PfadnavigationHomeGeschichteOpferreichster Absturz aller Zeiten„Irgendetwas ist explodiert“, schrie der Flugkapitän in PanikVon Johann AlthausVeröffentlicht am 21.08.2025Lesedauer: 5 MinutenTrümmer am Berg Takamagahara, aufgenommen am 13. August 1985Quelle: picture alliance/dpa/Toshiki OhiraEine fehlerhafte Reparatur 1978 führt sieben Jahre später zum Absturz des Japan-Airlines-Flug 123. Bei keinem Unglück der zivilen Luftfahrt mit einer beteiligten Maschine kamen mehr Personen um.Die Panik war der Stimme des Flugkapitäns anzuhören: „Hey, irgendetwas ist explodiert“, schrie Masami Takahama genau um 18.24 Uhr am 12. August 1985 in sein Mikrofon. Sein Copilot Yutaka Sasaki antwortete ebenso geschockt: „Die hintere Tür!“ Beide wussten instinktiv, dass der Japan-Airlines-Boeing 747 mit der Kennung JA8119 etwas widerfahren war, was das Leben der gesamten Besatzung und der ihnen anvertrauten Passagiere kosten könnte. Doch die beiden erfahrenen Piloten (Takahama hatte insgesamt 12.424 Flugstunden absolviert, davon 4842 auf dem Jumbo-Jet, und Sasaki immerhin 3963 Flugstunden, zu zwei Dritteln auf der 747) versuchten zu retten, was zu retten war: Sie schalteten ihren Transponder sofort auf „Notfall“ um, kontaktierten die Flugkontrolle, um einen Slot für die Notlandung anzumelden und drehten nach Steuerbord, um auf Gegenkurs zu gehen.Doch sofort folgte der nächste Schrecken: Die 747 in der Kurzstreckenversion SR legte sich wesentlich stärker in die Kurve als von den Piloten gewollt – und ließ sich nicht wieder wie gewohnt aufrichten. Spätestens jetzt erkannten die beiden, dass ihr Flugzeug unkontrollierbar geworden war. Verzweifelt versuchten sie, die 747 mit Klappen und Schub zu stabilisieren. Zeitweise hatten die beiden sogar Erfolg: Von 18.34 bis 18.48 Uhr konnten sie die Maschine in einen halbwegs gesteuerten Sinkflug bringen.Doch dann begingen sie offenbar einen Fehler: Als sich der Jumbo aufragenden Bergen näherte, wurde der Schub der vier Turbinen erst aufs Maximum erhöht, dann reduziert und im nächsten Moment wieder stark hochgefahren. Das zerstörte die halbwegs stabile Fluglage. Um 18.53 Uhr erreichte die 747 zwar wieder eine Höhe von etwa 4000 Metern, neigte sich dann aber nach steuerbord und sank stark. Knapp drei Minuten später streifte die rechte Tragfläche auf einer Höhe von 1610 Metern die Bäume auf einem Hangrücken des Berges Takamagahara, etwa 150 Kilometer westnordwestlich von Tokio.Wahrscheinlich wurden dabei das äußere Drittel der Steuerbordtragfläche und beide Triebwerke abgerissen; sie schlugen 500 bis 700 Meter vor dem übrigen Wrack auf. Danach überschlug sich der Jumbo, prallte auf einen weiteren Höhenrücken und explodierte. Der Aufprall wurde von einem Seismometer der Universität Tokio um 18:56:32 Uhr registriert.Umgehend begann eine Rettungsaktion – zuerst durch Kräfte der US Air Force, die schon 20 Minuten nach dem Aufschlag eine C-130 „Hercules“ über dem Unfallort hatte und den genauen Standort durchgab. Später, nach Einbruch der Dunkelheit, flog ein japanischer Militärhubschrauber die Aufschlagstelle an, doch schlechte Sicht und das schwierige bergige Gelände verhinderten eine Landung. Der Pilot meldete, er sehe keine Hinweise auf Überlebende. Deshalb bauten die Rettungskräfte der Armee zunächst einen Stützpunkt auf, bevor sie am folgenden Morgen zum Takamagahara weiterfuhren. Ein Fehler. Lesen Sie auchDenn am 13. August 1985 fanden die Retter nicht nur immerhin vier Überlebende des Absturzes. Sondern auch eine Reihe von Leichen, die offensichtlich den Aufschlag selbst überstanden hatten, aber dann am Schock, der nächtlichen Kälte in den Bergen oder an Verletzungen gestorben waren, die bei früherer Behandlung nicht tödlich hätten sein müssen. Ein japanischer Arzt sagte: „Wenn die Entdeckung zehn Stunden früher erfolgt wäre, hätten wir mehr Überlebende finden können.