Die Dialektik der Abkühlung oder was in der laufenden Hitzediskussion ausgeblendet wirdWir reden über Klimaanlagen und verdrängen dabei die Klimakrise. Was wir von der Geschichte der Kältetechnik über die industrielle Moderne und uns selbst lernen können.02.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNichts ist besser an Hitzetagen als wohltuende Kühlung wie hier in Melbourne in Australien. Allerdings haben Kühlanlagen die paradoxe Eigenschaft, dass sie Wärme produzieren.Vince Caligiuri / GettyGlücklich, wer eine Klimaanlage hat! Die derzeitige Hitzewelle ist mit Raumkühlung viel erträglicher. Die gekühlte Luft bewahrt den Kreislauf vor dem Kollaps und das Gehirn vor der Blockade. Bei Temperaturen von über 30 Grad machen klimatisierte Räume effizientes Arbeiten erst möglich. Und Kühlung ist auch einfach angenehm. Kein Luxus mehr, sondern Rahmenbedingung eines komfortablen Alltags, ja sogar ein Gesundheitsfaktor. Dieses Jahr ist die Nachfrage nach Klimaanlagen explodiert. Wer jetzt noch eine kaufen will, sucht vergeblich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der wohltuend klimatisierte Kokon, in den wir uns zurückziehen möchten, erlaubt es, die Zumutungen der Hitze auszublenden. Ebenso blenden wir die Tatsache aus, dass Klimaanlagen verhältnismässig viel Strom verbrauchen und deren Kühlmittel giftige Stoffe wie TFA enthalten, die sich in unserem Trinkwasser ablagern. Auch die Abwärme der Anlage kümmert uns wenig, draussen ist es ja sowieso schon heiss.Früher war Eis ein LuxusWer keine Klimaanlage hat, hat immerhin einen Kühlschrank. An einem heissen Tag gibt es nichts Besseres als ein kaltes Getränk. Am besten mit ein paar Eiswürfeln, die im Glas leise klirren. Und wer sich draussen in der sengenden Sonne aufhalten muss, kann sich immerhin eine Glace auf der Zunge zergehen lassen: eine Minikühlung im Mundraum.Heute wäre wohl niemand mehr bereit, auf einen Kühlschrank zu verzichten. Doch dass wir künstliche Kälte geniessen, ist historisch betrachtet alles andere als selbstverständlich. Die Glace, der Kühlschrank und die Klimaanlage sind Produkte einer Kälteindustrie, die sich in der Geschichte der Menschheit erst spät entwickelt hat.Im Gegensatz zum Heizen, das für die Menschen seit je überlebenswichtig war, entstand das industrielle Kühlen erst im 19. Jahrhundert, wie der Historiker Jan Eike Dunkhase in seinem erhellenden Buch «Kühle neue Welt» (Reclam-Verlag) aufzeigt. Techniken der Kühlung existieren zwar seit der Antike, etwa die Windtürme der Perser oder die Kaltkeller in den Alpen. Doch weltweit durchgesetzt haben sich erst die auf Chemie und Elektrizität beruhenden Kältemaschinen.Eisgekühlte Getränke waren in der Antike noch den Wohlhabenden vorbehalten. Am Hof von Kaiser Nero kühlte man den Wein mit Schnee, was der Philosoph Seneca als «luxuria» kritisierte. Das Speiseeis hingegen wurde im Mittleren Osten erfunden. Seit dem Frühmittelalter reicherten die Perser Eiswasser mit Früchten oder Rosen an. Das Eis stammte aus den Bergen Libanons und Armeniens. Das persische «sherbet» ist der Vorgänger des Sorbets, das später auf europäischen Fürstenhöfen Furore machte.Bis ins Industriezeitalter genossen nur wenige Menschen Eis und gekühlte Getränke. Zum Konsumgut der Massen wurden sie erst durch die amerikanische Kälteindustrie. Diese wiederum entstand auf der Grundlage der Fleischindustrie. Denn je mehr Land die Einwanderer den First Nations raubten, desto grösser wurde das Angebot an Schlachtvieh. Für dessen industrielle Verwertung brauchte es Kühlketten.Seinen Durchbruch erlebte der Kühlschrank im 20. Jahrhundert im Zeichen des wachsenden Wohlstands. Die gekühlte Cola-Dose war griffbereit. «Heute erscheint ein Leben ohne künstliche Kälte kaum noch denkbar», schreibt Dunkhase. Nicht nur das Welternährungssystem, sondern