Die Schweiz ist berühmt für die Kunst ihrer Chocolatiers, diese haben die Schokolade als Edelware weltweit bekannt gemacht. Erfunden aber wurden die Genusstäfelchen in Dresden, mithilfe von Eselsmilch.Heidi Diehl25.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDas «Schokoladenmädchen» kam vor fast 300 Jahren nach Dresden.Hulton / GettyDie Schweizerinnen und Schweizer essen pro Kopf mehr Schokolade als irgendwer sonst auf der Welt, und entsprechend fleissig produzieren Chocolatiers hierzulande die Leckerei: Die Schweiz gehört zu den Ländern mit der höchsten Schokoladenproduktion; weit mehr als 209 000 Tonnen Schokolade werden jährlich hergestellt, der grösste Teil davon geht als begehrte Edelware ins Ausland – auch als ein Symbol für «typisch Schweiz».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nur gibt es da ein Missverständnis: Die Schweiz ist berühmt für die Kunst ihrer Chocolatiers, so weit stimmt das schon. Die Milchschokolade aber erfunden, das haben die Deutschen. Kaum zu glauben! Aber wahr. Und die Spur der historischen Belege führt gleich in ein zweites Nachbarland: nach Italien. Oder genauer: zu einem Bild, gefertigt vom Maler Jean-Étienne Liotard.Es hätte schiefgehen können, doch Francesco Graf Algarotti konnte 1745 einfach nicht anders, als er dieses Gemälde in Venedig gesehen hatte. Es gefiel ihm so sehr, dass er es dem Maler sofort abkaufte. Im Auftrag des sächsischen Kurfürsten und polnischen Königs August III. war der Kunstexperte nach Italien gereist, um neue Bilder für dessen Pastellsammlung zu kaufen. «Dieses vorzügliche Werk lässt mich glauben, dass Seine Majestät es dem schönsten Pastellkabinett der Welt für würdig erachten möge», sagte, so die Überlieferung, Algarotti dem Maler.120 Golddukaten verlangte Liotard für das Bild. Heute entspräche das einer geschätzten Kaufkraft von weit über 200 000 Franken, ein Vermögen für die damalige Zeit. Was würde wohl sein Dienstherr sagen, wenn er es sieht, fragte sich Algarotti. Denn anders als die Gemälde, die der kunstliebende Monarch bislang in seinem Dresdner Pastellkabinett zusammengetragen hatte, zeigt Liotard keine Dame von hohem Stand, sondern ein einfaches Dienstmädchen. Mit weisser Schürze und rosa Seidenhaube serviert die junge Maid auf einem Tablett: heisse Schokolade.Der Kurfürst war begeistert und gab dem Stubenmädchen einen Ehrenplatz in seiner Sammlung. Erst fünfzehn Jahre später bekam es den Namen, unter dem es weltweite Berühmtheit erlangen sollte: «Schokoladenmädchen».Viele Legenden ranken sich um die unbekannte Schöne. Das Geheimnis, wer auf dem Bild zu sehen ist, nahm der Künstler mit ins Grab. Alljährlich verzaubert es Zigtausende Menschen aus aller Welt in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister. So einst auch Rosalba Carriera, eine der bekanntesten italienischen Pastellmalerinnen des 18. Jahrhunderts, die das Gemälde vor seinem Verkauf in Venedig gesehen hatte. Sie anerkannte neidlos, Liotards «Schokoladenmädchen» sei «das schönste Pastell, das man je gesehen hat».Möglicherweise liebte August III. das Gemälde nicht nur wegen der Kunstfertigkeit des Malers, sondern auch wegen seines Motivs; Schokolade war seinerzeit an den europäischen Höfen als neues Luxusgetränk äusserst beliebt. Sein Vater, August der Starke, hatte die Trinkschokolade auf seiner Grand Tour in Frankreich kennengelernt und nach Dresden mitgebracht. Seitdem war es in herrschaftlichen Kreisen à la mode, heisse Schokolade zu trinken. Und in der Stadt öffneten