GastkommentarMichael HermannVom Klimaschutz zum Hitzeschutz: Warum dieser Hitzesommer anders ist und wie er doch an 2018 erinnertStatt «Klimaklebern» und «Flugscham» stehen nun Klimaanlagen und der Schutz des Einzelnen im Zentrum der Debatte. Bringt diese pragmatische Wende das Klima zurück in die Köpfe der Wählerschaft? Eine Gastkolumne.02.08.2026, 17.45 Uhr4 LeseminutenDer Sechseläutenplatz in Zürich ist am Abend des 29. Juli 2026 während einer Hitzewelle zu sehen, aufgenommen mit einer Wärmebildkamera, die Infrarotstrahlung erfasst (Blau für kalt, Rot für heiss, Weiss für höchste Temperaturen).
Das Wärmebild zeigt den städtischen Platz in abstrakt-farbiger Darstellung. Einblendungen am oberen Bildrand zeigen die gemessene Maximaltemperatur von 57,1 °C an.Geatan Bally / KeystoneEs ist heiss, viel heisser als im Hitzesommer 2018. Doch während damals Greta Thunbergs Schulstreik eine grüne Welle auslöste, die kurzzeitig sogar die FDP erfasste («Greta Gössi»), diskutieren wir 2026 über Feuerverbote und Klimaanlagen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Selbst die Grünen schlagen neue Töne an. Damals forderten sie einen «Klimanotstand» mit Sofortmassnahmen gegen den Wandel. Heute fordern sie Sofortmassnahmen gegen die Hitze. Ihre Präsidentin, Lisa Mazzone, will Kühlgeräte für Spitäler und Kitas, und eine neue grüne Kampagne erinnert an die Corona-Plakate des Bundes: «Regelmässig Wasser trinken!»Es gehört zu den Tragödien der Menschheit, dass sie den Klimawandel lange nicht ganz ernst genommen hat – und nun, da sie ihn ernst nimmt, wie gelähmt ist. Die Erhitzung erscheint wie eine Naturgewalt, gegen die nicht anzukommen ist.Die Klimadebatte hat ihren Klang verändert. Erst ging es darum, ob es den menschengemachten Klimawandel wirklich gibt, dann stritten wir über Massnahmen, um ihn aufzuhalten, und jetzt, da er mit stets neuen Rekorden hereinbricht, wollen wir uns vor allem vor seinen Folgen schützen.Probleme, die uns überwältigen, schieben wir vor uns her – oder verdrängen sie. Die beliebteste Ausrede bezüglich Klimaschutz lautet: Es bringt nichts, wenn nur wir etwas tun. Doch während Klimaschutz global wirkt, wirken Klimaanpassungen lokal. Ergreifen wir solche Massnahmen, spüren wir ihre Auswirkungen unmittelbar, wir tun es für uns selbst. Und man findet in ihnen sogar einen sozialen Kern. Oder wie Mazzone sagt: «In einer Villa am See leidet man nicht gleich unter der Hitze wie in einem Wohnblock im Stadtzentrum.»Für die Grünen waren Klimaanlagen immer des Teufels. Forderungen nach Klimaanpassungen waren für sie heikel, denn sie können als Eingeständnis gelesen werden, der Wandel lasse sich ohnehin nicht aufhalten. Heute sind wir über diesen Punkt hinweg. Der Wandel ist längst da, und es geht nicht nur um Klimaanlagen, sondern um Waldumbau, um Durchgrünung, Schwammstädte und Frischluftkorridore. Und den Strom zum Kühlen liefern im Sommer die Solarpanels im Überfluss. Wenn die Grünen nun tatsächlich zur Partei des guten Klimas werden, ist das folgerichtig und geschickt.Denn nach den Wahlen 2019 verlor die grüne Welle schnell an Kraft. Die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg, die Zuwanderung drängten an ihre Stelle. 2021 scheiterte das CO2-Gesetz an der Urne. Die politische wurde zu einer moralischen Debatte voller «Flugscham» und schlechten Gewissens. Aus der Sach- wurde eine Charakterfrage, und Klima- wurde zu Identitätspolitik. Eine kleine Minderheit von «Klimaklebern», die die Ungläubigen zum Handeln zwingen wollte, liess die Welle definitiv verebben.Mit dem neuen Dreh von 2026 steht nicht mehr das Heil der Weltgemeinschaft im Zentrum, sondern der ganz persönliche Nutzen. Es geht um gutes Leben und Überleben in einer aufgeheizten Welt. Das bringt zwar keine Klimawende, aber es bringt das Thema zurück auf die politische Agenda und vielleicht auch in die Köpfe der Wählerinnen und Wähler.Auch hier ist der Vergleich zu 2018 aufschlussreich. In jenem (für damalige Verhältnisse) heissen Sommer war von einer grünen Welle nichts zu sehen. Als Greta Thunberg im August aus ihren Sommerferien zurückkehrte, stellte sie sich erst ganz allein mit ihrem grossen handgemalten Schild («Skolstrejk för klimatet») vor den schwedischen Reichstag. In der Schweiz rollten die Klimastreiks erst Ende 2018 richtig an. Als sich die Klimajugend formierte, waren viele Beobachtende erstaunt über die pragmatische junge Generation, die sich mit radikalen Forderungen noch zurückhielt und nichts gemein zu haben schien mit den Jutesack- und Wollsocken-Fundis der 1980er Jahre.Die grossen grünen und grünliberalen Wahlsiege folgten erst 2019. Auch nächstes Jahr sind wieder Wahlen, es bleibt also Zeit für eine neue Welle. Dennoch ist 2026 nicht 2018: Damals wurde ein Thema, das in den Jahren zuvor wenig Beachtung fand, neu entdeckt und frisch besetzt. Diesen frischen Blick gibt es nicht mehr. Zu stark wirkt das Gefühl der Ernüchterung nach. Zu stark haben Politikwechsel in Europa und vor allem in den USA die Klimapolitik zurückgeworfen. Als zu erschlagend und gross erscheint in diesem Zeitalter der Kriseninflation nicht nur der Klimawandel, sondern auch die Themenkonkurrenz. Wer jedoch meint, dieser Hitzesommer werde keine politischen Spuren hinterlassen, könnte sich täuschen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»










