PfadnavigationHomePanorama13-Jähriger über Rock am Ring„Um uns herum springen alle gleichzeitig. Das ist viel besser als auf TikTok oder YouTube“Von Tobias DupkeStand: 13:42 UhrLesedauer: 5 MinutenDer Autor Tobias Dupke mit seinem Sohn LudwigQuelle: Tobias DupkeMatsch, Bier, Rockmusik – seit fast 30 Jahren fährt der Autor zu Rock am Ring. Diesmal nimmt er seinen 13-jährigen Sohn mit. Und der kann kaum glauben, was dort abgeht.„Jein“ – so heißt ein Hit von Fettes Brot aus dem Jahr 1996. So lautet aber auch die Antwort von Ludwig auf die Frage, ob das Musikfestival Rock am Ring das richtige Format für einen 13-Jährigen ist. Nach drei Tagen am Nürburgring überwiegt die Sehnsucht nach dem eigenen Bett, nach Ruhe und etwas Privatsphäre. Trotzdem würde er sofort wiederkommen. Dasselbe gilt für seinen Vater Tobias (47). 1996, als „Jein“ die Charts eroberte, erlebte er sein erstes Festival in der Eifel.Drei Jahrzehnte später steht er zum ersten Mal gemeinsam mit seinem Sohn auf der legendären Rennstrecke. Ein Festivalbericht aus zwei Perspektiven – und die Frage, was sich verändert hat: das Festival, die Musik oder die Besucher. Hier schildern die beiden ihre Eindrücke.AnkommenLudwig: Es regnet. Und jetzt müssen wir auch noch das Zelt aufbauen. Der Boden ist matschig, mein Vater gestresst, ich bin noch müde. Und jetzt muss es auch noch schnell gehen. Die Anreise verlief zum Glück entspannt, obwohl bei Insta & Co. von stundenlangen Staus die Rede war. Jetzt ist das Zelt aufgebaut, und wir sind nass. Wir müssen uns erst einmal umziehen. Dann hoffen wir auf trockenes Wetter und erkunden das Gelände um uns herum. Darauf freue ich mich schon.Lesen Sie auchTobias: Die Staus sind ausgeblieben, das Zelt steht. Früher habe ich in diesem Moment das erste Bier getrunken. Heute bin ich froh, dass der Himmel langsam aufklart. Wir müssen nämlich noch einkaufen. Ein Discounter hat einen Pop-up-Store aufgebaut – dort gibt es Verpflegung, Gummistiefel und laute Musik.AbfeiernLudwig: Ich muss noch meinen WhatsApp-Status aktualisieren: Bändchen abgeholt, fotografiert, hochgeladen. Meine Freunde reagieren auch direkt, freuen sich für mich. Parallel schaue ich mir die Reels von Ryko an. Der Kerl ist so etwas wie der Reporter vor Ort, produziert für den Veranstalter Videos für die sozialen Medien. Er kommt aus dem Ruhrpott – und trinkt in diesem Video Gurkenwasser auf ex. Ich weiß noch nicht, wie ich das finden soll.Tobias: Endlich wieder Rock am Ring – die meisten Bands kenne ich zwar nicht, aber den Auftakt möchte ich unbedingt sehen. Mehnersmoos starten auf der Utopia-Stage. Von der Band habe ich noch nie etwas gehört.Ludwig: Was – die spielen hier? Und ich darf hin?Tobias: Nicht meine Musik, nicht meine Texte. Aber das hätten meine Eltern 1996 wahrscheinlich auch gedacht, wenn ich mit ihnen auf Konzerte von Rage Against the Machine oder Sepultura gegangen wäre.Ludwig: Um uns herum springen alle gleichzeitig. Das ist viel besser als auf TikTok oder YouTube. Da sehe ich die Musiker nur auf dem Handy. Hier stehen sie direkt vor mir.Tobias: Linkin Park, Papa Roach und Limp Bizkit – das ist Musik, die mir gefällt. Die Konzerte der drei Bands bei Rock am Ring in diesem Jahr setzen Maßstäbe. Und ja: Auch ich drehe ein Video bei meinem Lieblingslied und schicke es meiner Frau. Obwohl sie das Konzert zu Hause auf dem Sofa live