PfadnavigationHomeICONISTEssen & Trinken„Originalrezept“Wer hat’s erfunden? Der skurrile Streit um die MozartkugelVon Georges DesruesStand: 14:32 UhrLesedauer: 5 MinutenDie Salzburger Konditorei Fürst bewirbt ihre Mozartkugeln mit dem Zusatz „Original“Quelle: JOE KLAMAR/AFPZwei Salzburger Traditionsbetriebe streiten sich seit Jahren um den Ursprung der Mozartkugel. Ihre Geschäfte sind nur wenige Meter voneinander entfernt. Nun ist eine Werbung von 1880 aufgetaucht, die einem Anbieter nutzt.Als Österreicher hadert man bisweilen mit der Auswahl an Nationalheiligtümern. Da wäre etwa die am Nationalfeiertag beschworene „immerwährende Neutralität“, ein Überbleibsel aus der Zeit des Kalten Kriegs – und heute so obsolet wie ein Vorderlader, so anachronistisch wie ein Zwölfzylindermotor. Dann sind da die berühmten Lipizzaner-Pferde, die in Wahrheit aus einem Gestüt im heutigen Slowenien stammen. Oder das Wiener Schnitzel, das höchstwahrscheinlich in Mailand erfunden wurde.Und dann sind da die Mozartkugeln, deren derzeit größter Erzeuger gar nicht in Salzburg, sondern in Bayern sitzt. Anführen könnte man auch noch, dass selbst Mozart, da im damals noch eigenständigen Fürsterzbistum Salzburg geboren, genau genommen nicht aus Österreich stammt. Doch zurück zu den nach dem Musikgenie benannten, identitätsstiftenden Schokokugeln: Ihretwegen tobt nämlich in Salzburg seit Jahrzehnten ein kurioser Streit um die Frage, wer sich als „Erfinder“ der Süßigkeit bezeichnen beziehungsweise von einer „Original Salzburger Mozartkugel“ sprechen darf. Der Streit – oder sagen wir eher, die Posse – treibt gerade neue Blüten: Dieses Mal geht es nicht nur um den vermeintlich wahren Ursprung der Praline, sondern auch um eine obskure Auszeichnung aus dem Jahr 1905, mit der sich ein Erzeuger aus Sicht eines Konkurrenten zu Unrecht schmückt. Die Geschäfte der beiden Kontrahenten in der Salzburger Altstadt sind nur wenige Meter voneinander entfernt.Lesen Sie auchDa ist zum einen die altehrwürdige Konditorei Fürst, die für sich beansprucht, dass ihr Gründer Paul Fürst die Mozartkugel um 1890 erfunden habe. Diese Darstellung galt lange als historisch unumstritten. Nach einem Gerichtsbeschluss aus dem Jahr 1996 darf die Firma deshalb als bislang einzige den Zusatz „Original“ für ihre Salzburger Mozartkugeln verwenden. Die Konkurrenz war gezwungen, sich damit abzufinden und sich mit alternativen Namenszusätzen zu behelfen. Wie etwa die Marke Mirabell (der einst größte österreichische Erzeuger ist nach einer gescheiterten Sanierung mittlerweile zum zweiten Mal insolvent) mit ihrer „Echten Salzburger Mozartkugel“ oder die Firma Reber (besagter bayerischer Weltmarktführer) mit ihrer „Echten Reber Mozart-Kugel“.Auf der anderen Seite steht die Confiserie Holzermayr, die den Anspruch der Konditorei Fürst infrage stellt und die Geschichte der Spezialität aus Marzipan, Nougat und Schokolade seit Kurzem neu aufrollt. Auslöser war ein Fund des Historikers Gerhard Ammerer. In einer Ausgabe der Tageszeitung „Die Presse“ vom Februar 1881 stieß er auf eine Anzeige, die für die „Salzburger Spezialität Mozartkugeln – handgefertigt von R. Baumann“ wirbt. Das wären also neun Jahre, bevor der Konditor Fürst das vermeintliche Original erfand.Die Confiserie Holzermayr sieht sich als legitime Nachfolgerin des besagten Konditors Rudolf Baumann und begann prompt, ihre Kugeln mit der Bezeichnung „nach dem Originalrezept von 1880“ zu bewerben. Das wurde ihr allerdings – selbstredend nach einer Klage von Fürst – gerichtlich untersagt, da das „Originalrezept“ aus dem Jahr 1880 nicht erhalten sei und man sich folglich nicht darauf beziehen könne.Lesen Sie auchUnd so änderte Holzermayr seinen Slogan auf „Nach der Tradition von 1880“. Doch auch das will Martin Fürst von der Konditorei, die seinen Namen trägt, nicht akzeptieren. „Das ist ein unlauterer Versuch, sich an Baumann anzuheften. Wir werden das weiterverfolgen“, sagte er der Wiener „Presse am Sonntag“, „für den Kunden ist es die gleiche Täuschung. Und solange Holzermayr versucht, diesem Industrieprodukt der Neuzeit das historische Prädikat umzuhängen, werden wir dagegen vorgehen.