ErklärtWie Stress Zähnen und Zahnfleisch schadetDauerstress kann auf den Magen schlagen, den Blutdruck hochtreiben und dem Herz schaden. Was viele hingegen nicht wissen: Er begünstigt auch Erkrankungen im Mundraum, zum Beispiel Parodontitis.Nina Himmer29.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZLeserfrage: Welche Auswirkung hat Stress auf die Zahngesundheit, speziell auf Parodontitis?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Stress wirkt sich auf vielfältige Art und Weise negativ auf den Körper aus. Der Mundraum ist dabei keine Ausnahme: «Viele Patientinnen und Patienten berichten in Stressphasen über ein trockenes Mundgefühl. Mundtrockenheit erhöht das Kariesrisiko und setzt der Schleimhaut zu. Stress ist zudem einer der wichtigsten Auslöser für Zähneknirschen, das Verspannungen und Zahnschäden wie Schmelzabrieb oder Risse begünstigt», erklärt Nihad El Sayed, leitende Oberärztin an der Poliklinik für Parodontologie am Zahnärztlichen Institut der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.Wohl & Sein antwortetIn der Rubrik «Wohl & Sein antwortet» greifen wir Fragen aus der Leserschaft rund um Gesundheit und Ernährung auf. Schreiben Sie uns an [email protected].Auch sogenannte «Stresszahnschmerzen» können auftreten. Dabei strahlen Kieferprobleme in die Zähne aus, obwohl diese eigentlich gesund sind. Hinzu kommen indirekte Effekte: Wer im Stress ist, ernährt sich oft ungesünder, bewegt sich weniger, schläft schlechter, raucht mehr, trinkt häufiger Alkohol und nimmt sich weniger Zeit für gesunde Gewohnheiten wie tägliche Mundhygiene oder regelmässige Prophylaxe-Termine.«Vor allem aber drosseln Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin das Immunsystem und fördern Entzündungen», sagt die Zahnärztin. Das kann neuen Erkrankungen den Weg ebnen oder bestehende verschlechtern. Für Parodontitis gilt das ganz besonders, da es sich bei der Erkrankung um eine chronische Entzündung des Zahnhalteapparats handelt – also von Zahnfleisch, Bindegewebsfasern, Wurzelzement und Knochen.Gestresste haben schwerere Verläufe«Zahlreiche Studien zeigen einen ausgeprägten Zusammenhang zwischen Stress und Parodontitis», sagt El Sayed. Chronisch gestresste Patientinnen und Patienten sind anfälliger für die Erkrankung, haben eher schwerere Verläufe und sprechen schlechter auf die Behandlung an. «Letztlich befeuert Stress bei Parodontitis eine schon bestehende Entzündung, die Auswirkungen auf den gesamten Körper hat», erläutert El Sayed. Tatsächlich ist das Tückische an der Erkrankung, dass sie nicht nur den Zähnen zusetzt, sondern Keime und Entzündungsstoffe über das Zahnfleisch in die Blutgefässe und so in den ganzen Körper gelangen. Nachgewiesen ist zum Beispiel ein Zusammenhang mit Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.Allerdings ist nicht jede Art von Stress schädlich: In der Forschung wird zwischen Eustress und Disstress unterschieden, man könnte auch von positivem und negativem Stress sprechen. Positiver Stress aktiviert und motiviert uns, ist herausfordernd, aber bewältigbar – etwa Aufregung vor einem wichtigen Event oder Termin, sportliche Belastung oder eine spannende Aufgabe. Diese Art Stress schadet der Gesundheit nicht.Negativer Stress hingegen geht mit dauerhafter Überlastung einher. Es fehlt an Erholung, der Stress wird als ausweglos und bedrohlich empfunden. Typische Szenarien dafür sind Überlastung im Beruf, Existenzsorgen, ungelöste Konflikte oder Zusatzbelastungen wie die Pflege eines Angehörigen. Diese Art Stress steht bei der Diskussion um negative gesundheitliche Auswirkungen im Fokus.«Die Realität aber ist oft komplexer, weil Stress auch viel mit subjektiver Wahrnehmung zu tun hat», sagt die Zahnmedizinerin El Sayed. Die Studienlage spiegelt das wider: Menschen, die Stress eher als Herausforderung betrachten, reagieren körperlich weniger negativ darauf als solche, die Stress per se als schädlich betrachten.Interessante Befunde aus der Forschung gibt es auch mit Blick auf psychische Erkrankungen, die häufig mit chronischem Stress einhergehen. Eine Metaanalyse zeigt etwa, dass Menschen mit Parodontitis ein etwa 70 Prozent höheres Risiko für Depressionen und ein 35 Prozent höheres Risiko für Angststörungen haben. «Umgekehrt ist aber auch das Risiko, an Parodontitis zu erkranken, bei Menschen mit Depressionen deutlich erhöht», sagt El Sayed, «die Erkrankungen beeinflussen sich wechselseitig.»Newsletter «Wohl & Sein»: Die Wissenschaftsredaktion beantwortet Fragen zu Psychologie und Gesundheit. Jeden Donnerstag neu.Jetzt abonnierenStressmanagement gehört zur ZahnpflegeWas bedeutet das für Betroffene? «Stressmanagement sollte stärker in die Parodontitis-Behandlung einbezogen werden», sagt El Sayed, die ihre Patientinnen und Patienten stets darauf hinweist, dass auch solche Faktoren ihre Erkrankung beeinflussen können. «Darüber muss genauso gesprochen werden wie über die richtige Putztechnik und regelmässige Vorsorge.»Die Zahnärztin sieht im Wissen um Stress als Einflussfaktor eine Chance: «Wer den Zusammenhang begreift, kann aktiv Einfluss nehmen», sagt sie – etwa, indem man Mundhygiene auch in stressigen Phasen nicht schleifen lässt, das Thema beim Zahnarzt anspricht und versucht, den eigenen Lebensstil zu ändern. «Stressmanagement, Entspannungsverfahren, eine gute Schlafhygiene und gesunde Gewohnheiten sind ein erster Schritt.»Sie haben auch eine Frage rund um Ernährung und Gesundheit? Schreiben Sie uns an [email protected].Passend zum Artikel
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