Auch am Üetliberg herrscht höchste Waldbrandgefahr: «Landet hier ein Zigarettenstummel, gerät das Feuer wohl innert weniger als einer Minute ausser Kontrolle», sagt der oberste Zürcher ForstingenieurGrössere Waldbrände kennt man aus Nordamerika, Südeuropa, dem Tessin oder dem Wallis. Doch Zürichs Hausberg wird ebenfalls gewappnet.Jana Kehl31.07.2026, 05.00 Uhr5 LeseminutenDer Ausblick vom Zürichseeufer auf den Üetliberg. Käme es am Hausberg zu einem Waldbrand, dürfte das in der Stadt nicht unbemerkt bleiben.Philipp Oscity / ImagoIm Süden Europas brennt der Wald. Jener am Üetliberg ist grün, an den Ahornbäumen wachsen die kleinen Propellerfrüchte dicht aneinander. Ob sie ein Hinweis dafür sind, dass Hitze und Trockenheit dem Wald hier bisher wenig zugesetzt haben? Kurt Hollenstein verneint. Viele Früchte bedeuteten nicht automatisch Gutes: «Die Bäume stehen unter Hitzestress und versuchen sich zu vermehren.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hollenstein, ein Mann mit festen Schritten, klarer Stimme und Appenzeller Dialekt, ist der oberste Forstingenieur im Kanton Zürich. An diesem Nachmittag steigt er aus der Üetlibergbahn und packt den Laptop in den hellblauen Wanderrucksack. Die Fahrt über hat er E-Mails beantwortet. Er erhalte derzeit viele Nachrichten, nicht von Arbeitskollegen, sondern aus der Bevölkerung, sagt Hollenstein. Etwas beschäftige die Zürcher besonders: «die Frage, warum der Kanton kein allgemeines Feuer- und Feuerwerksverbot erlassen hat».Kurt Hollenstein, Kantonsforstingenieur, bei einem früheren Waldrundgang.Annick Ramp / NZZEin solches allgemeines Verbot verantworten in Zürich, anders als in anderen Kantonen, die Gemeinden. Die meisten von ihnen schränken das Grillieren im eigenen Garten ein, für den 1. August gilt flächendeckend ein Feuerwerksverbot. Einschreiten und einzelne Gemeinden zu strengeren Regeln zwingen könnte der Kanton nur bei «Gefahr im Verzug». Diese sei derzeit nicht gegeben.Kantonale Vorschriften gibt es seit Ende Juni dennoch: Im Wald und bis 50 Meter vom Wald entfernt ist es verboten, Feuer zu entfachen und brennendes oder glühendes Material wegzuwerfen. Anfang dieser Woche hat der Kanton erneut auf dieses Verbot hingewiesen.Der Mensch ist die grösste GefahrZwar sind die Baumkronen am Üetliberg grün, doch auf der Gefahrenkarte des Bundes ist das Gebiet wie der Rest des Kantons Zürich dunkelrot gefärbt. Seit Donnerstag herrscht hier sehr grosse Waldbrandgefahr, Stufe fünf von fünf.Hollenstein biegt vom Fussweg ab in den Wald, kniet auf den Boden, wischt das raschelnde Laub und die Äste zur Seite und gräbt in der obersten Schicht. Er versucht, ein Stück Erde zu kneten, doch es zerbröselt. «Furztroche» lautet sein Fazit. Verwunderlich ist das bei Temperaturen von bis zu 36 Grad und ausbleibendem Regen nicht.Doch wie wahrscheinlich ist es, dass es nicht nur in Südeuropa, sondern auch am Üetliberg brennt?Sollte es zu einem Waldbrand kommen, dann beginnt dieser laut Hollenstein hier am Boden. Wenig wahrscheinlich sei, dass ein Blitzeinschlag in einen Baum einen grösseren Brand auslöse. Denn sogenannte trockene Gewitter ohne Niederschlag, die dies begünstigten, kämen in Zürich sehr selten vor.Entsprechend bleibe der Mensch die grösste Gefahr. Hollenstein blickt auf den Boden und sagt: «Landet hier ein glühender Zigarettenstummel, gerät der Brand wohl innert weniger als einer Minute ausser Kontrolle.» Leicht entzündliche Brandlast gebe es derzeit viel. Die Voraussetzungen, dass sich ein Feuer ausbreiten könne, seien «absolut ideal».Gebrannt hat es in den Zürcher Wäldern immer wieder – und in den vergangenen Jahrzehnten immer häufiger. Die meisten Brände gab es im Hitzesommer 2003 sowie im Pandemiefrühling 2020, als es viele Menschen in die damals trockenen Wälder zog. Einer der grössten Brände ereignete sich 2008 in Bauma. Ausgelöst wurde er durch einen 88-Jährigen, der ein Wiesenbord abbrennen wollte.Mehr als ein paar hundert Quadratmeter Waldfläche kamen laut Hollenstein bisher aber nie zu Schaden. Meistens sei es bei Bodenbränden geblieben, die nicht auf die Baumkronen übergegriffen hätten. Und doch bereitet sich der Kanton immer stärker auf das Szenario eines grösseren Brandes vor.Mehr Laubbäume und weniger Totholz?Tief im Wald wuchern Brombeersträucher und Brennnesseln am Boden. Der Forstingenieur blickt auf die Buchen, die Ahornbäume, die Eschen und dann hinauf zu den