InterviewPsychologische Tricks gegen die Hitze: «Es geht darum, den Bereich der thermischen Behaglichkeit zu erweitern»Der Wahrnehmungspsychologe Charles Spence erklärt, wie wir die Klimaanlage in unserem Kopf mithilfe der anderen Sinne überlisten können.30.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSchauen sie das Bild ruhig ein paar Augenblicke an, vielleicht wird Ihnen gleich etwas kühler.iStockphoto / GettyDer Kognitionspsychologe Charles Spence erforscht an der Universität Oxford seit dreissig Jahren die crossmodale Wahrnehmung, also wie sich unsere Sinne gegenseitig beeinflussen. Spence ist Autor des Buches «Gastrophysics» und erhielt 2008 den nicht ganz ernst gemeinten IG-Nobelpreis in der Kategorie Ernährung: In der prämierten Studie hatten er und ein italienischer Kollege gezeigt, dass sich die wahrgenommene Knusprigkeit von Kartoffelchips durch die Veränderung der über Kopfhörer live vorgespielten Kaugeräusche manipulieren lässt. Verstärkten die Forscher die hohen Frequenzanteile des Geräuschs, so nahmen die Probanden die Chips als 15 Prozent knuspriger wahr. Solche multisensorischen Effekte erforscht Spence auch für unsere Temperaturwahrnehmung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Charles SpencePDProfessor Spence, Sie sind gerade in den Ferien in einem Château in Südfrankreich. Das klingt herrlich. Aber auch heiss. Wie warm ist es bei Ihnen?Oh, es sind so um die 40 Grad Celsius.Wie kommen Sie damit zurecht? Können Sie Ihre Forschungserkenntnisse zur crossmodalen Wahrnehmung anwenden, um sich zumindest subjektiv etwas abzukühlen?In einem fremden Haus ist das nicht so einfach. Aber ich kann mich hier ganz physikalisch im Pool abkühlen.Wie spielt die Sinnespsychologie in unser Wärmeempfinden hinein? Hilft vielleicht schon allein der Anblick des Pools, um sich kühler zu fühlen? Erzählen Sie uns von den multisensorischen Effekten, die Sie erforschen.Japaner glauben, dass der Anblick eines kühlen Pools Hitzestress lindert. Sie sprechen von Ryōkan – dem «Gefühl der Kühle», das sich durch bestimmte Reize in anderen Sinnesmodalitäten auslösen lässt. In dem berühmten Essay «Lob des Schattens» beschrieb Tanizaki Jun’ichirō vor fast hundert Jahren, wie schon der Anblick von Bildern schneebedeckter Berge helfe, die Sommerhitze zu mildern. Auch akustische Reize wie das Geräusch plätschernden Wassers werden in Japan traditionell genutzt, um kühle Gedanken zu fördern. In der heutigen Zeit konzentriert sich die Forschung verstärkt auf die Farbe von Licht oder Oberflächen.Diese Idee ist auch bei uns nicht neu. Darum spricht man ja von warmen und kalten Farben. Kann die kognitive Psychologie solche gefühlten Effekte tatsächlich nachweisen?Absolut! Eine interessante Studie von Julia Winzen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt nutzte eine simulierte Flugzeugkabine, in der die Lichtfarbe geändert wurde. Sie zeigte signifikante Änderungen im thermischen Empfinden.Wie misst man das?Meistens untersuchen wir die psychologischen Effekte durch systematische Befragungen. Und wir messen physiologische Reaktionen infolge dieser psychologischen Effekte durch entsprechende Messungen. Die Hauttemperatur kann man beispielsweise gut über Infrarotsensoren messen. Japanische Forscher nutzten bei ihren Probanden sogar rektale Sonden, um präzise Werte für die Kerntemperatur zu erhalten – das käme bei unseren Versuchsteilnehmern wohl nicht so gut an. Solche Messungen zeigen: Der grösste Teil des Effekts ist psychologisch, aber auch die reale Temperatur von Haut und Körper wird signifikant beeinflusst.Könnte es nicht