Warum manche schon bei 25 Grad schmelzen – und andere erst bei 30 auf ein Unterhemd verzichtenWie gut wir hohe Temperaturen ertragen, ist von vielen Faktoren abhängig. Die Forschung zeigt, wie Gene, fitte Blutgefässe und «zelluläre Sanitäter» unser Hitzeempfinden steuern. Und wie der Körper schwitzen lernt.26.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenSchutz vor himmlischen Gefahren: wer im heissen Juni 2026 draussen ausharren will oder muss wie hier die Pilger auf dem Petersplatz, sollte das unterm Schirm tun.Alessandra Tarantino / APEine Freundin liegt bei 25 Grad kraftlos auf dem Sofa, völlig ermattet, ihr wird alles zu viel. Selbst eine Antwort auf die Whatsapp-Frage nach ihrem Befinden ist tagsüber nicht zu bekommen. Ein Verwandter hingegen überlegt frühestens bei 30 Grad, ob er wirklich schon auf das Unterhemd verzichten sollte. Tagsüber einkaufen – klar, alles easy, sagt er. Was schön warm und was unerträglich heiss ist, das sorgt gerade bei steigenden Temperaturen für Gesprächsstoff.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und immer geht es darum, wovon es denn nun abhängt, ob wir uns schon bei 20 oder erst bei 30 Grad pudelwohl fühlen. Und ob man das beeinflussen kann.Wir können Schweissdrüsen trainieren«Gewisse körperliche Voraussetzungen lassen uns Hitze besser ertragen», sagt Andreas Flouris von der Universität Thessaloniki. Er erforscht seit Jahren die Auswirkungen von Hitze auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit.Entscheidend sei, wie gut wir die Wärme, die im Körper entstehe, nach aussen abgeben könnten. Je höher die Umgebungstemperatur werde, desto aufwendiger werde es für den Körper, die Optimaltemperatur von knapp 37 Grad aufrechtzuerhalten.Der wichtigste Kühlmechanismus ist eine schnelle Erweiterung der Blutgefässe, vor allem derjenigen in der Haut. Können sich diese bei steigenden Temperaturen einfach vergrössern, kann mehr Blut durchfliessen und somit mehr Wärme abgegeben werden.«Hier spielt zwar die genetische Ausstattung eine Rolle, aber ganz wichtig sind auch körperliche Fitness und gewisse Krankheiten», betont der Hitzeforscher. Wenn also jemand regelmässig Sport treibt, ist sein Herz-Kreislauf-System fitter, und dann klappt auch die Erweiterung der Blutgefässe besser. Leidet jedoch eine Person zum Beispiel wegen Übergewicht, einem Diabetes oder einer langen Raucherkarriere unter Ablagerungen in Blutgefässen, können sich die Gefässe bei Bedarf nicht adäquat dehnen.Regelmässiger Sport erleichtert dem Kreislauf die Anpassung an Hitzetage. Sport in der Mittagshitze kann trotzdem gefährlich werden.NEIL HALL / EPAÄhnlich ist die Situation beim Schwitzen, dem zweiten bedeutsamen Kühlmechanismus. Das auf der Haut verdunstende Wasser kühlt. Gewisse Genvarianten führen dazu, dass manche mehr schwitzen als andere. Zudem haben manche Menschen genetisch bedingt etwas mehr Schweissdrüsen.Aber auch hier sind wir unseren Genen nicht ausgeliefert. Unser Körper kann schwitzen lernen. Regelmässiger Sport trainiert auch dieses System. Der Organismus lernt dadurch, schneller zu schwitzen und somit früher zu kühlen. Zudem wird der Schweiss wässriger. Er enthält weniger Salze. Dadurch bleibt der Elektrolythaushalt und in der Folge auch der Kreislauf stabiler. Auch bei einer längeren Hitzeperiode verbessert der Körper das Schwitzen – dankenswerterweise von ganz allein, ohne aktives Training.Hitzeschock-Proteine schützen unsere ZellenDa eine Überhitzung schnell lebensgefährlich wird, gibt es in unserem Körper eine ganze Reihe molekularer Prozesse, die das Hitzeempfinden beeinflussen. So warnen manche TRP-Proteine auf Nervenzellen vor höheren Temperaturen. Diese Proteine melden dem Gehirn Schmerz bei höheren Temperaturen: «Feuer, zieh die Hand