Fichten. Diese wachsen hier am häufigsten, gleichzeitig brennen sie wegen des hohen Harzanteils schneller als andere Holzarten. Hollenstein sagt: «Bei einem grossen Brand am Boden könnten die Flammen hier über kleinere Bäume hinaufklettern und einen Kronenbrand auslösen.»Ein Fichtenwald bei der Buchenegg. Fachleute sind sich einig: Wälder müssen umgestaltet werden, damit Grossfeuer gar nicht erst ausbrechen können.Annick Ramp / NZZEin solcher wäre schwerer zu löschen als ein Feuer am Boden. Um zu verhindern, dass sich die Flammen durch die Baumkronen auf grosse Flächen verbreiten, gibt es in gefährdeten Gebieten im Ausland sogenannte Feuerschneisen. Jüngst wurden solche auch in Bordeaux errichtet. Dabei handelt es sich um Streifen im Wald, auf denen es möglichst wenig brennbares Material gibt und meist auch Bäume abgeholzt werden.Im Kanton Zürich seien solche zwar diskutiert worden, sagt Hollenstein. Doch der freigelegte Streifen müsste 50 bis 100 Meter breit sein. «Das wäre hier angesichts der kleinen Waldflächen kaum praktikabel», sagt Hollenstein.Auf eine andere vorbeugende forstwirtschaftliche Massnahme setzt der Kanton hingegen schon heute: auf Diversifizierung, auf Mischwälder statt Fichtenwälder. Zwar lässt sich die Waldbrandgefahr durch Laubbäume, die weniger schnell brennen, vermindern. Doch nicht allein deswegen muss die Fichte zunehmend weichen.Der Nadelbaum ist laut dem Forstingenieur in der Holzindustrie zwar immer noch gefragt: «Allerdings leidet die Fichte mit am stärksten unter der zunehmenden Hitze und Trockenheit», sagt Hollenstein. Mit mehr Vielfalt reduziere man das Ausfallrisiko.Brand-, Wald- und Naturschutz gehen bei Mischwäldern also miteinander einher. Anders ist das in Sachen Totholz. Am Üetliberg liegen neben Laub auch abgestorbene Bäume und Äste auf dem Waldboden. Während Fachleute aus waldbrandgefährdeten Ländern immer wieder raten, diese wegzuräumen, ist das in der Schweiz umstritten.Denn Totholz ist nicht nur potenzielles Brandmaterial, sondern auch ein wichtiger Lebensraum für Tiere, Pflanzen und Pilze. Weil der Kanton zum naturnahen Waldbau verpflichtet ist, steht für Hollenstein fest: «Trotz erhöhter Brandgefahr können wir das Material am Boden nicht einfach wegräumen.»Das Schuhwerk der Zürcher Feuerwehr versagt im WallisDie Möglichkeiten, Waldbränden vorzubeugen, sind also begrenzt. In der Schweiz war bis anhin zwar vor allem die Alpensüdseite von solchen betroffen. Allerdings steht laut dem Bundesamt für Umwelt ausser Frage, dass mit dem Klimawandel auch nördlich der Alpen immer bedrohlichere Feuer auftreten werden.Anfang 2020 richtete die Gebäudeversicherung im Kanton Zürich deshalb fünf Stützpunkte zur Waldbrandbekämpfung ein. Ernstfälle gab es hier seither keine. Wertvolle Erfahrung hätten die Feuerwehrleute im Wallis gesammelt, sagt Hollenstein. Dabei habe man etwa gemerkt: «Die Schuhe der Zürcher Feuerwehrleute sind für die Brände in Steilhängen nicht geeignet.»Im Gegensatz zu anderen Waldgebieten ist der Üetliberg gut erschlossen. Zahlreiche Jogger, Biker und Spaziergänger sind an diesem Nachmittag auf den breiten Kiesstrassen des Zürcher Hausbergs anzutreffen. Dass sich Feuerwehrleute hier lange durch steile Hänge und dichte Wälder kämpfen müssen, scheint unwahrscheinlich.Bei der Fallätsche, jenem Felstrichter auf der vorderen, dem Zürichsee zugewandten Seite der Albiskette, bleibt Hollenstein jedoch erneut stehen. Er blickt auf den See und dann hinab in die Tiefe des Kessels. «Wenn es in der Fallätsche zu einem Kronenfeuer kommt, können wir das nicht am Boden bekämpfen.» Die Fallätsche ähnle mit ihrer Topografie einem Kamin, sagt der Kantonsforstingenieur. Ein Feuer unten würde die Bäume weiter oben schnell erhitzen. Die Flammen könnten sich dadurch schnell ausbreiten.Wald und Stadt sind hier nahe beieinander. An diesen Tagen hängen keine Wolken über der Fallätsche beim Üetliberg.Annick Ramp / NZZEine Prognose für die andauernden Hitzetage will Hollenstein bei der Talfahrt keine abgeben. Er sagt: «Ob die Feuerwehr in den Zürcher Wäldern zum Einsatz kommt, hängt in erster Linie davon ab, ob sich die Bevölkerung an das Feuerverbot hält.» Der Kantonsforstingenieur blickt aus dem Fenster. So hitzeresistent scheint auch der Üetlibergwald nicht. An einigen Bäumen sind die Blätter bei näherem Hinsehen welk, an einigen nehmen die Baumkronen bereits einen herbstlichen Farbton an.Passend zum Artikel