“Gegenschlag per einstweiliger VerfügungIm Juni holte Holzermayr zum Gegenschlag aus. Mit einer einstweiligen Verfügung wurde der Konditorei Fürst untersagt, den Eindruck zu erwecken, dass nur die eigenen Mozartkugeln als „Original“ bezeichnet werden dürfen. Der Gerichtsentscheid aus den 1990er-Jahren betreffe nämlich nur einen Einzelfall und begründe kein allgemeines Monopol auf den Begriff. Das Hauptverfahren darüber, wer sich rechtmäßig als „Erfinder der Mozartkugel“ bezeichnen darf, ist für Ende August angesetzt.„Original ist sicher jeder Salzburger Mozartkugel-Erzeuger“, sagte dazu Clemens Thiele, Rechtsanwalt der Confiserie Holzermayr, der Tageszeitung „Heute“. „Eigentlich könnten wir Salzburger darauf stolz sein, dass es nicht die Firma in Deutschland ist oder eine Firma in Wien, sondern dass wir das hier in Salzburg haben. Warum da so viel Exklusivität – auch unter falschen Voraussetzungen – in Anspruch genommen wird, ist mir nicht ganz klar.“Lesen Sie auchInzwischen wurde aber noch ein weiteres Verfahren eröffnet. Der Firma Holzermayr schmeckt es nicht, dass der Konkurrent mit einem Orden wirbt, den dessen Firmengründer angeblich im Jahr 1905 bei einer Pariser Ausstellung erhalten hat. Dass die Auszeichnung tatsächlich der Mozartkugel gegolten habe, sei nämlich keineswegs gesichert. Folglich dürfe auch nicht damit geworben werden. Auch in diesem Fall steht ein endgültiges Urteil noch aus.In der Mozartstadt nimmt der Sommer derweil seinen gewohnten Lauf, durch die herausgeputzte Altstadt pressen sich Touristen in kurzen Hosen und Flipflops, immer wieder unterbrochen von Theater- und Opernbesuchern in Abendgarderobe. Die alljährlichen Festspiele wurden am Wochenende offiziell eröffnet. Für einige Wochen ist die beschauliche Landeshauptstadt wieder das Mekka der Hochkultur, der Nabel der Welt. Zumindest sieht man das in Salzburg so.Am Alten Markt stehen die Besucher vor beiden Confiserien Schlange. Deren Auslagen sind gut gefüllt mit den Kugeln, die sich in ihren Aufmachungen erstaunlich ähneln. In beiden Fällen sind sie umwickelt mit Silberpapier, auf dem in Blau das gezeichnete Porträt eines Mannes mit Haarzopf prangt, der Mozart darstellen soll. Im Fall von Holzermayr fällt das Blau allerdings eine Spur heller aus als bei der Konkurrenz.Doch aus der Sicht der Familie Fürst wiegt ein anderer Unterschied schwerer. Die Holzermayr-Kugeln werden nämlich nicht in Salzburg selbst erzeugt, sondern in Niederösterreich. Das gehört immerhin ebenfalls zu Österreich, was für ein nationales Symbol noch passend ist. Ganz wie der Streit um sie, der weniger für Hochkultur steht als für eine Operette an einem österreichischen Provinzschauplatz. Unpassend ist eher der Name des genialen Komponisten, in dessen Licht man sich sonnen will. Der hatte mit derlei Possen genauso wenig am Hut wie mit Schokoladenkonfekt.
Mozartkugel-Streit: Wer ist der wahre Erfinder der Salzburger Süßigkeit? - WELT
Seit Jahren streiten sich zwei Salzburger Konditoreien um den wahren Ursprung der weltberühmten Mozartkugel. Die Geschäfte der beiden Kontrahenten sind nur wenige Meter voneinander entfernt. Nun geht die Auseinandersetzung in die nächste Runde.






