der Rigi bedeutet die Historic XXL fast schon eine Art nostalgische Reizüberflutung in hochalpiner Kulisse: Denn neben den fliegenden Preziosen sind auch mehr als 100 Jahre alte historische Elektro-Triebwagen und offene Waggons aus dem Jahr 1889 sowie eine Dampflok von 1923 bei der parallel stattfindenden Fahrzeugparade auf den Gleisen unterhalb des Gipfels in Aktion zu erleben.Passend zum Artikel