Klimaanlagen sind seit Neuestem rechts. Zumindest könnte man das meinen. „Der Kulturkampf um die Kühlung“ betitelt die „Neue Zürcher Zeitung“ einen Artikel über den Sinn und Unsinn von Klimaanlagen. Andere Medien greifen den Begriff ebenfalls auf. Der „Spiegel“ leitete die politische Aufladung der Klimaanlage sogar aus ihrer Funktionsweise ab: Während sie das individuelle Raumklima verbessere, würde sie das öffentliche Stadtklima belasten. Die Technik wäre damit „rechts“ oder reaktionär, weil sie ein Problem individualisiere. „Links“ oder progressiv seien hingegen Versuche, „den Teufelskreis mit mehr Begrünungen, Wasserflächen und Kaltluftschneisen im urbanen Raum zu durchbrechen“.Tatsächlich nutzt die Politik das aus. Die rechtsnationale Politikerin Marine Le Pen warf den Grünen in Frankreich vor, die Klimaanlage aus ideologischen Gründen zu verunglimpfen. Grünen-Chefin Marine Tondelier antwortete, Le Pens Klimaprogramm beschränke sich darauf, „Luftkühler zu kaufen“. Hierzulande erklärt die AfD, „der Klimawahn“ führe zu mehr Hitzetoten „durch ideologische Baufehler wie den Verzicht auf Klimaanlagen“.Doch ist das wirklich ein Kulturkampf? Einer, der es wissen muss, ist Matthias Diermeier. Er befasst sich am Institut der deutschen Wirtschaft Köln mit Transformationsinfrastrukturen. „Um die Wärmepumpe gibt es einen Kulturkampf“, sagt er. Um das Windrad ebenfalls. „Bei der Klimaanlage bin ich mir nicht so sicher.“ Zumindest nicht in Deutschland.Wie entsteht ein politischer Kampf um ein technisches Gerät?Damit ein technisches Gerät einen ideologischen Kampf entfacht, müsse zunächst eine Voraussetzung erfüllt sein: „Das Thema muss eine gewisse Salienz haben“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Es muss ein Reizthema werden, es muss aufkochen. Das ist bei der Kühlung fast wörtlich der Fall. „Jetzt gibt es Tage mit über 40 Grad Celsius, an denen man es fast nicht mehr aushalten kann ohne Klimaanlage“, sagt Diermeier. Daraus ergebe sich ein fruchtbarer Nährboden, den die politischen Akteure bewirtschaften könnten.Doch das reicht nicht. Die Akteure müssten den technischen Konflikt emotional anspitzen. „Sie müssen ihn zu einem Stellvertreterkonflikt für etwas viel Größeres machen“, sagt Diermeier. In diesem Fall ist das die grundsätzliche Aushandlung der Klimapolitik. Das kann man gerade beobachten, aber noch fehlt der entscheidende letzte Schritt: die Lagerbildung. In Deutschland gebe es keine Frontstellung, bei der ein politisches Lager klar für und das andere gegen die Klimaanlage sei. „Das wird vielleicht heraufbeschworen, aber ich sehe es noch nicht“, sagt Diermeier. Er verweist auf den Vorstoß der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katharina Dröge, ein Förderprogramm für solarbetriebene Klimaanlagen in öffentlichen Gebäuden aufzulegen. In der Logik des Kulturkampfs müsste sie die Technologie eigentlich ablehnen.Klimaanlagen retten potentiell 114.000 Leben jährlichOhnehin gelte ein „Grundbefund“, sagt Diermeier: „Technik ist neutral. Ein Gerät ist unpolitisch. Es erfüllt seinen Zweck oder eben nicht.“ Ob Klimaanlagen das tun, ist eine Frage von Technik, Ökologie und Gesundheit. Und die Antwort lautet: Ja, sie erfüllen ihren Zweck, aber zu einem hohen Preis.Der Zweck ist klar: Klimaanlagen kühlen. Wie wichtig das ist, verdeutlicht eine Zahl, die 2021 in einem Klimabericht des Medizinjournals „Lancet“ erschienen ist: Im besonders heißen Jahr 2019 wären ohne Klimaanlagen zu den weltweit 345.000 hitzebedingten Todesfällen bei über 65-Jährigen noch mal 195.400 dazugekommen. Im „Lancet“-Report von 2025 kann man zudem lesen, dass Klimaanlagen potentiell 114.000 Leben jährlich retten. Gerade in Krankenhäusern und Altenheimen können sie lebenswichtig sein.Dennoch empfehlen die Autoren des aktuellen Berichts, „klimaresiliente, nachhaltige Gebäude“ zu fördern, um die Abhängigkeit von Klimaanlagen zu verringern. Das liegt an ihrem Preis.Kältetechnik verursacht mehr Emissionen als die LuftfahrtDa sind zum einen die direkten Emissionen, wenn gasförmige Kältemittel bei der Wartung oder Verschrottung der Klimaanlagen in die Umwelt gelangen. Das lange weit verbreitete R410A hat ein sogenanntes „Global Warming Potential“ (GWP) von 2088: Ein Kilogramm des Stoffes trägt so viel zum Treibhauseffekt bei wie 2088 Kilogramm CO₂. In neuen, kleinen Anlagen ist das Mittel in der EU inzwischen verboten, weltweit aber noch verbreitet. Der Trend geht zu klimafreundlichen Mitteln wie etwa Propan mit einem GWP von lediglich 3. Allerdings ist es leicht entzündlich, was die Wartung erschwert. Auch CO₂ wird inzwischen als Kältemittel genutzt. Diese direkten Emissionen sind laut einem Bericht des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) für ein Drittel der Emissionen im Kühl- und Kältesektor verantwortlich.Der doppelt so große Rest sind die indirekten Emissionen, die etwa bei der Erzeugung des nötigen Stroms entstehen. Der weltweite Strombedarf für die Raumkühlung ist laut der Internationalen Energieagentur seit dem Jahr 2015 um 50 Prozent gestiegen, was vor allem am Wachstum in Ländern wie China liegt. Er beträgt derzeit 2900 Terawattstunden jährlich. Das heißt: Klimaanlagen verbrauchen weltweit mehr Strom als die gesamte Europäische Union. Dieser Bedarf dürfte bis 2035 noch mal um 1600 Terawattstunden steigen, rechnet die Internationale Energieagentur vor – mit entsprechenden Treibhausgasemissionen. Schon 2023 sollen Klimaanlagen für 1100 Megatonnen an CO₂-Emissionen verantwortlich gewesen sein. Das ist mehr als die gesamte Luftfahrt.