PfadnavigationHomeGeschichteJet kollidiert mit Düsenjäger„Ein Zusammenprall war unvermeidbar. Da stieg ich aus“Von Johann AlthausStand: 07:15 UhrLesedauer: 5 MinutenTrümmer der All-Nippon-Boeing 727-200 in Japan – 162 Menschen starbenQuelle: The Asahi Shimbun via Getty ImagesDie Boeing 727 der All Nippon Airways war auf einem Routineflug nach Tokio. Doch am 30. Juli 1971 kreuzten zwei Ausbildungsjets der japanischen Luftwaffe ihre Bahn. Es war die bis dahin schwerste Katastrophe der zivilen Luftfahrt.Die Stimme im Funk überschlug sich vor Entsetzen: „Hier ist All Nippon – verlieren Kontrolle!“ Mehr als dieser Hilferuf kam nicht mehr aus der Boeing 727 der größten privaten Fluggesellschaft Japans (ANA) mit dem Kennzeichen JA8329. Stattdessen sahen die Fluglotsen der militärischen Luftraumüberwachung auf ihren Radarschirmen, wie zwei Punkte sich vereinigten und dann verschwanden – ausgelöscht wie von Geisterhand. Sie hielten die genaue Uhrzeit fest: 14.05 Uhr Japan Standard Time am 30. Juli 1971. Das war zugleich der Todeszeitpunkt aller 162 Menschen an Bord der Maschine – die gemessen an der Zahl der Todesopfer bis dahin opferreichste Flugzeugkatastrophe.Die Verkehrsmaschine, eine Langrumpfversion des US-Modells, befand sich an diesem Freitagmittag auf dem rund 800 Kilometer langen Flug von Sapporo auf der Insel Hokkaido nach Tokio; sie war um 13.33 Uhr Ortszeit gestartet. An Bord gegangen waren außer den beiden Piloten und dem Flugingenieur (im Gegensatz zu den anderen Besatzungsmitgliedern einem Amerikaner) vier Flugbegleiterinnen und offiziell 154 Passagiere. Tatsächlich war aber noch ein Mensch mehr in der 727-200: Eine Frau hatte ihr zehn Monate altes Baby bei sich, das kein Ticket brauchte.Zur gleichen Zeit übten zwei Jets der japanischen Luftwaffe im Norden der größten japanischen Insel Honshu Luftkampfmanöver. Sie waren um 13.28 Uhr auf dem Luftwaffenstützpunkt Matsushima zu einem Formationsflugtraining gestartet. Der 31-jährige Ausbilder Hauptmann Tamotsu Kuma und sein 22-jähriger Schüler Feldwebel Yoshimi Ichikawa flogen Maschinen des veralteten Typs F-86 „Sabre“; das Muster war seit 1962 schrittweise aus dem aktiven Dienst als Jagdflugzeug genommen worden, diente aber immer noch für Flugübungen. Der 727 war die Luftstraße J11L auf einer Höhe von 28.000 Fuß (8500 Meter) zugewiesen worden. Die Luftkampfübung sollte im dafür freigehaltenen Trainingsluftraum neun Kilometer von der Luftstraße J11L entfernt stattfinden. Jedoch verließ der Fluglehrer versehentlich den zugewiesenen Übungsluftraum. Er querte die Luftstraße J11L und machte eine 180-Grad-Wende; sein Flügelmann folgte ihm. Für die Rückkehr musste die Zweier-Formation den zivilen Flugkorridor erneut überqueren. Die Formation flog etwa auf derselben Höhe wie Flug 58.Lesen Sie auchDer Flugschüler folgte dem Ausbilder und achtete nicht auf den zivilen Luftverkehr. Daher bemerkte Ichikawa die ANA-Maschine nicht, deren Flugbahn er sich in einer Höhe von etwas mehr als 8000 Metern von Westen kommend annäherte. Erst als sein Ausbilder ihn anwies, sich von Flug 58 zu distanzieren, drehte der Schüler nach Steuerbord, um der 727 auszuweichen. Doch es war zu spät: Die Vorderkante des rechten Flügels seiner F-86 traf das linke Höhenleitwerk der ANA-Maschine. Der rechte Flügel des Kampfjets brach ab, wodurch die Maschine unkontrolliert abstürzte; Ichikawa konnte sich mit dem Schleudersitz retten. Die Boeing 727 erlitt Schäden am Höhenleitwerk und geriet in einen unkontrollierten Sinkflug, durchbrach die Schallmauer und zerbrach. Ichikawa beschrieb den Moment der Kollision so: „Plötzlich bemerkte ich unter mir die Verkehrsmaschine und wollte in einer Rechtskurve hochziehen.“ Doch dafür war es schon zu spät: „Ein Zusammenprall war unvermeidbar. Da stieg ich aus!