Wer hat sie erfunden? In Salzburg tobt ein Streit um die MozartkugelDie Mozartkugel ist das vielleicht berühmteste Praliné der Welt. Aber welche ist das Original? Jahrzehntelang schien diese Frage klar, doch nun sät ein Historiker Zweifel. Seit einem Jahr beschäftigt der Fall die Gerichte.29.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAuf den ersten Blick unterscheiden sich die Mozartkugeln von Fürst (royalblauer Aufdruck) kaum von jenen von Holzermayr (hellblauer Aufdruck). Doch wer im 19. Jahrhundert die Idee zu dem Produkt hatte, ist plötzlich unklar.Barbara Gindl / APADas Konterfei von Wolfgang Amadeus Mozart ist in Salzburg allgegenwärtig. Der Sohn der Stadt blickt aus Schaufenstern, von T-Shirts, Taschen und Tassen oder steht als lebensgrosse Pappfigur vor Souvenirgeschäften. Selbst ein Likör trägt seinen Namen. Am bekanntesten ist aber die Mozartkugel, ein mit dunkler Schokolade umhülltes Praliné aus Pistazien-Marzipan und Nougat. Sie zählt neben Red Bull und Sachertorte zu den berühmtesten Exportgütern Österreichs.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Inzwischen wird die Kugel aber auch in Kanada, Japan und Brasilien hergestellt. Ein ihr gewidmeter Blog listet mehr als hundert Hersteller auf. Allein die beiden grössten, Reber (Bayern) und Mirabell, produzieren zusammen schätzungsweise rund 300 Millionen Mozartkugeln jährlich. Gerade im Ausland assoziiert man diese auch mit dem Konfekt an sich, werden sie doch in Dutzenden von Ländern vertrieben. Umso mehr sorgte es für Aufsehen, als Mirabell die Herstellung der «Echten Salzburger Mozartkugeln» in Grödig südlich der Stadt Ende 2024 aus Kostengründen einstellte. Seither wird im Ausland produziert, und die Süssigkeit heisst «Echte Mirabell Mozartkugel».Paul Fürst gewann 1905 einen Preis für seine KreationEcht nennen aber auch Reber und andere Hersteller ihre Pralinés. Der Begriff Mozartkugel ist nicht markenrechtlich geschützt, sondern eine Gattungsbezeichnung. Die viel wichtigere Frage ist in Salzburg deshalb: Wer hat sie erfunden?Über Jahrzehnte schien sie geklärt. Am Stammhaus der Konditorei Fürst, das an bester Lage mitten in der Salzburger Innenstadt liegt, ist sogar ein Schild angebracht, wonach der Firmengründer Paul Fürst hier im Jahr 1890 «die heute weltbekannte» Mozartkugel erfunden habe. In der Auslage hängt ein Porträt, «Erst- und Alleinerzeuger» der original Salzburger Mozartkugel steht darunter. Ausgestellt ist auch die aufwendige Methode, mit der er die Süssigkeit herstellte: Die Marzipan-Nougat-Kugel wurde auf ein Holzstäbchen gesteckt und dann in dunkle Schokolade getunkt. Das verbleibende Loch wurde mit Schokolade verschlossen.Dieses damals neuartige «Steckerlverfahren» ermöglichte eine fast vollkommene Rundheit, und der beim Verschliessen entstehende «Gupf» sei das signifikante Zeichen der Mozartkugeln von Fürst, sagt Doris Fürst, die den Familienbetrieb gemeinsam mit ihrem Mann Martin in fünfter Generation führt. Noch heute würden sie nach der überlieferten Rezeptur und Methode produziert, aber natürlich unterstützt von Maschinen.Paul Fürst nannte seine Erfindung zunächst «Mozart-Bonbon» und erst etwas später Mozartkugel. 1905 wurde er an einer internationalen Ausstellung in Paris für seine Kreation ausgezeichnet, worauf in der Vitrine der Konditorei ebenfalls verwiesen wird. Die Pralinés von Fürst heissen deshalb Original Salzburger Mozartkugeln. Bereits vor dreissig Jahren klagte die Konditorei erfolgreich gegen eine Nestlé-Tochter, die ihre Kugel ebenfalls als original bezeichnete.Diese Aufnahme aus der Backstube von Paul Fürst stammt aus dem Jahr 1909. Auf dem Tisch sind die Zutaten für die Mozartkugel zu sehen und die Holzstäbchen, mit denen sie in die Schokolade getunkt werden. PDVorläufig darf die Konditorei Fürst ihren Firmengründer weiterhin als den Erfinder der Mozartkugel bezeichnen.PDBaumann pries schon 1881 seine «Salzburger Specialität» anDiese bis anhin gültige Erzählung gelte es allerdings zu hinterfragen, findet der Historiker Gerhard Ammerer von der Universität Salzburg. Er hat soeben ein Buch über die Geschichte der Mozartkugel veröffentlicht – aus rechtlichen Gründen im Eigenverlag. Bei der Recherche dafür stiess er auf Inserate in der Zeitung «Die Presse» aus den Jahren 1881 und 1883, in denen der Salzburger Konditor Rudolf Baumann schon Mozartkugeln beworben hatte. «Salzburger Specialität!» heisst es da in Frakturschrift. Die «hochfeinen Chocolade-Bonbons» würden ab 25 Stück «nach allen Richtungen» versendet.Inserat von Rudolf Baumann in der «Presse» vom 3. Februar 1881.PDPaul Fürst hatte seine Confiserie dagegen erst 1884 eröffnet. Er war zuvor bei Baumann in die Lehre gegangen, wie Ammerer ebenfalls