Ritter ist ein Traumberuf vieler Kinder, die eine Weile lang gerne mit Schild und Schwertern spielen. In Wahrheit war das Ritterleben freilich meist beschwerlich und gefährlich, so angesehen der Stand im Mittelalter auch gewesen sein mochte. Die Gefahren sind hinlänglich bekannt, wenn man Kreuzzugfilme sieht oder das berühmte Lied von Karl Valentin hört (eine Ausstellung zu den gesammelten Rittersagen des Komikers ist noch bis 15. November auf der Burg Grünwald zu sehen): „So ein früh’rer Rittersmann hatte sehr viel Eisen an. Die meisten Ritter, ich muss sag’n, hat deswegen der Blitz erschlag’n.“Aktuelle Ritter werden zwar weniger von Feinden bedroht, aber das Wetter macht ihnen immer noch zu schaffen: Etwa 20 Kilogramm wiegen solche Rüstungen, die dieser Tage freilich vor allem von Stunt-Leuten oder Hobby-Historiendarstellern getragen werden. Da gerät man durchaus ins Schwitzen, ob nun hoch zu Ross oder auf Eisenschuhen durch die Gegend stapfend. Aber es gibt einen Ort, da fühlen sich Kettenhemdträger von heute besonders gut aufgehoben: Schloss Kaltenberg nahe dem Ammersee im Landkreis Landsberg.Seit 47 Jahren veranstaltet der Schlossherr, Prinz Luitpold von Bayern, das Ritterturnier. Nach ersten Schaukämpfen anlässlich der 800-Jahr-Feier der Wittelsbacher mit 16 Show-Recken hat sich das Kaltenberger Ritterturnier zum weltgrößten Spektakel seiner Art entwickelt. Für Helmträger wie den Franzosen Frederic Laforet ist es wie der Heilige Gral für die Kreuzzügler, wie die Tafelrunde für Artus: „Nichts ist schöner als Kaltenberg“, sagt der Stuntman, der im Film „Brother’s Grimm“ übrigens Heath Ledger doubelte.Obwohl Laforet zugeben muss, dass er bei einer Ben-Hur-Show im Pariser Stade de France vor 50 000 Zuschauer schon auch Herzklopfen hatte, beeindruckt ihn an Kaltenberg doch noch mehr. Kaltenberg, sagt er, gehöre ein Teil seiner Seele. 22 Jahre lang habe er hier den Schwarzen Ritter verkörpert, und obwohl der oft den Übelknecht spielte, flogen dem imposanten Antihelden die Herzen der Zuschauer zu. Seit 2022 ist Laforet der Stunt-Choreograf der Spiele. Am meisten beeindruckt ihn „der Ort“. Der sei eben „ein echter, historischer Ort, nichts Oberflächliches“.Nun steht vom ursprünglichen, im 13. Jahrhundert erbauten Schloss zwar nicht mehr allzu viel, und die gotisierenden Bauten vom Jahr 1841 an mit dem markanten Turm und dem großen Tor sind arg romantisierend wie König Ludwigs II. Neuschwanstein, aber sie verfehlen ihre Wirkung nicht. Wer vom großen Acker-Parkplatz kommend einmal das äußere Eingangsportal durchschritten hat, fühlt sich auf Kaltenberg in eine andere Zeit versetzt, eben zwischen Mittelalter und Frau Holle.Herzstück der großen Show: Die Ritter messen sich im Tjost, dem Zweikampf mit Lanzen zu Pferde. Kaltenberger RitterturnierGebaut wird immer noch, aber Luitpold Prinz von Bayern achtet sehr auf die Details. Die große Arena wirkt mit ihren Kulissenbauten und den Holztribünen für 10 000 Besucher wirklich wie ein alter Turnierplatz, trotz moderner Technik. Gerade wurde sie wieder auf Vordermann gebracht und wetterfest gemacht, wie der Hausherr mitteilt. „Dadurch können die Ritter ihre Tjosten selbst bei Wolkenbruch sicher reiten.