Das Design-Center von Mercedes in Sindelfingen, ein hoher Ausstellungsraum mit Oberlicht, grauer Teppichboden: Unter dunklen Seidentüchern stehen Autos auf sich drehenden Plattformen. Nach und nach ziehen im November 2024 Assistentinnen die Stoffe von den glänzenden Karossen. Ola Källenius streicht über das Glasdach des CLA, bevor er vor der C-Klasse stehen bleibt und auf den Wabengrill an der Front des Autos deutet. „Alle künftigen Modelle werden ihn wieder haben“, sagt der Mercedes-Chef.Källenius hat vor eineinhalb Jahren genau die Modelle vorgestellt, von denen jetzt und in den nächsten Monaten abhängt, ob der Autohersteller nach Jahren der Krise, in denen der Absatz seit fünf Jahren kontinuierlich sinkt, doch noch wachsen kann. Bis Ende 2027 bringt Mercedes weltweit mehr als 40 neue Fahrzeuge auf den Markt. Wenige Monate nach seinem Rundgang in Sindelfingen spricht Källenius auf der Bilanzpressekonferenz von der größten Modelloffensive in der Geschichte von Mercedes. „Unser Produktfeuerwerk wird zünden“, schwärmt der Manager wenig später auch im Interview mit der F.A.Z. „Es ist ein fester Teil unseres Wachstumsplans.“Kurs der Mercedes-Aktie rutscht erstmals unter Daimler-Truck-PapierAllein: In handfesten Zahlen und in der Wirklichkeit materialisieren sich die großen Hoffnungen von Källenius noch nicht. In den ersten sechs Monaten sank der Absatz abermals – um sieben Prozent auf 837.200 Fahrzeuge. Und in China gingen die Verkäufe von Autos mit dem markanten Stern sogar um 28 Prozent zurück. Besonders bitter für Källenius und seine Mannschaft, dass am vergangenen Donnerstag der Kurs der Mercedes-Aktie erstmals unter den Wert der Aktie von Daimler Truck sackte. Vor der Abspaltung war der Lastwagenhersteller ein Geschäftsbereich des Daimler-Konzerns, auf den die Auto-Kollegen immer leicht lächelnd herabschauten.Die aktuellen Geschäftszahlen sind ein Spiegel der Absatzprobleme. Umsatz und Ergebnis der Automobilsparte gingen im ersten Halbjahr 2026 weiter zurück, wie das Unternehmen am Dienstag mitteilte. Der bereinigte operative Gewinn (EBIT) sank im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 38,5 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro, der Erlös um 5,1 Prozent auf 45,9 Milliarden Euro, was einer operativen Umsatzrendite von 4,0 Prozent entspricht. Im Vorjahr lag die Marge noch bei 6,2 Prozent. Die schlechten Zahlen begründet Mercedes mit der schwierigen Situation in China, einem zurzeit „weniger günstigen Modellmix“ sowie den Kosten, um ältere Modelle länger aktuell zu halten und neue in den Markt zu bringen.„Modelloffensive gewinnt an Dynamik“„Doch unsere Modelloffensive gewinnt an Dynamik, sie wird ihre volle Wirkung im nächsten Jahr entfalten“, sagte Mercedes-Chef Ola Källenius am Dienstag bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen im Hinblick darauf, dass die Modelle erst nach und nach in den Markt kommen. Die Offensive habe im Frühjahr 2025 mit der Vorstellung des Mercedes CLA begonnen, bevor Mercedes auf der IAA Mobility im September dann den Hoffnungsträger, den elektrischen SUV GLC, sowie am Jahresende den GLB präsentiert hat. In diesem Jahr folgten die überarbeitete S-Klasse sowie die in Südkorea erstmals gezeigte elektrische C-Klasse und das SUV GLE. Zudem beginnt am Mittwoch der Verkauf des SUV GLA.Zwischen der öffentlichen Vorstellung eines Fahrzeugs und seiner Wirkung in der Absatzsatzstatistik liegen immer mehrere Monate, oft sogar einige Quartale. Offiziell nennt Mercedes-Chef Källenius 2026 deshalb ein „ramp-up year“, also ein Hochlaufjahr, in dem die neuen Autos erst in den verschiedenen Automärkten der Welt ankommen. „Da müssen wir jetzt durch, erst von 2027 wird sich die Modelloffensive auszahlen“, sagte der Manager zum Jahreswechsel 2025/26, um die Erwartungen auf schnelle Absatzerfolge zu dämpfen. Im Hinblick auf die Frage, wann sich die neuen Modelle auch positiv auf die Finanzkennzahlen auswirken werden, verwies Finanzchef Harald Wilhelm auf die Monate Oktober bis Dezember. „Wir halten an der Gewinnprognose für dieses Jahr fest, hier spielen Neuanläufe und Produktoffensive eine erhebliche Rolle“, sagte Wilhelm. „Wir erwarten, dass die Modelle, untermauert durch Auftragseingang und Auftragsbestand, im vierten Quartal einen Effekt haben werden.