Wenn die Temperaturen mal wieder ins Unerträgliche steigen, gehen in Wien die Nebelduschen an. Zwischen den pompösen Fassaden im Ersten Bezirk, unter den hohen Baumwipfeln auf der Mariahilfer Straße oder in Parks und auf kleinen Plätzen stäubt dann kaltes Wasser aus langen Edelstahlrohren. „Sommerspritzer“ hat die Stadtverwaltung sie genannt. Das soll erfrischend klingen und an das alkoholische Lieblingsgetränk vieler Wiener erinnern. Tausende dieser Kühlungspunkte werden im Sommer in ganz Wien verteilt, manche fest installiert, andere nur vorübergehend auf Hydranten geschraubt.Wien ist schon seit Jahren besonders heftig von den extremen Sommertemperaturen geplagt. Der Osten Österreichs wird zum pannonischen Klima Ungarns gerechnet, mit kontinentalen, heißen Sommern und wenig Niederschlägen. Wurden zwischen 1961 und 1990 im Schnitt noch weniger als zehn Hitzetage im Jahr gezählt, waren es seit 2015 mehr als 30. In diesem Jahr wurde die 30-Tage-Marke an der Messstation Hohe Warte bereits im Juli erreicht. Doch schlimmer noch ist es in den dichten Häuserreihen der inneren Bezirke.Denn Wien hat einen entscheidenden Nachteil gegenüber München, Berlin oder Frankfurt. Die Hauptstadt des einst mächtigen Habsburgerreichs war schon Metropole, als die meisten bundesdeutschen Städte noch als Provinznester darbten. Wiens Straßenzüge sind alt und dicht bebaut. Wer sich in den Sommermonaten zwischen den opulenten Stuckfronten bewegt, wird feststellen, dass für Bäume einst kein Platz war. Alles Weitere besorgte die Zeit seit den Sechzigerjahren, als auch im Rest der Stadt viel Grün für Verkehrsflächen und Parkraum weichen musste. Bäume in der Stadt galten lange als ästhetische Angelegenheit, die vor allem Schmutz und Arbeit mit sich brachte.„Coole Straßen“ sollen die Hitze erträglich machenAber Wien wäre nicht Wien, würde es sich nicht besonders viel für seine Bürger einfallen lassen. Die „Sommerspritzer“ sind Teil des Hitzeaktionsplanes, der nicht nur langfristige Verbesserungen vorsieht, sondern vor allem eine Reihe von Akutmaßnahmen nennt, um kurzfristig besser mit den extremen Hitzeperioden umgehen zu können.Mit „coolen Straßen“, in denen mithilfe der Wasserzerstäuber etwas erträglichere Temperaturen geschaffen werden, oder „coolen Zonen“ will die Stadt die Effekte für die Bürger abmildern. „Coole Zonen“ sind öffentlich zugängliche Innenräume mit Sitzmöglichkeiten und Toiletten, in denen sich die Wiener während der Hitzetage ohne Konsumzwang aufhalten können, darunter etwa Pensionistenclubs oder Museen, die in der App der Stadt Wien abrufbar sind.„Wir vergessen schnell, dass Hitze auch ein soziales Problem ist“, sagt Andreas Januskovecz, der als Bereichsleiter alle Klimaangelegenheiten der Stadt koordiniert. Vor allem die Menschen in kleinen Wohnungen, in denen an Durchzug nicht zu denken sei, würden unter Hitzewellen besonders leiden. „Die Entscheider, die die Regeln machen, sind ja meistens gar nicht so sehr persönlich betroffen“, meint Jaunuskovecz und schließt sich selbst mit ein. „Die haben größere Wohnungen an Orten, wo es nicht so heiß ist. Oder sie sitzen im gekühlten Wagen.“ Man müsse sich mal vorstellen, wie das Leben ohne diese Fluchtmöglichkeiten sei.„Wer reißt schon vormittags die Fenster auf?