Ich saß auf einer Familienfeier, Halay-Tanz und Käsekuchen, als mich die Eilmeldung erreichte. Jemand fuhr beim Berliner CSD in die Menschenmenge. Eine Tote, mehrere Verletzte. Bitte lass es keinen Muslim sein, hörte ich eine Stimme aus dem Off murmeln und schämte mich dafür. Wie kann es sein, dass das Erste, woran ich denke, die Herkunft des Täters ist und nicht die Lage derjenigen, die um ihr Leben rennen, sich verstecken oder um ihre Angehörigen bangen?Offenbar war ich damit nicht allein. In den Kommentarspalten im Netz, in Storys und auf öffentlichen Kundgebungen berichten andere migrantische Menschen von ähnlichen Gedanken. Eine Person erwischte sich dabei, sich einen weißen Christen als Täter zu erhoffen.Kurz nachdem bekannt wurde, dass es sich tatsächlich um einen islamistischen Terroristen handelte, sahen wiederum Rechte ihren Augenblick gekommen. Sie machen „linksgrünversiffte Gutmenschen“ für den Anschlag verantwortlich: zu viel Toleranz, zu viele Ausländer, zu viel Islam. Andere schlagen moderatere Töne an, fordern aber, dass sich „die Muslime“ distanzieren. Nicht wenige tun das öffentlich und bekräftigen ihr Mitgefühl, das reicht aber nicht allen. Jede Geste wird überprüft, werden wir nur getäuscht?Es gibt kaum Zeit, um zu trauernIch stieß auf die Solidaritätsbekundung einer jungen muslimischen Frau, die sich an die Seite der queeren Community stellt, sie verurteilt die Tat und weigert sich, zu schweigen. Unter dem Video kommentieren manche mit Herz-Emojis und bedanken sich. Andere beleidigen sie und hetzen: Das Kopftuch, das sie da trage, sei nicht gerade für Queerfreundlichkeit bekannt. Ich muss kurz schmunzeln, ich kenne Lesben mit Kopftuch. Aber um solche Wirklichkeiten geht es hier nicht, dafür reicht die Debatte nicht. Seit Tagen greift das alte Schema: Freunde versus Feinde, Deutsche versus Migranten, Queere versus Muslime. Der Verdacht überschattet jede Diskussion. Es gibt kaum Zeit, um zu trauern.
CSD-Anschlag in Berlin: „Als queerer Muslim passe ich in kein Feindbild“
Nach dem islamistischen Anschlag auf den CSD in Berlin werden Muslime und Queere in der Debatte gegeneinander ausgespielt. Dabei verbindet beide Gruppen mehr, als viele vermuten.