gefährlich werden, wenn unsere gefühlte Wahrnehmung dem Körper signalisiert: Es ist hier gar nicht so warm? Wenn man deshalb beispielsweise weniger schwitzt, obwohl man in Wirklichkeit bei 38 Grad schmort, könnte Überhitzung drohen.Dafür sind die Auswirkungen der gefühlten Kühlung zu klein. Wir sprechen von Veränderungen der gefühlten Temperatur um ein oder wenige Grad. Das reicht nicht aus, um aus extremer Hitze ein kühles Lüftchen zu machen.Was wäre dann eine praktische Anwendung der psychologischen Kühlung?Es geht eher darum, den Bereich der sogenannten thermischen Behaglichkeit zu erweitern. Der liegt im Sommer in Innenräumen zwischen 23 und 26 Grad Celsius. Wenn es beispielsweise gelänge, die gefühlte Temperatur in einem Bürogebäude so zu senken, dass sich 27 Grad anfühlen wie 25 Grad, dann könnte man den Sollwert für Klimaanlagen entsprechend verschieben und viel Energie sparen. Dafür sprechen Studien, es fehlt aber noch eine wissenschaftlich begleitete Erprobung im grossen Stil.Funktioniert die psychologische Kühlung bei allen Menschen gleich?Nein. Es gibt da vor allem einen interessanten Geschlechterunterschied: Für Frauen ist der Bereich der thermischen Behaglichkeit im Vergleich zu Männern um fast drei Grad nach oben verschoben – sie frieren im Schnitt tatsächlich deutlich leichter und kommen nicht so schnell ins Schwitzen.Und wie sieht es beim Vergleich unterschiedlicher Kulturen aus?Die Assoziation von Rot und Blau mit heiss beziehungsweise kalt bei Wasserhähnen ist weltweit fast überall gleich. Die Ursprünge könnten in natürlichen Phänomenen wie Feuer liegen. Für andere crossmodale Effekte kennen wir aber deutliche kulturelle Unterschiede. So würden Sie oder ich süssen Geschmack mit runden Formen verbinden und bittere Reize mit eckigen Formen. Beim Hirtenvolk der Himba in Namibia ist es genau andersherum.Erlauben diese Effekte auch tiefere Einsichten darüber, wie der Mensch seine Umwelt wahrnimmt?Die Forschung war sehr lange nur auf das Sehen als vermeintlich dominanten Sinn des Menschen fokussiert. Heute betrachten wir das Gehirn mehr und mehr als multisensorisches Organ. Unser Erlebnis der Umwelt ist eine Kombination aller Sinne. Normalerweise versucht das Gehirn dabei, Kongruenz herzustellen. Und diese Tendenz kann man eben nutzen: Wenn ich ein kühles Aroma wie Minze mit pastellblauem Licht kombiniere, kann ich die Wahrnehmung der Temperatur ein wenig austricksen.Was ist mit anderen Sinnen wie dem Gehör?Der Klang von fliessendem Wasser, etwa beim Eingiessen eines Getränks, beeinflusst unsere Wahrnehmung, ob ein Getränk heiss oder kalt ist. Das wurzelt in der Physik: Kaltes Wasser ist wesentlich dickflüssiger als heisses und erzeugt dadurch andere Geräusche – das können wir aus Erfahrung ganz unbewusst richtig interpretieren. Wenn wir diese Geräusche manipulieren, können wir ein Getränk kälter oder heisser klingen lassen.In einer Hitzewelle kann man nicht eben einmal das Zimmer in einer kühleren Farbe streichen. Welche einfachen Tricks empfehlen Sie, wenn es allzu heiss wird, zum Beispiel am Arbeitsplatz?Sie könnten im Hintergrund Wassergeräusche laufen lassen, ganz im Sinne eines arabischen Gartens. Solche natürlichen Soundlandschaften findet man ganz einfach online. Oder Sie wählen als Bildschirmschoner eine verschneite Landschaft. Aber gegen wirklich heftige Hitze rate ich auch zu physikalischen Mitteln, vor allem, um in der Nacht besser zu schlafen. Ein Ventilator hilft mir sehr. Oder Sie nehmen eine tiefgefrorene Wärmeflasche mit ins Bett.Passend zum Artikel
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