Die Strokes haben vor 25 Jahren eine Retrowelle ausgelöst, aus der die Pop-Musik nicht mehr herausgefunden hatSeit dem überschwänglichen Retro-Rock von «Is This It», dem Debütalbum von The Strokes, lebt die Pop-Szene von der Wiederverwertung der Vergangenheit. Auch die New Yorker Band kann sich nicht neu erfinden, wie das Album «Reality Awaits» zeigt.30.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenGrund zum Feiern dank ihrem internationalen Erfolg: The Strokes 2001 backstage im «Fillmore» in San Francisco: Fabrizio Moretti, Albert Hammond, Nick Valensi, Julian Casablancas und Nikolai Fraiture (v. l. n. r.).Anthony Pidgeon / Getty29. Juli 2001. In Europa erscheint «Is This It», das Debütalbum von The Strokes. Der energiegeladene Spät-Punk der New Yorker Band begeistert die Musikwelt. Bald schon gehen die Wogen hoch. Die angelsächsische Pop-Kritik, damals noch eine Macht, feiert «Is This It» als Meilenstein. Für den «Rolling Stone» handelt es sich um das «wichtigste und beste Rock-Album seit Nirvanas ‹Nevermind›». Und der Londoner «New Musical Express» erklärt die Strokes zur «besten New Yorker Band seit 25 Jahren».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit «Is This It» beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte des Rock’n’Rolls. Ein Tor ist geöffnet worden, nicht in die Zukunft, sondern zurück in die Vergangenheit. The Strokes haben keinen neuen Stil erfunden. Sie haben den Sound von Vorbildern wie Velvet Underground, Television oder Richard Hell kopiert, aufgefrischt und neu belebt. Kein Wunder, werden sie als Retter des Rock’n’Rolls gefeiert.Pop auf KrückenJust 25 Jahre später haben The Strokes gerade «Reality Awaits» herausgebracht, ihr mittlerweile siebtes Studioalbum. Wie doch die Zeit vergeht! Aber vergeht sie überhaupt? Oder setzt sie sich als Kalk auf alles, was einmal jugendlich und lebendig wirkte? «Psycho Shit», der Opener des neuen Strokes-Albums, klingt jedenfalls, als ginge die Musik auf Krücken.Traurig wie ein kühler Regen tropfen Gitarrenarpeggios durch den Hallraum, von ein paar wolkigen Akkorden begleitet. Über diesem Jammertal ertönt der kehlige Gesang des 47-jährigen Sängers und Songwriters Julian Casablancas: ein Klagen, das mit Autotune in ein schlieriges Falsett gepresst wird, bis man merkt, dass da auch die Ironie zwinkert. Sie lässt sich in paradoxen Zeilen vernehmen, die bestens in die Depro-Inszenierung passen: «We learn to die to learn to live» – sterbend lernen wir zu leben.Mit «Psycho Shit» setzt die Band den grauen Ton im neuen Album. Es wartet zwar mit stimmigen Klangbildern auf, in denen Schmerz und Witz gleichmässig verteilt sind. Den Songs aber fehlt es an Sog, an Zug, an Engagement und Dringlichkeit. Allein die schaukelnde Rhythmik lässt zuweilen erkennen, dass die Band, vom Star-Produzenten Rick Rubin unterstützt, in stillen Gewässern angekommen ist. Und wenn sie dann – wie etwa im zweiten Stück «Dine N’Dash» – doch wieder auf ihre bewährten, trockenen Rock-Grooves mit fliehenden Beats setzt, klingt das eher routiniert als locker.Ähnlich wirkt auch das für Casablancas’ Gesang typische Laid-back nicht mehr cool, sondern fahrig. Oder gar müde? Von Ermattung ist in den Lyrics oft die Rede: «I’m an old man now», singt der Bandleader in «Going Shopping». In «Liar’s Remorse» gibt er zu, nur noch alte Wunden zu lecken und dabei die Zeit zu vergeuden: «I waste my days away instead of giving it a voice.» Und im abschliessenden «Tyrants of the Mellow Moon» ist von einem letzten Ritt die Rede – als markierte «Reality Awaits» das Ende der Strokes: «So we go for one more ride», trällert der Sänger und erklärt: «That’s all I got, let this song play out.»Sollte «Reality Awaits» ein Abschied sein, wäre es jedenfalls kein grosses Finale. Das Album «The New Abnormal», vor sechs Jahren