zurück» oder «heisser Kopf, geh in den Schatten».Die Art der TRP-Proteine, die jemand besitzt, ist von den eigenen Genen festgelegt. Manche Genvarianten lösen in Tierstudien bereits bei niedrigeren Temperaturen einen leichten Schmerzreiz aus. Es gibt Hinweise, dass Menschen, die solche Genvarianten besitzen, schon Temperaturen ab 30 Grad als unangenehm empfinden.Die Mitglieder der TRP-Familie haben noch eine zweite Aufgabe. Sie aktivieren in Zellen auch die Produktion von Hitzeschock-Proteinen. Diese werden in grösseren Mengen benötigt, sobald die Temperatur in den Zellen über 37 Grad ansteigt. Oder auch, wenn sie zu stark sinkt.Denn ausserhalb der Optimaltemperatur falten sich Proteine falsch zusammen. Sie sehen dann wie missglückte Origami-Tiere aus, wie ein Drache mit einem abgeknickten Flügel oder ein Hase mit eingerissenen Ohren. Falsch gefaltete Proteine funktionieren schlecht bis gar nicht mehr.Die Hitzeschock-Proteine sind unsere zellulären Sanitäter. Entdecken sie zum Beispiel ein missglücktes Protein, dann falten sie es wieder in seinen Originalzustand.Manche Hitzeschock-Proteine sind effizienter als andere. Auch dafür sind Varianten in Genen verantwortlich. Zellen mit aktiveren zellulären Sanitätern sind besser vor Hitzeschäden geschützt. «Es ist plausibel anzunehmen, dass Menschen, die solche Genvarianten besitzen, besser mit Hitze umgehen können und sie als weniger belastend empfinden», sagt Annette Peters, Epidemiologin am Helmholtz-Zentrum München.Und noch eine dritte Proteinfamilie steht derzeit im Fokus der Hitzeforscher, sogenannte Aquaporine. Sie bilden in der Zellhülle eine Miniröhre, durch die Wassermoleküle sowohl in eine Zelle hinein- als auch aus ihr herausfliessen.Besonders durchlässige Röhrchen in den Nieren tragen dazu bei, dass die Nierenzellen viel Wasser verlieren. Das ist bei Hitze jedoch kontraproduktiv, denn wir benötigen Wasser für den wichtigen Schweiss. Menschen mit durchlässigeren Aquaporinen sind somit schlechter für höhere Temperaturen gerüstet.Schweiss ist lebensnotwendige Kühlung. nach einigen schweisstreibenden Wochen verändert sich seine Zusammensetzung: er wird salzärmer.Gaëtan Bally / KeystoneWas zeichnet den idealen Hitze-Typ aus?«Wir kennen zwar viele Unterschiede, aber wir können derzeit keinen Hitzetyp definieren», betont Flouris. «Es ist nämlich nicht so, dass alle hitzetoleranten Menschen jeweils zugleich mehr schwitzen, weniger Wasser in den Nieren verlieren, unempfindlichere Schmerzsensoren und dehnbarere Blutgefässe aufweisen.»Annette Peters sagt: «Ich bin sicher, es gibt zahlreiche physiologische Unterschiede zwischen Personen. Doch noch ist unklar, welche Gene die ausschlaggebende Rolle spielen.» Dafür gebe es noch keine Daten aus grossen Studien.Auch wenn noch nicht feststeht, welche Gene in welchem Ausmass das Hitzeempfinden regulieren, eines ist sicher: Der Körper besitzt viele Möglichkeiten, Hitze abzufedern. Er passt seine Antwort von Kindesbeinen an der Umgebung an.Unser Körper passt sich nach einem Umzug anDas zeigt sich auch, wenn jemand im Lauf seines Lebens von einer kühlen in eine heisse Region umzieht. Viele empfinden die ungewohnten Temperaturen zuerst als unangenehm. Doch nach einigen Monaten oder spätestens Jahren kann der Einwanderer meist ähnlich gut wie Einheimische mit der Hitze umgehen.Das habe zwei unterschiedliche Ursachen, meint Flouris und schmunzelt nun. Erstens entstünden zahlreiche neue Blutgefässe unter der Haut. Das erleichtere die Wärmeabgabe enorm.Zweitens würden sich die Neuen in puncto Ernährung, Aktivitäten, Kleidung an die Einheimischen anpassen. «Ich bin Grieche und lebe seit vielen Jahren in Griechenland. Ich weiss, was ich bei hohen Temperaturen tun und was ich lassen sollte.»Passend zum Artikel