Trinkstuben, in denen man – wenn man es sich denn leisten konnte – aus feinen Porzellantassen aus der Meissner Manufaktur das köstliche Getränk schlürfte.Graf Heinrich von Brühl, Ministerpräsident unter August III., liess gar ein geheimes Schokoladengewölbe in seinem Dresdner Palais anlegen. Als er starb, fand man dort 545 Stangen und 7032 Schmelztafeln; neun Zentner exotische Köstlichkeit, die damals ausschliesslich zur Trinkschokolade verarbeitet wurde.Mai 1839: Die Milchschokolade wurde erfundenZwei Dresdner waren es dann, die 1823 die erste deutsche Schokoladenfabrik gründeten: Gottfried Jordan und August Timaeus. In den nächsten Jahren folgten weitere, und nicht Zürich, nicht Bern, nicht Luzern, sondern Dresden wurde mit über 30 Schokoladefabriken zur Schokoladenhauptstadt. Nahezu 7000 Menschen waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts dort in der Schokoladenindustrie tätig, ein Fünftel der Beschäftigten in Deutschland.1839 wurde sie in der Fabrik von Jordan und Timaeus in Dresden erfunden: die Milchschokolade.PD«Chocolade mit Eselsmilch präparirt, ohne Gewürz, sowohl zum Kochen (. . .) als auch zum Rohessen in 24 Täfelchen», so warb Jordan & Timaeus im «Dresdner Anzeiger» vom 22. Mai 1839. Die Milch- und die Tafelschokolade waren erfunden. In Dresden.Die Schokolade, keine Schweizer Erfindung. Ein Schock! Ist demzufolge also Deutschland das wahre Schokoladenland?So einfach zu sagen ist das nicht. Denn die Schweiz hat eben doch auch eine eigene Geschichte mit der Milchschokolade, und die beginnt mit dem vielleicht grössten aller Gefühle: der Liebe.1863 heiratete der Kerzenfabrikant Daniel Peter die Tochter des Schokoladenunternehmers François-Louis Cailler. Als Petroleumlampen die Kerzen verdrängten, wandte er sich dem Geschäft seines Schwiegervaters zu. Jahrelang experimentierte er, scheiterte an Geruch und Haltbarkeit. Erst die Zusammenarbeit mit seinem Nachbarn Henri Nestlé, der 1867 Milchpulver entwickelt hatte, brachte den Durchbruch: Dem Waadtländer Daniel Peter gelang es 1875, eine haltbare Version der Milchschokolade herzustellen.Anders als die körnige Dresdner Eselsmilchschokolade liess sich Daniel Peters Version industriell herstellen. Spätestens mit Rodolphe Lindts Conchiermaschine von 1879, welche die Kakaomasse tagelang fein verrührt und dadurch geschmeidig macht, war das Schicksal der Dresdner Erfindung besiegelt. Die Schweiz hat die Schokolade zwar nicht erfunden, aber zur Reife gebracht und veredelt. Und ist es nicht womöglich das, was wirklich zählt? Wen kümmert es heute noch, dass Pizza aus dem Fladenbrot der Griechen und der Etrusker hervorging? Geschätzt wird die veredelte Version durch Tomaten und Käse, und diese genussvolle Idee stammt aus Italien.«Wir brachten die erste Milchschokolade auf den Markt, aber die hochwertige haben die Schweizer erfunden», sagt Conrad Richter, der als Maschinenbauingenieur mehr als 40 Jahre lang Verpackungsmaschinen für die Schokoladenindustrie entwickelte. Die Liebe des 90-Jährigen Dresdners zur Schokolade reicht weit zurück: «In meiner Kindheit stand in unserer Küche eine Kakaobüchse der Dresdner Firma Otto Rüger, mit derem Markenzeichen, mit einem frech dreinschauenden Jungen namens Hansi drauf. Bis heute benutze ich sie als Schoggitresor.»Schokolade für das einfache VolkDass der Verband deutscher Schokoladenfabrikanten 1891 seinen Sitz von Frankfurt nach Dresden verlegte und dort zwei Jahre später das erste Reinheitsgebot für Schokolade festschrieb, war kein