“Unter den vier Überlebenden war die zwölfjährige Keiko Kawakami; sie hatte neun gebrochene Rippen und Platzwunden am ganzen Körper – aber: Sie lebte. Ihre Tante gab nach einem Besuch im Krankenhaus wieder, was das Mädchen erzählt hatte: „Ich saß mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester in der letzten Reihe des Flugzeugs. Kurz nach dem Start gab es einen lauten Knall. Überall war weißer Dampf, das Flugzeug schlingerte wie wild. Viele Menschen schrien um Hilfe, auch mein Vater; er schrie so laut, wie ich ihn noch nie gehört habe.“ Dann schrie auch ihre kleine Schwester: „Hilf mir, ich will hier raus.“ Plötzlich gab es „einen großen Knall, dann war alles schwarz und still“. 15 Stunden später wurde Keikos leicht zuckende Hand von einem Retter zwischen den Trümmern gesehen. Ihre Eltern und ihre kleine Schwester starben.Ebenfalls unter den Überlebenden war eine Flugbegleiterin der Japan Airlines, die aber nicht im Dienst gewesen war, die 26-jährige Yumi Ochiai: „Dass ich noch lebe, ist für mich ein Wunder – wie eine Wiedergeburt!“ Sie schilderte die Katastrophe ähnlich wie Keiko: „Plötzlich knallte es. Weiße Wolken zischten durch die Kabine. Druckabfall. Die Sauerstoffmasken über den Sitzen fielen herab, die automatische Ansage vom Tonband ging in dem Geschrei unter.“ Sie sagte sich: „Du musst den Leuten helfen, du hast es so oft trainiert.“ Yumi löste ich ihren Gurt, rannte durch die Reihen, drückte Passagieren die Masken aufs Gesicht. „Das Flugzeug flog zickzack, dreimal bin ich hingefallen. Plötzlich war es totenstill in der Kabine. Sekunden? Minuten? Stunden? Ich weiß es nicht mehr.“Die Untersuchungen der Trümmer sowie der beiden Flugschreiber ergab später eindeutig die Ursache für diesen gemessen an der Opferzahl von 520 Toten schlimmsten Absturz der Zivilluftfahrt, an dem nur ein Flugzeug beteiligt war (der mit 583 Getöteten absolut schlimmste Unfall war die Kollision zweier Boeing 747 auf dem Flughafen von Teneriffa 1977). Am 2. Juni 1978 hatte das Heck der Maschine JA8119 bei einer Landung mit Überlast die Bahn berührt. Das hintere Schott des Druckkörpers bekam dabei Risse. Zwar reparierte ein Spezial-Team von Boeing den Schaden, doch die Flugzeugtechniker machten einen verhängnisvollen Fehler: Sie setzten eine Nietenreihe zur Befestigung einer Verstärkung zu weit links. Diese Verbindung hatte nun nur noch etwa 70 Prozent der veranschlagten Stabilität. Trotzdem hielt die Reparatur 12.318 Flugstunden lang – da die JA8119 zu der nur 29-mal gebauten und ausschließlich nach Japan verkauften Kurzstreckenversion der 747 zählte, mit geringer Treibstoffkapazität, aber besonders vielen Passagierplätzen, hatte sie besonders viele der mechanisch belastenden Starts und Landungen bei vergleichsweise wenig Flugstunden (insgesamt 25.030 und 14.200 seit der Bodenberührung des Hecks 1978) absolviert.Am 12. August 1985 um 18.24 Uhr versagte die Reparatur: Das Druckschott riss, Trümmer durchschlugen alle Hydraulikleitungen zum Heckleitwerk und beschädigten das hoch aufragende Seitenleitwerk, das wahrscheinlich bei der Steuerbordkurve dann abriss. Um. 18.50 Uhr, sechs Minuten vor dem Aufschlag, fotografierte ein Augenzeuge zufällig die 747 ohne das Seitenleitwerk. Da war schon nichts mehr zu retten.
„Irgendetwas ist explodiert“, schrie der Flugkapitän in Panik - WELT
Eine fehlerhafte Reparatur 1978 führt sieben Jahre später zum Absturz des Japan-Airlines-Flug 123. Bei keinem Unglück der zivilen Luftfahrt mit einer beteiligten Maschine kamen mehr Personen um.