“Für den Mercedes-Chef hängt vom Erfolg der neuen Modelle viel abFür Ola Källenius hängt viel vom Erfolg der Fahrzeuge ab, die er vor eineinhalb Jahren im Design-Center in Sindelfingen präsentiert hat. Nach der Rücknahme des Ziels, vom Jahr 2030 an möglichst nur noch vollelektrische Fahrzeuge zu verkaufen, und der gescheiterten Luxusstrategie müssen die Fahrzeuge ein Erfolg werden, wenn der Druck auf den Chef des Stuttgarter Traditionsunternehmens nicht weiter zunehmen soll. Schließlich sank der globale Absatz von Mercedes seit 2021 um 13 Prozent oder 254.000 Autos auf 1,8 Millionen Fahrzeuge im Jahr 2025.Mehr als ehrgeizig erscheinen vor dem Hintergrund dieser Zahlen die mittelfristigen Ziele, die sich Mercedes bis 2030 gesetzt hat: Der weltweite Absatz soll wieder auf zwei Millionen Fahrzeuge steigen, die operative Umsatzrendite (EBIT) stabil zwischen acht und zehn Prozent liegen und der Anteil von Luxusautos wie der S-Klasse sich bei 15 Prozent einpendeln. Das „Produktfeuerwerk“ muss also zünden.Erfolgsmeldungen gelten erst mal nur für EuropaMit den ersten Monaten der Offensive ist Mercedes nicht unzufrieden. Die Auftragsbücher für die Modelle CLA, GLC und GLB sind bis weit in die zweite Jahreshälfte 2026 gefüllt, heißt es in der Zentrale von Mercedes in Stuttgart-Untertürkheim. Die Erfolgsmeldungen gelten allerdings nur für Europa, dort verkaufte der Hersteller in der ersten Jahreshälfte rund fünf Prozent mehr Autos als im Vorjahreszeitraum.Das Schicksal von Ola Källenius und die Frage, ob Mercedes die Kehrtwende schafft, entscheidet sich aber in China. Die Volksrepublik steht für ein Viertel des Gesamtabsatzes. Und dort gingen die Verkäufe seit 2021 um 28 Prozent zurück. Der Nimbus, dass deutsche Hersteller die besten Autos der Welt herstellen, gilt im größten Automarkt der Welt schon lange nicht mehr – auch nicht für den Stuttgarter Traditionskonzern. Die chinesischen Wettbewerber bauen qualitativ gleichwertige, aber vor allem günstigere elektrisch und autonom fahrende Autos.„Wir planen aber auch hier ein Produktfeuerwerk, mit dem wir perspektivisch wachsen können“, sagte Källenius im Februar der „Neuen Zürcher Zeitung“ und wies darauf hin, dass der Hersteller seine Kapazitäten in China sogar ausgebaut habe. Vor allem auf die erneuerte S-Klasse setzen die Stuttgarter in der Volksrepublik. Dazu kommen extra für den chinesischen Markt entwickelte und oft mit längerem Radstand ausgestattete Versionen der C-Klasse und E-Klasse sowie des GLC und GLE. Doch auch den Mercedes-Chef lässt die aktuelle Entwicklung in der Volksrepublik nicht unbeeindruckt. „Der Gesamtmarkt in China ist am Sinken, deshalb sind wir vorsichtig, was die Prognosen angeht“, erläuterte Källenius am Dienstag. „Wir nehmen da eine abwartende Position ein.“Kompaktsegment ist für Mercedes in China nur ein NischengeschäftWie schwer es für Mercedes in China wird, zeigt aber die Tatsache, dass der Hersteller die Produktion der extra für chinesische Käufer konzipierten Langversion des Modells CLA gerade vorübergehend ausgesetzt hat. Als offiziellen Grund nennt das Unternehmen den Umbau der Produktionslinie für eine Variante mit Verbrenner. Ein Grund sind offenbar aber auch die niedrigen Stückzahlen der elektrischen Version, seit Januar soll Mercedes gerade einmal 627 Einheiten verkauft haben. „Gestoppt haben wir die Produktion des CLA in China nicht“, sagte Källenius am Dienstag. „Aber das Modell ist dort für uns ganz klar nur ein Nischenprodukt, bei dem Wettbewerb ist es für uns nicht sinnvoll, Marktanteile mit Cash zu kaufen.“Der Wettbewerbsdruck auf deutsche Premiumhersteller im chinesischen Markt wird nach Ansicht von Daniel Schwarz, Automobilanalyst beim Bankhaus Metzler, in Zukunft sogar noch zunehmen. „Mercedes und BMW sind in einer schwierigen Position: China ist ein wesentlicher Anteil der Absätze, und es gibt lokale Werke – zu wichtig, um es aufzugeben. Aber der Druck wird auf absehbare Zeit nicht abnehmen, selbst mit neuen Modellen“, sagte Schwarz im Gespräch mit der F.A.Z. „Volkswagen passt seine Strategie an: ‚In China for China‘, mit lokal entwickelten Modellen nur für China. Aber das ist bei Premiummarken schwieriger. Modelle wie die S-Klasse sind globale Produkte, rein chinesische Produkte würden die Marke verwässern.“Noch skeptischer ist Schwarz im Hinblick auf die mittelfristigen Ziele von Mercedes. „China ist deutlich stärker eingebrochen als erwartet. Dazu kommt der europäische Markt zunehmend unter Druck durch chinesische Importe“, erläutert Schwarz. „Insofern glaube ich, dass alle Hersteller mit größerem China- und Europageschäft ihre Strategie, Kosten und Produkte anpassen müssen.“ Aktuell hat Mercedes wegen der immer schwieriger werdenden Situation in China erst einmal die Jahresprognose für Absatz und Konzernumsatz angepasst. Sowohl die Erlöse als auch die Verkäufe werden aller Voraussicht nach 2026 nicht auf Vorjahresniveau, sondern darunter liegen.
Mercedes-Benz: Wann zündet Ola Källenius’ Modelloffensive?
Die angekündigte Modelloffensive, mit der die Premiummarke die Krise hinter sich lassen will, hat Umsatz- und Gewinnrückgänge nicht gestoppt. Vorstandschef Ola Källenius verweist auf das Jahr 2027 und bittet um Geduld.