auch die Medizin hängt von Kühlketten ab. Und eben auch unser Wohlbefinden an Hitzetagen.In der Schweiz wird die Klimaanlage wohl eine ähnliche Karriere einschlagen wie der Kühlschrank und in unserem sonst komfortverwöhnten Land doch noch zum Standard werden. Es wird so viel über Klimaanlagen gesprochen wie noch nie. Auffällig ist aber, worüber man nicht spricht: Die Ursache dieser Hitzewelle, die Klimakrise, bleibt in der öffentlichen Diskussion eine Leerstelle.In der Politik ist höchstens von Strategien im Umgang mit der Hitze die Rede, Stichwort Anpassung, nicht aber davon, mit welchen politischen und technischen Massnahmen wir der Klimaerwärmung entgegenwirken könnten. Dabei sind deren Auswirkungen, von der Wissenschaft seit Jahrzehnten prognostiziert, in unserem Alltag so verheerend augenfällig wie nie zuvor: heftigere Unwetter, Erdrutsche, das rasante Abschmelzen der Gletscher, das Auftauen des Permafrosts, Steinschlag, Wassermangel, Waldbrandgefahr vom Wallis bis zum Bodensee.Symptom der VerdrängungDer Temperaturanstieg ist in der Schweiz mehr als doppelt so hoch wie im globalen Durchschnitt. Derweil fliegen die Schweizerinnen und Schweizer um die Welt, als ob nichts wäre. Die Politik fördert den Flugverkehr, einen grossen Verursacher von Treibhausgasen, sogar noch, indem sie auf eine CO2-Abgabe auf Kerosin oder auf eine Mehrwertsteuer auf internationale Flugtickets verzichtet. Stattdessen streicht das Parlament die Förderung des klimafreundlichen Nachtzugs aus dem Budget.Klimaschutz hat in der nationalen Politik ganz offensichtlich keine Priorität. Das geplante Sparprogramm des Bundes beschneidet den Klima- und Naturschutz massiv. Auch das vom Volk beschlossene CO2-Gesetz soll umgeschrieben werden, dabei werden Massnahmen wie das Gebäudeprogramm aus dem Gesetzestext gestrichen. Kürzlich hat sich der Bundesrat auch – ganz unauffällig – von den Nachhaltigkeitszielen der Uno distanziert, wie SRF berichtete. Beim Klimaschutz rudert die Schweiz gerade zurück, von der Suche nach neuen Lösungen ganz zu schweigen. Obwohl wir sie heute stärker spüren denn je, wird die Klimakrise mit Macht verdrängt.Was von einem Haus nach dem Waldbrand übrig blieb: Klimaanlage in einem abgebrannten Wald in Kalifornien 2021.Santiago Mejia / San Francisco Chronicle via GettyDiese Nach-uns-die-Sintflut-Haltung hat mit Verantwortung nichts zu tun, lässt sich in einem gekühlten Sitzungszimmer aber bequem vertreten. Damit sind wir wieder bei der Geschichte der Moderne. Über die Jahrhunderte haben wir unseren technologischen Zugriff auf die Welt dermassen verfeinert, dass wir uns an fast jedem Flecken dieses Planeten bequem einrichten können. Mit Technik aller Art schützen wir uns vor Unbill und Gefahr.Abkühlung an heissen Tagen ist etwas Wunderbares. Nur löst sie kein Problem, sondern vergrössert dieses noch. Diesen Widerspruch nennt Jan Eike Dunkhase «Dialektik der Abkühlung». Die Kältetechnik bestätige, was Max Horkheimer und Theodor Adorno als Dialektik der Aufklärung beschrieben hätten: dass der Aufklärung eine «rastlose Selbstzerstörung» innewohnt. Physikalisch und mit Dunkhase gesprochen: «Je mehr gekühlt wird, desto wärmer wird es, und je wärmer es wird, desto mehr muss wieder gekühlt werden.» Wie keine andere Erfindung der modernen Technik erzeuge die Kältemaschine neben dem, was sie erzeugen wolle, zugleich das, was sie bekämpfe. Ein absurder Kreislauf.So wird die Klimaanlage zum Symptom der Verdrängung: Der klimatisierte Kokon hält uns die Welt vom Leib, die wir zugleich beherrschen wollen.Ein Artikel aus dem «NZZ Folio»Passend zum Artikel
Die Dialektik der Abkühlung oder was in der aktuellen Hitzediskussion ausgeblendet wird
Dialektik der Abkühlung: Die Geschichte der Kältetechnik zeigt: Wir reden über Klimaanlagen und verdrängen die Klimakrise









