Butterbrote! Na, so was! Da kommen der riesenhändige Fafner (Randall Jakobsh) und der großfüßige Fasolt (Tijl Faveyts) angestapft und wollen vom ziemlich ömmeligen Wotan (Michael Kupfer-Radecky) ihren Lohn für den Bau der Burg Walhall, und der sagt: „Fricka hat euch Butterbrote gemacht!“ Fricka (Alexandra Ionis), die Göttin des ehelichen Schnittchenschmierens, trägt auch eine Art von versilbertem Buttercroissant als Kopfschmuck. Der macht bei den Riesen aber so wenig Eindruck wie ihre Stullen.Die knapp zweihundert Kinder im Kleinen Bayreuther Festspielhaus, das vor dem Großen Festspielhaus im Park aus Gerüsten und Fassadenplanen errichtet wurde, verstehen den Frust der Riesen nur zu gut. Und vor allem die vorsprachliche Empathie bei den Allerkleinsten erstaunt immer wieder: Bei Richard Wagners Paukenwirbel, wenn Fafner seinen Bruder Fasolt im Streit um den Lohn erschlägt (was man gar nicht zu sehen bekommt), fängt ein Kind an zu schreien und zu weinen nur bei dem, was es hört. Phantasie braucht gar keine Bilder!Familientreffen der Lichtalben: Matthias Stier (Loge), Michael Kupfer-Radecky (Wotan / Der Wanderer), Alexandra Ionis (Fricka), Evelin Novak (Freia)Bayreuther Festspiele / Enrico NawDie Regisseurin Leonie Haupt und die Dramaturgin Sara Elisa Zimmermann haben Wagners „Ring des Nibelungen“ in eine Version für Kinder überführt, die die sechzehn Stunden Handlung auf knapp zwei verkürzt, den Inzest zwischen Siegmund und Sieglinde ausblendet, die gesamte Welt der Gibichungen (bis auf Hagen) in der „Götterdämmerung“ weglässt und den Mythos auf einen Märchenkrimi mit glücklichem Ausgang reduziert: Alberich (Joachim Goltz) klaut den Rheintöchtern (Natalia Skrycka, Karis Tucker, Catalina Bertucci) das Gold, und diese drei Feuchtgebietsbewohnerinnen müssen Verbündete finden, um es zurückzubekommen, weil es sonst im Rhein zappenduster bliebe.Gemessen an der Version von „Tristan und Isolde“ für Kinder, die dem ganz jungen Publikum im Sommer 2021 durchaus tragischen Freundesverrat und Tod zumutete, drückt sich dieser „Ring“ ein wenig vor dem, was an Wagner heikel ist. Auch wenn Hagen den Siegfried (Corby Welch) erschlägt, ist der nicht so tot, als dass er beim guten Ende, wenn die Rheintöchter von Brünnhilde (Lena Kutzner) ihr Gold zurückbekommen, nicht zusehen dürfte. Hagen entschuldigt sich auch artig, dass er zu doll zugehauen hat: „Das wollt’ ich nicht.“Siegfried (Corby Welch) hat den Schatz gefunden.Bayreuther Festspiele / Enrico NawAber es geht hier ja nicht um „werktreues“ Nacherzählen. Es geht hier eher darum, Drei- bis Zwölfjährigen die Klänge des (gekürzten) „Rheingold“-Vorspiels, des Walkürenritts oder des Verklärungsschlusses der „Götterdämmerung“ nahezubringen, für heutige Kinder ungewohnte Musik, die das Brandenburgische Staatsorchester aus Frankfurt an der Oder unter der Leitung von Azis Sadikovic konzentriert und klangschön spielt. Es geht darum, möglicherweise eine Erstbegegnung mit gesungener Sprache herbeizuführen: „Hei, Mime! Muntrer Zwerg! Was zwickt und zwackt dich denn so?“Was für das direkte Verstehen der Handlung unbedingt nötig ist, wird gesprochen, und Alberich, der aus den Rheintöchtern am liebsten Fischstäbchen machen will, geht auch ins Publikum: „Vorsicht, ich seh’ nicht nur gefährlich aus, ich bin’s auch.“ Didaktisch klug wechseln Aktion und Kontemplation einander ab. Und wenn die Kinder mit einem Trommelwirbel aus Händeklatschen und Füßetrampeln Siegmund und Sieglinde dabei helfen sollen, das Schwert Nothung aus dem Balken in Hundings Haus zu ziehen, pumpt die körperliche Bewegung gewiss wieder Sauerstoff ins Gehirn und baut Aufmerksamkeitsdefizite ab.Die Klapp- und Drehbühne von Charlotte Brandhorst kann eins, fix, drei vom Rheingrund zu Walhall, Hundings Haus und zum Walkürenfelsen mutieren. Die Kostüme sind liebevoll und farbenfroh gestaltet, unübertrefflich der rot-blaue, lämpchengespickte Zackenhelm für Loge (Matthias Stier). Kenner der DDR-Comicreihe „Mosaik“ werden zusätzlich ihren Spaß haben: Siegfried (Corby Welch spielt ihn als frisurbewussten Drachentöter) trägt eine rote Perücke wie Brabax von den Abrafaxen. Und die Rheintöchter verabschieden sich mit dem Standardsatz der Digedags von Hannes Hegen: „Wir danken euch, ohne euch wären wir noch lange nicht so weit.“
Wagners „Ring“ für Kinder bei den Bayreuther Festspielen
Ohne Inzest, aber mit Happy End: In der Reihe „Wagner für Kinder“ zeigen die Bayreuther Festspiele den „Ring des Nibelungen“ in liebevoll bunter Ausstattung und pädagogisch abgemildert.