“Jaunuskovecz war viele Jahre lang Forstdirektor der Stadt. 2021 erhielt er den Auftrag, eine Bereichsleitung Klimaangelegenheiten aufzubauen, die über allen Magistratsabteilungen angesiedelt ist. Mit seinem Team sitzt er heute in einem in die Jahre gekommenen Altbau unweit des Stadtparks. Vor der Tür die sengende Hitze am beinahe ausgetrockneten Betonbett des Wienflusses, drinnen ist es dunkel und kühl. „Die wirkungsvollste Maßnahme, die es gibt“, sagt Januskovecz und zeigt auf die hölzernen Außenjalousien, die hinter den geschlossenen Fenstern weit heruntergezogen sind. „Fast wie in einem italienischen Palazzo.“Andreas Januskovecz koordiniert als Bereichsleiter alle Klimaangelegenheiten der Magistratsabteilungen in Wien.Alexander HanekeEr nennt es den „Hausverstand“. Der müsse wieder aktiviert werden. „Die Leute kommen in der Früh ins Büro und reißen am Vormittag die Fenster auf.“ Sein Blick lässt keinen Zweifel daran, was er von solchen Gewohnheiten hält. „Wenn es wirklich heiß ist, muss man zwischen null und sechs Uhr lüften, danach die Fenster zu und verdunkeln!“ Es seien viele einfache Dinge, an die man die Menschen erinnern müsse. „Nicht mittags shoppen gehen, die körperliche Anstrengung zurücknehmen und einfach akzeptieren, dass man nicht die gleiche körperliche Leistung zusammenbringt, wenn es wirklich heiß ist.“Mit der richtigen Einstellung durch die HitzeUnd noch etwas ist Januskovecz wichtig: die psychologische Komponente. „Ich glaube, wir sollten auch die positiven Dinge zeigen, lieber das halb volle Glas, sonst kommen wir in ein Denken, in dem alles schlecht ist.“Positive Dinge kann er in Wien einige aufzählen. Das fängt an mit dem Wasser. Aus Wiens Leitungen sprudelt das ganze Jahr über herrlich frisches Quellwasser. „Sechs bis sieben Grad“, sagt Januskovecz. Die Temperatur sei entscheidend, weil es so besser schmecke, die Leute genügend tränken und sich erfrischen könnten, zu Hause oder an den 1800 Trinkbrunnen, die die Stadt aufgestellt hat. „Das sind mehr als in ganz Deutschland, habe ich gehört.“ Die Stadt habe schon vor über hundert Jahren „gescheit gedacht“, sich also um die Daseinsvorsorge gekümmert und große Flächen in Niederösterreich und der Steiermark gesichert. Von dort aus werde nun das Quellwasser nach Wien geleitet, auf absehbare Zeit in ausreichender Menge, sodass es auch für die Sommerspritzer reicht. Deren Wasserverbrauch sei ohnehin erstaunlich niedrig.Bewohner der österreichischen Haupstadt während des Donauinselfestivals im JuliReutersDer zweite Punkt sei der Wienerwald, jenes hügelige, kaum bebaute Waldgebiet, das die Stadt nach Westen und Südwesten hin umgibt. „Weil der Wind meist von Westen her kommt und zwischen den Bäumen abkühlt, ist der Wienerwald die größte Klimaanlage der Stadt“, sagt Januskovecz. Bis zu sechs Grad Unterschied mache das aus. Besonders schlimm würde die Hitze an jenen Tagen, an denen der Wind aus anderen Richtungen in die Stadt komme.Januskovecz hat noch einen dritten Punkt auf seiner Liste: die öffentlichen Bademöglichkeiten. Er meint dabei nicht nur die vielen, oft historischen Freibäder, die zum Gefallen vieler Wiener jüngst sogar von der „New York Times“ gewürdigt wurden. Er zählt 60 Kilometer öffentliche Bademöglichkeiten innerhalb der Stadt, die