erschienen, wirkte im Vergleich origineller, mithilfe elektronischer Effekte tastete man sich immerhin in klangliches Neuland. Letztlich aber standen die Strokes schon lange wie Zwerge im Schatten ihres eigenen Debüts. Kein weiteres Album hatte die Qualität und erst recht nicht die Bedeutung von «Is This It» erreicht.Frisch und ungeschliffenJulian Casablancas und seine Freunde – die Gitarristen Nick Valensi und Albert Hammond, Nikolai Fraiture am Bass und der Schlagzeuger Fabrizio Moretti – stammen aus gutbürgerlichen Verhältnissen und kennen sich teilweise seit ihrer Kindheit. Als Jugendliche verbrachten sie Jahre im Schweizer Internat Le Rosey im Kanton Waadt.Wichtiger für ihre Zukunft war die geteilte Leidenschaft für die Musik der Ramones oder der Stooges. In der Band herrschte von Beginn weg eine freundschaftliche Vertrautheit, und durch Klubkonzerte holten die Strokes Anlauf für erste Aufnahmen, die dann im Debütalbum gipfelten. Mit wenig finanziellen Mitteln in wenigen Tagen in einem kleinen Studio produziert, wirkt «Is This It» bis heute frisch und ungeschliffen.Über den mal kantigen, mal verzerrten Gitarrenarrangements überzeugt Casablancas nicht als virtuoser, aber als aufgedrehter, impulsiver Rock-Star. Zumal er sich das Singen leichtgemacht hat mit packenden Melodien. Die Single «Hard To Explain» schaffte es damals gleich auf Platz eins der britischen Mobiltelefon-Klingelton-Hitparade – was heute etwa einem Durchbruch auf Tiktok entspricht. Songs wie «The Modern Age», «Someday» und «Last Nite» haben sich als Klassiker bewährt.Ein Davor und ein DanachZum Meilenstein wurde «Is This It» vor allem dadurch, dass das Album eine Marke setzte in der Pop-Geschichte. Es gab nun eine Zeit davor und eine danach – ein bisschen so wie 25 Jahre früher, als Punk 1976 eine Stunde null im Rock’n’Roll anzeigte. Und wenn Bands wie die Sex Pistols ihren elementaren Sound in Stellung gebracht hatten gegen den symphonischen Bombast von Yes oder Pink Floyd, so setzten die Strokes nun einen Kontrast gegen protzigen Nu Metal und einförmigen Britpop.Die Rock-Tradition steckte Ende der neunziger Jahre in einer Krise – jedenfalls in Europa. Gitarrenbands standen im Schatten von Hip-Hop, Techno, House, wo man herkömmliche Instrumente durch Synthesizer, Sampler und Sequenzer ersetzte. Diese Gerätschaften ermöglichten eine schier unbegrenzte Kombinatorik, aus der nun Jahr für Jahr neue Genres und Subgenres hervorgingen – Drum’n’Bass, Asian Underground, French House, Big Beat, Trip-Hop.Anfang der nuller Jahre wurden The Strokes zu Jugendidolen – im März 2002 auch in Stockholm.Stefan Jerrev / ImagoMusikfans traf man nun seltener an Konzerten, dafür umso häufiger an Partys. Auch hier traten Stars auf, wurden aber vermehrt von synthetischen Sounds begleitet, die anonym aus den Boxen drangen. Gitarristen und Drummer wurden arbeitslos, Rockklubs verwandelten sich in Discos. Unter Fans, DJ und Produzenten aktueller Pop-Strömungen galten Rockfans als reaktionäre Nerds.Und dann das: «Is This It» – das Signal einer Rock-Renaissance und das Fanal einer Zukunft, in der die Wiederholung dominieren würde. Wie ein Findling aus alten Punk-Zeiten stiess der Strokes-Erstling eine Welle unterschiedlicher Retrobewegungen an. Zunächst in der Rockszene, wo Formationen wie White Stripes, Franz Ferdinand, The Libertines oder Arctic Monkeys den Retroimpuls aufnahmen. Bald aber übertrug sich die retrospektive Tendenz auf alle möglichen Genres. Im Jazz sorgte Norah Jones für Retroballaden, im Retro-Folk profilierten sich Devendra Banhart und Joanna Newsom, im Retro-Soul waren es die Britinnen Amy Winehouse, Adele und Duffy.Die sogenannte RetromanieJahrzehntelang lebte die Pop-Musik von stets neuen Klängen und Spielarten, die in ihrer Abfolge eine Art Fortschritt simulierten. Und jeder neue Stil trug auch