Protokoll einer Panik: Zehntausende schwimmen von Marokko nach CeutaAuslöser könnte ein Gerichtsurteil in Spanien sein, das nicht zur EU-Migrationspolitik passt.02.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenEine Frau aus Somalia versucht wie Tausende andere, Ende Juli von Marokko nach Ceuta zu schwimmen.Jon Nazca / ReutersAm Donnerstagmorgen erwacht Europa mit Bildern, die es lange nicht mehr gesehen hat: Zehntausende Menschen überrennen im Norden Marokkos die Grenze zu dem winzigen spanischen Territorium Ceuta. Unter den Politikern in Europa bricht Panik aus. Kommt eine neue Flüchtlingswelle? Ein Protokoll.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vergangene WocheÜber 1500 Migranten versuchen, um eine Mole herum nach Ceuta zu schwimmen. Die Aufnahmezentren sind überlastet.In einer Facebook-Gruppe, in der sich Marokkaner austauschen über die «Hraga», die illegale Einreise nach Europa, posten Verkäufer Trockenanzüge, Schwimmflossen und möblierte Wohnungen zur Tagesmiete in Fnideq, dem Grenzort in Marokko. Videos kursieren auf Instagram und Tiktok zur Migration nach Spanien, darunter auch die Fake News, Spanien habe die Grenzen für papierlose Einwanderer geöffnet.MittwochTausende junge Menschen reisen in Richtung Norden nach Fnideq. Manche in Autos, auf Fahrrädern, zu Fuss. Auf Social Media werden Videos geteilt, die zeigen, wie Menschen dutzendweise von Ladeflächen von Lastwagen herunterspringen.Wieso gerade jetzt? Darüber wird später spekuliert werden.Donnerstag, frühmorgensTausende Menschen versammeln sich auf der marokkanischen Seite. Sie stürzen sich ins Meer, um die Grenzzäune zu umschwimmen. Manche haben Schwimmreifen dabei, Flossen, sie schwimmen in Unterwäsche oder ihren Kleidern. Es sind viele junge Männer, aber auch Familien mit kleinen Kindern. Weitere Gruppen klettern direkt über die Absperrungen am Land. Auf der anderen Seite brechen sie in Euphorie aus: «Viva España!», ruft einer in eine Fernsehkamera. «Morocco, no!», ein anderer.DonnerstagnachmittagDer Regionalpräsident von Ceuta, Juan Jesús Vivas, bezeichnet die Lage als «absolute humanitäre Katastrophe». Er fordert die Ausrufung des nationalen Notstands. Es gibt erste Berichte, dass Menschen im Meer ertrunken sind. Spanien kündigt den Einsatz der Streitkräfte an, um die Guardia Civil zu unterstützen.DonnerstagabendDie Grenze bricht faktisch zusammen. Zehntausende Migranten strömen in die Stadt Ceuta, in der 83 000 Einwohner leben. Es gibt Videos von Pöbeleien. Die Kirche und Hilfsorganisationen versuchen zu helfen. Tausende Migranten schlafen draussen auf den Strassen und in Parks.Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni verkündet, Italien sei zu ausserordentlichen Massnahmen bereit, um die Grenzen zu schützen, sogar zum Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum.FreitagmorgenDas spanische Innenministerium meldet, dass seit Donnerstagmorgen 50 000 Migranten die Grenze überschritten haben. Taucher der Guardia Civil suchen nach Leichen im Meer. Sobald sie einen toten Körper finden, heben sie die Hand, und ein Boot fährt heran. Zuerst ist die Rede von 18 Ertrunkenen. Diese Zahl wird bis Samstag laut spanischen Medien auf 67 steigen.Der französische Innenminister teilt mit, die Kontrollen an der spanischen Grenze würden sofort verstärkt. Die EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen schreibt alarmiert auf X, die Bilder aus Ceuta seien «inakzeptabel».Im Verlauf des FreitagsDer Ruf, nach Schuldigen zu suchen, wird lauter.Spaniens Medien veröffentlichen Meinungsbeiträge, die über den Sinn und Unsinn eines Urteils des spanischen Obersten Gerichtshofs vom 29. Juni debattieren. Gemäss diesem dürfen Migranten, die in die Exklaven Ceuta oder Melilla schwimmen, nicht mehr sofort nach Marokko zurückgewiesen werden. Die Begründung: Anders als Personen, die Zäune oder andere Absperrungen überwinden, würden Schwimmer die Grenze nicht gewaltsam übertreten. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez sagt, Schlepper hätten mit diesem Urteil die Stimmung angeheizt.Die Opposition gibt Sánchez die Schuld, da seine Regierung im Januar ein Dekret verabschiedete, das Hunderttausenden von Migranten ohne Papiere die Regularisierung erlaubt.In spanischen Medien wird Marokko vorgeworfen, seine Grenzbeamten hätten weggeschaut und zu passiv reagiert, obwohl seit mehreren Wochen mehr Menschen versucht haben, die Grenze zu überqueren.FreitagmittagSánchez sagt in einer Pressekonferenz, um die Einwohner von Ceuta zu schützen, würden die Sicherheitskräfte auf den Strassen der Stadt aufgestockt. Und er kündigte Massnahmen an in Bezug auf das Gerichtsurteil: Im Meer lasse er Sperrbojen errichten. So könnten Personen – in Übereinstimmung mit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs – weiterhin zurückgewiesen werden.Italien setzt das Schengenabkommen mit Spanien aus.In der Facebook-Gruppe über die «Hraga» posten Angehörige Fotos ihrer vermissten Söhne und Verwandten. «Wer etwas von ihm gehört hat, soll es uns bitte mitteilen», schreibt eine Marokkanerin.FreitagabendUmgekehrter Exodus: Lange Kolonnen der Migranten gehen über den Landweg zurück nach Marokko. Ein 19-Jähriger sagt gegenüber der spanischen Zeitung «El Mundo»: «Wir gehen. Spanien will uns nicht! Sie haben uns kein Wasser gegeben, nicht einmal ein Stück Brot. Marokko ist ein Drecksloch. Aber Spanien wirft uns raus. Wir sind so müde. Wir haben es versucht, aber es hat nicht geklappt.»Laut den spanischen Behörden sind bis Freitag um 18 Uhr rund 48 300 Migranten nach Marokko zurückgekehrt.SamstagSánchez will eine ausserordentliche Videokonferenz der EU-Innenminister einberufen. Er wirft Italien, ohne das Land direkt zu nennen, Egoismus und Unwissen vor. Für Ceuta gelte die Freizügigkeit des sonstigen Schengenraums nicht. 22 EU-Staats- und Regierungschefs fordern in einem Brief ebenfalls eine Dringlichkeitssitzung, und sie kritisieren Sánchez für seine liberale Migrationspolitik.Die politischen Nachwirkungen beginnen nun.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel