Was da in der Galerie 100 an den Wänden hängt und auf Sockeln steht, ist erstens „ein Fest fürs Auge“ im Sinne des französischen Malers Eugène Delacroix, der vor 200 Jahren ins Tagebuch schrieb: „Die erste Tugend eines Bildes ist es, ein Fest für das Auge zu sein“.

Und zweitens ist es ein wesentliches Stück (Ost)Berliner Kunstgeschichte. Erlebbar als wortloser Dialog zwischen Sohn und Mutter, zwischen dem Bildhauer Marco Flierl, geboren 1963, und der Kunstweberin Inge Flierl (1926–2025). Sie starb unmittelbar vor ihrem 100. Geburtstag. Er, das jüngste ihrer vier Kinder, die allesamt die Kunstlaufbahn wählten, ist quasi unterm Webstuhl der Mutter aufgewachsen, mit ihren fantastischen Bildwelten. Und sie bestärkten wohl die große spielerische Komponente seiner Bildhauerei.

Marco Flierl: „Nichtzuständiger Beamter“ 2007, Bronze, hier als „Denkmal“ im Freien. Das zweite Original steht in der Galerie 100.

© Marco Flierl

Ihre Gobelins streben durch ihre Perspektiv-Wirkung gleichsam ins Räumliche. Und seine (oft farbigen) Bronzen haben alle Statuarik verlassen, gehen ins Bewegte, Dynamische, als Synthese aus kubistischer und surrealistischer Formensprache. Tiere spielen eine Rolle bei beiden. Bei ihr sind es Vögel, Katzen, Mäuse, Federvieh, Fische, Springböcke, weiße Stiere und auch die kluge Schlange. Bei ihm ist es ein exotisches Tier: der Panther – das „Fell“ schwarz, grün, goldglänzend und rot marmoriert durch eine raffinierte Gießtechnik, die sogleich an Malerei denken lässt. Die geschmeidige Raubkatze steht symbolisch für Kraft, Eleganz, Geheimnis. Und für gegensätzliche Eigenschaften wie Sanftmut und Wildheit. In der Literatur, wie in Rilkes berühmtem Gedicht von 1903, ist er zudem eine tiefgründige Metapher für Isolation, auch Gefangenschaft und sogar Einzelgängertum. Jede Bronze „signiert“ Marco Flierl mit dem Panther-Symbol.