das Versprechen auf eine bessere Gesellschaft und eine schickere Welt in sich. Traditionalismus hingegen galt unter fortschrittlichen Kritikern als reaktionäre Sünde. Und so erstaunt es nicht, dass die Irritation über die Retrobewegungen zu Kontroversen führte.Federführend wurde der britische Musikkritiker Simon Reynolds. In seinem Buch «Retromania. Pop Culture’s Addiction to Its Own Past» (2011) warnte er vor einer Kultur, der der Zukunftsglaube abhandengekommen sei. Dem Publikum warf er vor, es sich im Alten bequem zu machen, so erstarre die Musik.Reynolds’ Befund ist weitgehend aktuell geblieben. Die Pop-Musik erlebt zwar Moden und Trends; es mag immer wieder originelle Pop-Stars geben und neue Impulse aus ehemals peripheren Gebieten in Asien und Afrika. Tatsächlich aber hat sich Pop in den letzten Jahrzehnten so langsam entwickelt wie nie zuvor. In der Rockszene werden vor allem Altstars gefeiert; im Hip-Hop dominieren seit Jahren die stets ähnlichen Trap-Beats; und der Superstar Taylor Swift hält sein junges Publikum mit Country und temperiertem Pop-Rock bei Laune.Simon Reynolds hat den Retroboom vor allem auf das Publikum zurückgeführt. Schon möglich, dass die Zunahme der älteren Generationen von Pop- und Rockfans, die in der Regel dem Sound ihrer Jugend nachhängen, zu einer gewissen Konsolidierung der Traditionen beigetragen hat. Retrotendenzen wurden aber auch durch die Umbrüche in der Produktion und im Vertrieb von Pop-Musik verstärkt.Um die Jahrhundertwende führten der illegale Download und die daraus folgende Krise im Musikbusiness dazu, dass viele Künstler ihren Unterhalt wieder durch Konzerte erwirtschaften mussten. Das belebte das Live-Geschäft und mithin konzertante Genres wie eben Rock, Soul, Folk. Im Zeitalter von Spotify ist die Situation noch immer ähnlich. Die meisten Künstler verdienen über das Streaming so wenig, dass sie von den Einkünften aus Auftritten abhängig sind.Julian Casablancas 2010 in Schottland.Ross Gilmore / GettyTraditionalismus und Retrogemütlichkeit werden auf Streamingplattformen auch durch die Algorithmen gefördert. Sie weisen einzelne Musikkonsumenten auf Musik hin, die einer früheren Auswahl entspricht, oder bilden Playlists mit Stücken, die zusammen harmonieren. Dabei sind sie stets auf Ähnlichkeit ausgerichtet. Die künstlerisch innovative Musik aber manifestiert sich gerade durch Unähnlichkeit. Sie widerspricht der algorithmischen Logik.Die KI ist nicht originellSchliesslich ist auch die moderne Musiktechnologie hungrig auf historische Nahrung. Schon die Hip-Hop-DJ haben sich bei alten Schallplatten bedient, um am Equalizer aus Loops neue Songs zu kreieren. Der Sampler funktioniert auf ähnliche Weise: Er hält einzelne musikalische Fragmente fest aus vorliegenden Beständen, die dann für neue Produktionen verwertet werden können. Und heute speichert die KI die ganze Pop-Geschichte, um daraus potenziell zwar eine Unendlichkeit neuer Mischungen zu schaffen. Aber es fehlt der Nonkonformismus der künstlerischen Genialität.Das gilt in der Regel allerdings auch für menschliche Musiker. Auch für die Strokes. War’s das nun mit Fortschritt und Innovation? Die Band, die der Musikszene einst einen Vitalitätsschub verpasst hat, ist im Fahrwasser ihres Retrosounds allmählich in die Gegenwart getragen worden, wo Stillstand herrscht in der ozeanischen Synchronität diverser Stile. Die Musik geht nicht mehr mit der Zeit. Der Thrill des Utopischen wird nun wettgemacht durch den Rausch der Nostalgie.Passend zum Artikel
The Strokes und der Retroboom: 25 Jahre «Is This It»
Seit dem überschwänglichen Retro-Rock von «Is This It», dem Debütalbum von The Strokes, lebt die Pop-Szene von der Wiederverwertung der Vergangenheit. Auch die New Yorker Band kann sich nicht neu erfinden, wie das Album «Reality Awaits» zeigt.