“ Nahezu unverletzt landete er an seinem Fallschirm – und wurde umgehend wegen Verstoßes gegen die Luftraumbestimmungen verhaftet.Die Kollision der Flugzeuge in gut acht Kilometer Höhe war so laut, dass viele Einwohner der nahegelegenen Stadt Morioka entsetzt zum Himmel blickten. Ein Lehrer sagte später: „Es hörte sich an wie ein Donnerschlag.“ Sekunden nach dem Knall regneten Trümmer vom Himmel: Teile des Rumpfes fielen auf einen Berghang, andere Stücke stürzten ins Tal. Bewohner der Ortschaft Shizikuishi berichteten, sie hätten plötzlich einen Feuerball am Himmel gesehen. Die japanische Luftwaffe stellte sofort 24 Hubschrauber bereit, um Rettungskräfte in das schwer zugängliche Gebiet rund 400 Kilometer nördlich von Tokio zu fliegen. Insgesamt waren an der Suchmission 2000 Soldaten und 640 Polizisten beteiligt. Doch Überlebende fanden sie nicht. Bis zum Eintritt der Nacht wurden stattdessen 72 fast ausnahmslos verstümmelte Leichen geborgen. Wrackteile des Flugzeugs, Habseligkeiten der Passagiere sowie abgerissene Gliedmaßen lagen in weitem Umkreis verstreut. 125 der toten Passagiere gehörten zu einer Reisegruppe aus der Stadt Fuji südwestlich von Tokio, die ein Verein für Hinterbliebene japanischer Gefallener des Zweiten Weltkriegs organisiert hatte. Außer dem amerikanischen Bordingenieur waren keine Ausländer an Bord des Inlandsfluges. Lesen Sie auchDie japanische Luftwaffe stellte wegen der Katastrophe vorübergehend alle ihre Übungsflüge ein. Japans Verteidigungsminister und der Chef des Luftwaffenstabes traten umgehend zurück. Die beiden Militärpiloten wurden später vor Gericht gestellt. Der Flugschüler Yoshimi Ichikawa wurde vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen. Seinen Ausbilder Tamotsu Kuma jedoch befanden die Richter schuldig der fahrlässigen Tötung, denn formal trug er die Verantwortung für den Flug seines Schülers. Er bekam (in Japan anders als in Deutschland möglich) drei Jahre Haft auf Bewährung und verlor seine Stelle.Lesen Sie auchEs handelte sich um die bis dahin schwerste Flugzeugkatastrophe der Zivilluftfahrt. Mit 162 Toten kostete der Absturz von ANA Flug 58 acht Opfer mehr als der Absturz einer McDonnell-Douglas DC-9 der venezolanischen Luftfahrtgesellschaft am 16. März 1969 mit 154 Toten. Zuvor hatte die Katastrophe einer Boeing 707 der South African Airways bei Windhoek am 20. April 1968 den traurigen Rekord gehalten: 122 Tote.Seit der breiten Einführung der Düsenjets in der Zivilluftfahrt Mitte der 1960er-Jahre und mit dem steigenden Wohlstand aller westlich orientierten Staaten nahm zwar die absolute Zahl der Unfälle ab, weil die aktuellen Muster der wichtigen Hersteller Boeing und McDonnell-Douglas sehr viel sicherer waren als die vorher genutzten Typen. Jedoch stieg die Zahl der Opfer pro Unfall, denn die Maschinen waren deutlich größer als die vorherigen Propeller- und frühen Düsenmaschinen.Die nächsten Unfälle, die den Absturz von ANA Flug 58 hinsichtlich der Opferzahl übertrafen, folgten am 22. Januar 1973, als eine Boeing 707 bei der Landung in Kano (Nigeria) verunglückte (176 Tote). Beim Absturz einer McDonnell-Douglas DC-10 der Turkish Airlines bei Paris am 3. März 1974 starben 346 Menschen an Bord. Der nach der Opferzahl schlimmste Unfall der Zivilluftfahrt (die Terroranschläge des 11. September 2001 nicht gerechnet) folgte am 27. März 1977, als auf dem Flughafen von Teneriffa zwei Boeing 747 miteinander kollidierten: 583 Menschen starben; 61 überlebten oft schwer verletzt.
Jet kollidiert mit Düsenjäger: „Ein Zusammenprall war unvermeidbar. Da stieg ich aus“ - WELT
Die Boeing 727 der All Nippon Airways war auf einem Routineflug nach Tokio. Doch am 30. Juli 1971 kreuzten zwei Ausbildungsjets der japanischen Luftwaffe ihre Bahn. Es war die bis dahin schwerste Katastrophe der zivilen Luftfahrt.