Zufall.Im Stadtmuseum sind aufwendig gestaltete Schokoladenskulpturen zu sehen, die im 18. Jahrhundert auf königlichen Festtafeln prangten. Eine Formenpracht, die dem einfachen Volk verborgen blieb. Das änderte der Dresdner Klempner Anton Reiche: Nach Wanderjahren in Frankreich gründete er 1878 eine Blechwarenfabrik und ersetzte schwere Kupferformen durch leichtes Weissblech. Plötzlich waren Schokoladenfiguren auch für den kleinen Mann erschwinglich. Reiches Formen waren so begehrt, dass er sie bald in alle Welt exportierte, an Jordan & Timaeus ebenso wie an Lindt; 1895 beschäftigte er bereits 1100 Mitarbeiter. Das 19. Jahrhundert verwandelte Schokolade vom Luxus- zum Alltagsprodukt.Wer also darf Anspruch auf die Milchschokolade erheben? Die Deutschen haben sie erfunden. Die Schweiz hat sie zum heutigen Genuss-Symbol entwickelt. Demokratisiert aber wurde sie womöglich auch durch den Wettbewerb beider Länder.Der Fall der Mauer setzt der Schokoladenindustrie zuMöglich gemacht wurde diese Entwicklung auch durch Technik: Die notwendigen Verpackungsmaschinen und Produktionsanlagen stammten überwiegend aus Dresden. Allerdings brachte der Bombenangriff vom Februar 1945 diese Schokoladenmaschinerie fast zum Erliegen. Was von der Schokoladenindustrie übrig blieb, wurde bis 1972 verstaatlicht und im VEB Elbflorenz zusammengefasst.Der Maschinenbau hingegen überlebte, erneuerte sich und exportiert bis heute in alle Welt. «Die Maschinen zum Einwickeln von Bonbons, an deren Entwicklung ich in den 1980er Jahren mitgearbeitet habe, werden noch genauso gebaut», sagt Richter. «Das macht mich ein bisschen stolz.»Die Schokoladenherstellung selbst überlebte den Fall der Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland nicht. Im April 1990 schloss der VEB Elbflorenz, durch die süssen Lockrufe all der neuen Produkte im nun zugänglichen Westen war der Absatz von einem Tag auf den anderen weggebrochen.Der Volkseigene Betrieb Elbflorenz in Dresden. Bis zum Fall der Mauer produzierte der DDR-Staatsbetrieb neben Tafelschokolade auch Adventskalender oder Schoko-Osterhasen.ImagoSo drohte die einstige Schokoladenhauptstadt in Vergessenheit zu geraten. Zum Glück gibt es ein paar Enthusiasten, die den Untergang von Dresdens Schokoladenseite nicht hinnehmen wollten. Ivo Schaffer ist so einer. Der heute 52-Jährige war der Liebe wegen von Berlin nach Dresden gezogen und hatte 2008 dort unter dem Namen Camondas einen Schokoladenladen eröffnet. Kunden fragten ihn immer wieder nach der Geschichte der Dresdner Schokolade. Da Ivo Schaffer schon seit einiger Zeit alles sammelte, was er dazu finden konnte, richtete er 2019 in seinem Geschäft ein Museum ein. Ausgestellt sind dort unter anderem der erste befüllbare Weihnachtskalender der Welt und der in 18 Stücke zerlegbare Tell-Apfel aus Schokolade und viele Schokoladenformen der Firma Anton Reiche.Die Maya und die Azteken in Mittelamerika rösteten und mahlten als erste Menschen überhaupt die Kakaobohnen für ein bitteres, leicht scharfes Getränk, das sie «xocolatl» nannten. Die Spanier brachten das Getränk nach Europa und süssten es mit Zucker und Vanille. Die Deutschen gaben Eselsmilch hinzu und erfanden die Milchschokolade. Und die Schweiz verhalf der süssen Köstlichkeit zu Weltruhm. Wem also gehört die Schokolade wirklich?In der Dresdner Galerie Alte Meister jedenfalls serviert das Schokoladenmädchen noch immer seine heisse Schokolade, ungerührt, vor einem Publikum von Geniessern aus der ganzen Welt.Passend zum Artikel