Unser Autor besucht mit seiner Tochter ein Live-Rollenspiel für Kinder – und beobachtet, wie aus der Achtjährigen eine Heldin wird.

Rund 60 Kinder in mittelalterlicher Kleidung folgen einem charismatischen jungen Mann durch den Hinüberschen Garten im Nordwesten Hannovers. Sie sind bewaffnet mit Schwertern und Schilden, Bögen und Kampfstäben. Konzentriert marschieren sie, skandieren im Rhythmus und üben gemeinsam, wie man eine Schlachtreihe bildet: Schildträger nach vorne, die Schwerter im zweiten Glied, dann Bogenschützen und Heiler in der Nachhut.

Man könnte glauben, der Kinderkreuzzug von 1212 würde hier ein Revival erleben. Doch der Anführer ist kein eifernder Prediger. Er nennt sich Sir Tristan von Tiefweiher, Heerführer der nördlichen Königreiche. Und den Rufen zufolge wird auch nicht gegen die Sarazenen, sondern gegen die „Horde“ gezogen. Was ich außerdem weiß: Meine achtjährige Tochter steckt mittendrin in diesem Aufmarsch und sie hat gerade die Zeit ihres Lebens. Sie macht schon zum zweiten Mal bei einem Larp mit, die Abkürzung steht für „Live Action Role Playing“, auf Deutsch: Live-Rollenspiel.

In klassischen Rollenspielen, zu den bekannteren zählen „Dungeons and Dragons“ oder das deutsche „Das schwarze Auge“, werden fantastische Abenteuer mit Stift und Papier am Wohnzimmertisch nachgespielt. Eine Spielleitung steckt erzählerisch einen Rahmen aus Setting, Ereignissen und zu lösenden Aufgaben ab. Die Spielenden improvisieren mit selbst ausgedachten Charakteren, wie sie auf die Herausforderungen reagieren. Mit Würfeln und einem Regelwerk wird bestimmt, wer einen Kampf gewinnt, wie stark ein Zauber wirkt und ob ein waghalsiger Sprung gelingt – oder nicht. So entsteht gemeinsam eine epische Geschichte.