meisten eher zufällig entstanden während des Umbaus des Donaubetts. Denn in den Siebzigerjahren hatte die Stadt beschlossen, zum Schutz vor den ständigen Hochwassern einen künstlichen Nebenarm auszuheben. Die „Neue Donau“. Wenn Normalwasser ist, wird hier keine Strömung durchgeleitet, wodurch eine riesige innerstädtische Badefläche entlang der aufgeschütteten Donauinsel entstanden ist. Mehr als 40 Kilometer frei begehbarer Wasserzugang, an dem sich die Wiener an heißen Tagen in Strandbars tummeln oder nur kurz vorbeifahren, um sich abzukühlen. „Das sind ganz wichtige Werte für eine große Stadt“, sagt Januskovecz.Wien hat 2025 mehr als 5000 Bäume gepflanztDoch Badeplätze hin oder her, Januskovecz weiß natürlich, dass Wien viel tun muss, um die Hitzeperioden für die Menschen abzufedern, gerade was die sogenannten Hitzeinseln angeht, an denen sich die Stadt besonders aufheizt. Vor allem die Nächte werden immer mehr zum Problem, in denen die Temperaturen in den eng bebauten Bezirken oft nicht mehr unter 25 Grad sinken. Unmöglich, bei diesen Temperaturen die Wohnungen für den nächsten Tag zu kühlen.Unter dem Slogan „Raus aus dem Asphalt“ hat man in den vergangenen Jahren auf Straßen und Plätzen neue Grünflächen in Form von Staudenbeeten, kleinen „Wienerwäldchen“ oder anderen Gehölzen geschaffen und mehrere Tausend neue Bäume gepflanzt. Allein für das Jahr 2025 geben die Stadtgärten 5190 Baumpflanzungen an.Abkühlung mit dem Wasserschlauch: Bauarbeiter während eines Hitzetages in WiendpaDoch die Zahlen trügen. 3358 der gepflanzten Bäume sind nur Ersatz für eingegangene Stadtbäume. Und auch von den Neupflanzungen entfällt nur ein Teil auf neue Flächen in den Straßen. Denn einen neuen Standort für einen Baum zu finden, ist überaus kompliziert. Das liegt schon an den vielen Leitungen und – in den alten Vierteln – historischen Kelleranlagen, die sich unter dem Asphalt verbergen. Wasser, Abwasser, Gas, Strom, Telefon, dazu noch Haupt- und Nebenleitungen mit Verzweigungen. Oft sind die Netze historisch gewachsen und überall im Boden verteilt. Man muss nur den Blick auf die vielen verschiedenen metallenen Schachtabdeckungen richten, die überall auf den Straßen verstreut sind.Damit ein junger Baum überleben kann, muss noch dazu möglichst viel Erde in dem hochverdichteten Boden ausgetauscht werden. Und selbst dann noch bedeutet das Leben in der Stadt für die Bäume ständigen Stress, dem viele nicht lange standhalten. Immense Kosten also, und das oft sogar unter dem Protest von Anwohnern, die sich um die Parkplatzsituation sorgen. Immerhin hier habe sich das Bewusstsein in den letzten Jahren deutlich verändert, meint Jaunuskovecz. Die Menschen würden nun selbst spüren, wie wichtig Bäume in ihrer Umgebung sind.Rosemarie Stangl kann davon erzählen, wie positiv sich solche Pflanzungen für das Mikroklima auswirken. „Das sind Multifunktionsflächen, die Staub binden, CO₂ filtern und Verdunstungskühle erzeugen“, sagt die Leiterin des Instituts für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau an der altehrwürdigen Universität für Bodenkultur. Die BOKU University, wie sie sich heute nennt, liegt etwas höher auf den Ausläufern des Wienerwalds im noblen 19. Gemeindebezirk. Hier hatte man um 1900 die Wohnviertel für