mitverfolgt. Und auch Ludwig scheint Spaß zu haben. Für ihn entsteht in diesem Moment Erinnerung. Für mich kehrt sie zurück.Ludwig: Meine Füße! Hier liegt alles so weit auseinander, wir gehen ständig von A nach B, von B nach C und dann wieder nach A. Ich bin froh, dass ich im Zelt endlich mal Ruhe finde. Aber Pustekuchen: Eine Gruppe in der Nachbarschaft hat ihr Camp wie ein Wohnzimmer eingerichtet und hört laut Musik. Ruhig ist es nicht, absolut nicht. Aber das ist allen egal. Mich beeindruckt, dass sich die meisten gar nicht kennen und trotzdem miteinander feiern.Ausschlafen?Tobias: Auf dem Campingplatz grüßen mich Menschen, die halb so alt sind wie ich – oder sogar noch jünger. Der eine bietet mir ein Bier an, der andere gibt Ludwig einen High-Five. An der Herzlichkeit hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert. Und auch daran nicht, dass ich kaum Schlaf finde.Ludwig: Puh, das war eine anstrengende Nacht. Am liebsten würde ich noch länger schlafen. Aber nebenan dröhnt schon wieder Rockmusik aus den Lautsprechern. Was ich absolut nicht verstehen kann, ist, dass die Leute schon morgens Bier trinken – und damit bis in die Nacht nicht aufhören. So viele Betrunkene habe ich noch nie erlebt. Die Menschen haben doch nichts von den Konzerten, wenn sie so besoffen sind.Tobias: Alkohol gehört für die Allermeisten zum Festivalfeeling dazu. Trotzdem bleibt es in der Regel friedlich. Der Zusammenhalt der Ringrocker hat mich damals fasziniert und fasziniert mich auch noch heute.Ludwig: Matsch. Schon wieder! Der Boden des Zeltplatzes ist durch den Regen aufgeweicht. Auch wenn das Wetter besser wird und die Sonne auch mal rausschaut – Matsch begleitet uns schon das ganze Wochenende. Die Schuhe sind längst verloren. Aber das ist mir egal. Ich habe aufgehört, dagegen anzukämpfen. Denn Rock am Ring macht Spaß. Nicht nur die Konzerte beeindrucken mich, sondern auch die Menschen. Alle sind nett zueinander. Ich mache gleich auf dem Festivalgelände noch schnell ein Video vor der Bühne und stelle es in meinen Status.Tobias: Früher mussten wir unseren Freunden nach dem Festival erzählen, wie es war. Ludwig schickt ihnen alle paar Minuten ein Video. Das Festival findet heute gleichzeitig auf dem Gelände und im Smartphone statt. Influencer, Bands und Besucher bilden das Festival ohne Zeitverlust aus den verschiedensten Perspektiven ab. Wer nicht selbst vor Ort ist, kann auf diesem Weg trotzdem dabei sein. Auch auf den Zeltplätzen oder Backstage.Ludwig: Vor dem Festival dachte ich, Rock am Ring seien vor allem Konzerte. Jetzt weiß ich: Die Musik ist nur ein Teil davon. Es geht auch um Menschen, die man gar nicht kennt. Um Regen, Matsch, Schlafmangel und viel zu lange Wege. Und genau das macht den Zauber aus.AbschiedAm letzten Abend sitzen beide vor dem Zelt und sprechen über die vergangenen Tage. „Nächstes Jahr mache ich mal eine Pause von Rock am Ring“, sagt Tobias. „Sicher?“, fragt Ludwig. „Ja klar, äh nein, ich mein’: Jein.“ Vieles hat sich seit 1996 verändert. Diese Antwort jedoch nicht.
13-Jähriger über Rock am Ring: „Um uns herum springen alle gleichzeitig. Das ist viel besser als auf TikTok oder YouTube“ - WELT
Matsch, Bier, Rockmusik – seit fast 30 Jahren fährt der Autor zu Rock am Ring. Diesmal nimmt er seinen 13-jährigen Sohn mit. Und der kann kaum glauben, was dort abgeht.