“ Da rostet also nichts mehr.Denselben Aufwand wie fürs Gelände betreiben die Macher der Kaltenberger Ritterturniere auch für das Herzstück der Veranstaltung, das Ritterspiel. Das Kreativteam sorgt für Abwechslung und Qualität: Regisseur Alexander May hat schon mit Theaterguru Claus Peymann gearbeitet, Buchautor Thomas Limpinsel fürs Singspiel am Nockherberg geschrieben, Choreografin Janne Geest in Musicals und Opern mitgewirkt. Da gibt es nicht nur Schwertschwingerei und Lanzensplitter, sondern immer eine neue Geschichte, spannend, ein bisschen humorvoll und bisweilen ins Reich der Fantasy abdriftend.Diesmal handelt sie vom „Sohn des Schwarzen Ritters“: Albrecht heißt er und wächst auf Schloss Kaltenberg auf, wird aber von Herrscherin Magdalenen mies behandelt, wendet sich also gegen den Hof und hilft wie ein bayerischer Robin Hood den Bauern. Am Ende muss er sich – Ödipus lässt grüßen – gegen seinen Vater stellen, den Schwarzen Ritter. Und dann zieht auch noch ein Sturm auf ...Ein Höhepunkt vor dem eigentlichen Turnier: Das saukomische Stück „Zwei Kanonen und der Nippelalter“. Kaltenberger RitterturnierZwei Stunden dauert das Stück. Action und Kämpfe wechseln sich ab mit Artistik, Fahnenschwingen und auch Freiheitsdressuren und Hoher Schule – es sollen ja nicht nur junge Ritter-Rabauken, sondern auch Reiterhof-Rapunzel (ohne hier eine geschlechtliche Zuordnung vornehmen zu wollen) unterhalten werden.Das Ritterturnier ist das Herzstück, aber beileibe nicht alles. Die große Show dauert zwei Stunden – und das bei insgesamt 40 Stunden Programm auf mehreren Bühnen an so einem Turniertag. Auf der Rabenbühne neben der Arena treten die Musikerstars der Mittelaltermarkt-Szene auf: Corvus Corax und Tanzwut. Ebenso bedienen Gruppen wie Braagas oder Koenix Cister, Daburka und Dudelsack, spielen Die Streuner Rauf- und Sauflieder, vermengt die Compagnia Giostra aus Sizilien Renaissance mit Weltmusik.Macht Faxen mit den Gästen: Tilly Eulenspiegel. Kaltenberger RitterturnierEbenso kunterbunt geht es bei den Stücken der Gaukler zu. Neu dabei ist die französische Truppe Alagos, die in der Schlossgrabenbühne eine „Sinfonie aus Kraft und Sinnlichkeit“ mit Akrobatik, Contorsion und Feuerjonglage aufführen will. Lieblinge der vorigen Jahre sind auch wieder dabei: der lyrische Geschichtenerzähler Albrecht von Weech, das gruselige Stück über den großen Gleichmacher („Totentanz“), die Faxenmacherin Tilly Eulenspiegel oder das saukomische Trio „Zwei Kanonen und der Nippelalter“.Historisches Handwerk: Auf Schloss Kaltenberg können die Besucher etwa bei Holzarbeiten zuschauen. KWiuchaDas muss nicht alles originalgetreu aus Codex Manesse übernommen sein. Aber ansonsten findet sich auf Schloss Kaltenberg durchaus historischer Anschauungsunterricht: Handwerker vom Seegrasschuhmacher über Pflanzenfärberinnen und Seilmacher bis zum Schmied. So authentisch wie möglich geht es auch unter den hohen, alten Bäumen in den Lagern der Reenactment-Gruppen zu, in denen es immer etwas zu entdecken gibt: Küchenmeysterei, Hexenwaage, Normannen, Kelten, Landvolk, ein Gehöft von 1250 oder echtes „Teeren und Federn“, das Rittersleuten nach einem Fehltritt blühte.Nach dem Kinderturnier wird der Nachwuchs zum Ritter geschlagen. Chris RochKinder können durch eine eigene Ritterburg toben, mit dem Bogen schießen oder sich in der Knappenschule ausbilden lassen. Nach den großen Ritterturnieren an den Sonntagen steigt immer ein eigenes Kinder-Ritterturnier, in dem sich der Nachwuchs beim Pferdeäpfelweitwurf, am Taumelbalken oder beim Lanzenstechen beweisen kann – und bei Bestehen der Prüfung von den Alten zum Jungritter geschlagen wird.Kaltenberger Ritterturnier, Schloss Kaltenberg, Nachtturniere (Einlass 17 Uhr) sonntags 17. und 24. Juli, Abendturniere (16 Uhr) samstags 11., 18. und 25. Juli, Tagturniere (12 Uhr) sonntags 12., 19. und 26. Juli, Freitag, 10. Juli, 17 Uhr, www.ritterturnier.de