die Bessergestellten nach den Ideen einer Parkstadt errichtet, mit vielen Grünanlagen und Alleen. Während der heißen Tage ist die Luft in diesen Gegenden um einige Grad kühler als in der dichten Innenstadt.Es soll ja kein Baum die Hauswand berühren„Schon in der Monarchie gab es Strömungen, die auf diese Fragen achteten“, sagt Stangl, man müsse nur auf die mondäne Ringstraße blicken mit ihrem mehrreihigen Baumbestand. „Da wurden schon Arten eingebracht, die auch heute noch als Zukunftsbäume gelten“, sagt sie. „Die Ansprüche an den Stadtraum gab es schon vor hundert Jahren, die Stressfaktoren haben sich aber multipliziert.“Viele Bäume, die nun mit großem Aufwand überall in der Stadt gepflanzt würden, überlebten nicht lange oder hätten nur einen geringen Effekt. „Das Leben zwischen hohen Bauten im hochverdichteten Boden ist für die Pflanzen purer Stress“, sagt sie. Stangl stört auch, dass man zu oft auf schmale, säulenförmige Baumarten zurückgreife. „Sonst haben die Leute Angst, dass die Äste die Hauswand berühren oder die Oberleitungen beschädigen“, sagt Stangl. Nur bringe das wenig Schattenwirkung. „Man könnte das bei großkronigen Bäumen durch den richtigen Schnitt gut beeinflussen.“ Die Schattenwirkung in der Ringstraße funktioniere ja gerade deshalb, weil dort „großkronige“ Baumarten stünden.Ein Pärchen findet im Volksgarten unten dem Sonnenschirm etwas SchattenAFPStangl könnte viele weitere Probleme auflisten. Wurzeln alter Bäume, auf die bei Bauarbeiten kaum Rücksicht genommen werde, den zu geringen Aushub, um jungen Bäumen im hochverdichteten Boden Platz zum Wachsen zu geben, bis hin zur Bewässerung.In den letzten Jahren hat Wien an mehreren Standorten das Konzept einer „Schwammstadt“ erprobt, bei dem unter den befestigten Oberflächen im Straßenraum eine Schicht aus Grobskelett und feinen, wasserspeichernden Materialien angelegt wird. So soll starker Niederschlag rasch versickern können und der Boden mehr Wasser für die Bäume speichern.„Diese Systeme funktionieren in Skandinavien oder England besser als im pannonischen Raum, wo es kurzen, intensiven Starkregen zwischen langen Trockenphasen gibt“, meint Stangl und spricht von baulichen Möglichkeiten, Regenwasser der Stadt für die Baumflächen zu nutzen. Das Grundproblem ist und bleibe, dass zu viel Bodenfläche versiegelt werde. Man müsse nur auf den erst vor gut zehn Jahren fertiggestellten Hauptbahnhof mit seinen steinernen Vorflächen und andere Sanierungen im Straßenraum blicken.All das sind Probleme, die auch Jaunuskovecz, der lange Forstdirektor war, in seinem abgedunkelten Büro sieht. „Aber wir müssen immer bedenken, dass wir in einer Millionenstadt leben“, wirft er ein. Dann zeigt er durch den Spalt unter dem Holzrollo auf ein gläsernes, neues Gebäude gegenüber. „Irre“, sagt er fast mitleidsvoll. „Das ist ein Hotspot.“ In Architektur und Stadtplanung sei das Thema Hitze eben erst in den letzten Jahren wirklich angekommen. Große Projekte hätten aber eine lange Planungsphase. Die stammten oft noch aus einer anderen Zeit.
Umgang mit extremer Hitze: Die Sommerspritzer von Wien
Wien leidet mehr als andere Großstädte unter der Hitze. Die historischen Viertel sind dicht bebaut und haben wenig Platz für Grün. Doch Not macht erfinderisch.