herausfand. Der Historiker nennt Baumann deshalb den «frühesten eruierbaren Anbieter» der Mozartkugel.Die bereits vor einem Jahr bekanntgewordene Recherche löste in der beschaulichen Barockstadt ein kleines Erdbeben aus. Denn nur Schritte von der Konditorei Fürst entfernt befindet sich die Confiserie Holzermayr, die 1919 den Betrieb Baumanns übernommen hatte. Sie begann nun, mit dem «Originalrezept von 1880» zu werben.Zwischen den beiden faktisch am gleichen Platz gelegenen Traditionshäusern tobt seither ein Rechtsstreit, in dem beide schon Erfolge erzielt haben. Fürst erwirkte in einer einstweiligen Verfügung, dass sich Holzermayr nicht mehr auf ein Rezept von 1880 berufen darf. Der Konkurrent konnte ein solches nicht vorlegen.Fürst wurde dagegen untersagt, das dreissig Jahre alte Urteil des Obersten Gerichtshofs so darzustellen, als sei die Konditorei der einzige Hersteller, der seine Kugeln als original bezeichnen darf. Der damalige Entscheid habe sich nur auf den Streit mit der Nestlé-Tochter bezogen und begründe kein Monopol auf den Begriff, befand das Salzburger Landesgericht. Paul Fürst kann aber vorerst weiter als Erfinder dessen vermarktet werden, was heute als Mozartkugel bekannt ist. Holzermayr scheiterte mit dem Antrag auf einstweilige Unterlassung.Die Hauptverhandlung über diese Frage findet zwar erst statt, aber Doris Fürst sieht die «von einem pensionierten Historiker» aufgeworfenen Zweifel bereits umfassend aufgearbeitet und zurückgewiesen. Ohne fundierte Belege habe Ammerer die Urheberschaft der Mozartkugel einem Einzelhändler für Süsswaren zugeschrieben, der zugekaufte und industriell in Niederösterreich erzeugte Mozartkugeln anbiete. Fürst produziert dagegen in einer eigenen Manufaktur im Süden von Salzburg.Dass Baumann schon vor 1890 eine Mozartkugel erzeugt habe, bestreitet die Konditorei nicht. Aber es habe sich «sicher nicht» um das Konfekt gehandelt, das heute unter diesem Namen berühmt sei und für das Paul Fürst in Paris ausgezeichnet worden sei.PDPDBild links: Alte Aufnahme des Geschäfts der Confiserie Holzermayr, die sich seit 1919 am Alten Markt befindet. Sie übernahm den Betrieb Baumanns. Bild rechts: Josef Holzermayr junior mit zwei Lehrlingen im Jahr 1917.Der Konkurrent hält das alte Rezept für ein «Fake»Vor der Confiserie Holzermayr steht ein Schild mit einem Schwarz-Weiss-Porträt Baumanns, daneben ist ihre «Echte Salzburger Mozartkugel» abgebildet – wie die von Fürst ist sie in silbernes Stanniolpapier mit blauem Aufdruck gewickelt. «In der Tradition von 1880» heisst es nun auf der Website statt der Berufung auf ein Rezept von damals.Alexander Truschner, der das Geschäft zusammen mit seiner Mutter führt, räumt ein, dass man die Kugeln industriell bei Hofbauer herstellen lasse, einem mittlerweile Lindt & Sprüngli gehörenden Wiener Confiseur. «Aber Fürst ist auch kein Bean-to-bar-Hersteller», sagt er. Es sei ganz eindeutig, dass Baumann der Erfinder der Mozartkugel gewesen sei, meint Truschner, obwohl das Gericht vorerst Fürst als diesen bestätigte. Er sei auch Namensgeber und Erstvermarkter. Presseberichte zeigten, dass er schon eine gewisse Reichweite gehabt habe.Im Familienbesitz der Fürsts befindet sich ein aus dem Jahr 1915 stammendes Rezeptbuch aus der Backstube von Paul Fürst, in dem auf Seite 111 die Anleitung für die Herstellung der Mozartkugel steht. Ein Faksimile davon hängt ebenfalls in der Auslage der Konditorei, wobei Details unkenntlich gemacht sind. Das genaue Rezept mit den Mengenangaben will man nicht öffentlich machen. «Weil es ein Fake ist», sagt Truschner dazu. Die Seite sei später eingefügt worden, glaubt er. Viel zu sauber sei die Schrift.Die Confiserie Holzermayr darf mit dem Jahr 1880 werben, aber nicht mit einem Originalrezept aus jener Zeit. Ein solches konnte sie nicht vorweisen. Barbara Gindl / APAAmmerer bleibt dabei, dass Fürst «sicher nicht der Erste» war, der das Praliné in der bekannten Form herstellte, wie er unlängst den «Salzburger Nachrichten» sagte. Auch Baumann will der Historiker aber nicht als Erfinder bezeichnen. Er habe aber in den Archiven niemanden entdeckt, der früher eine Mozartkugel angeboten habe.Der Rechtsstreit, wer sich auf den Erfinder berufen und sein Produkt als original bezeichnen darf, geht vorläufig weiter. Offen ist hingegen, wie wichtig die Frage für die Kunden ist. An diesem Tag in der Hochsaison drängen sich in beiden Geschäften die Menschen, unter ihnen viele Touristen. Vom Streit um die Urheberschaft dürften die meisten nichts mitbekommen haben. Zu den Mozartkugeln bekommt man aber jeweils ein Kärtchen, das bei Fürst auf den Firmengründer als Erfinder und bei Holzermayr auf die Tradition von 1880 hinweist.Passend zum Artikel