Der Radfahrer auf seinem hellgrünen Bike mit voll geladenem Korb umfährt den mit Absperrhütchen blockierten Radweg, weicht auf den Gehweg aus und kommt neben der laut dröhnenden Maschine zum Stehen. Andreas Kornes in seiner knallorangenen Latzhose dreht dem Ungetüm den Saft ab, nimmt die Lärmschutz-Kopfhörer ab – und holt sich vom Radler ein Lob ab, das Bauarbeiter in der von Baustellen übersäten Landeshauptstadt wohl nicht allzu oft zu hören bekommen. „Was Sie hier tun, ist wirklich toll“, sagt der Mann auf dem Fahrrad. „Endlich holpert es nicht mehr so.“Andreas Kornes ist an diesem Nachmittag in Hadern auf der Würmtalstraße unterwegs – und der gelernte Wirtschaftsmathematiker hat einen Auftrag: die Radwege in München ein wenig sicherer und die Fahrt für Radfahrer komfortabler zu machen. Und das mit so wenig finanziellem Aufwand wie möglich, denn die Haushaltslage der Stadt ist prekär – und der Umbau der Verkehrsinfrastruktur verschlingt viel Geld. Große Verkehrsprojekte wie die Neugestaltung der Lindwurmstraße, der Boschetsrieder Straße oder des Giesinger Bergs gehen in die Millionen.Dagegen muten die Summen, die über das Bürgerbeteiligungsprojekt „München Budget“ zur Verfügung gestellt werden, wie Peanuts an. Zum ersten Mal konnten die Münchnerinnen und Münchner im vergangenen Jahr Vorschläge einreichen, für welche Projekte insgesamt eine Million Euro verwendet werden sollen. Heraus kamen dabei Ideen wie die Pflanzung öffentlicher Obstbäume, mehr begrünte Sitzflächen, ein Skatepark in Haidhausen oder ein barrierefreier Zugang am S-Bahnhof Johanneskirchen. Und ein Vorschlag, der es unter die Top 20 und damit in den Kreis der förderfähigen Projekte geschafft hat: glatte Bordsteinkanten für Fahrradwege bei Kreuzungen.Und mit dem Abschleifen von Bordsteinkanten kennt sich die Kornes GmbH aus Eutenhausen im Unterallgäu aus. Der Familienbetrieb, in dem Andreas Kornes, seine Eltern und vier weitere Mitarbeiter beschäftigt sind, hat sich auf Bordsteinbearbeitung spezialisiert. Firmengründer Alois Kornes hat sogar eine Maschine konstruiert, für deren Entwicklung er ein Patent erhalten hat – das mittlerweile aber abgelaufen sei, sagt Sohn Andreas an der Kreuzung der Würmtal- mit der Schloss-Prunn-Straße.Nur wenige Minuten dauert der Schneidevorgang. Kostenpunkt pro Bordsteinkante: 300 Euro. Catherina HessGenau dort bearbeitet er gerade den letzten Bordstein an diesem arbeitsreichen Tag, der ihn und seine Mitarbeiter durch die ganze Stadt geführt hat. Das Baureferat der Landeshauptstadt hat die Firma Kornes beauftragt, an insgesamt 25 Stellen im Stadtgebiet Bordsteinkanten abzuflachen. Mit zwei Kolonnen ist das mittelständische Unternehmen an manchen Tagen unterwegs. Und zum Einsatz kommt immer die Konstruktion des Firmengründers: eine ehemalige Fugenmaschine, die zum Bordsteinschneider umfunktioniert und im Laufe der Jahrzehnte immer weiter optimiert worden ist.Mit einer Spraydose markiert Kornes den Bereich der Bordsteinkante, der abgeflacht werden soll. Dann misst er mit einem eigens zugeschnittenen Holzstab die optimale Position des Sägeblatts aus. „Das ist in der Höhe, aber auch in der Neigung verstellbar“, erläuter Kornes. Passt die Position des Sägeblatts, beginnt er mit dem eigentlichen Schneidevorgang, der einen Höllenlärm verursacht – unter ständiger Wasserberieselung aus einem Schlauch aber kaum Staub aufwirbelt. Nach wenigen Minuten ist der Vorgang abgeschlossen, mit einem Gummihammer entfernt Kornes die Abschnitte, zurück bleibt eine makellose, glatte Kante.„Das ist ein sehr wichtiges Projekt, bei dem mit geringem Aufwand spürbare Verbesserungen für den Komfort und die Sicherheit der Radfahrenden erreicht werden können“, sagt Holger Quick vom Radentscheid München. Und es sei ein „wunderbares Beispiel“, wie die Zusammenarbeit zwischen dem Baureferat und der Community der Radfahrer ablaufen könne, so Quick. Denn es seien insbesondere Radler gewesen, die Stellen identifiziert und gesammelt hätten, die für das Projekt infrage gekommen seien – in der Gotthardstraße in Laim, der Waisenhausstraße in Neuhausen, der Knorrstraße in Milbertshofen. Aber auch auf Münchens Prachtmeilen wie der Prinzregenten- und der Maximilianstraße.Dabei ist Bordsteinkante aber nicht gleich Bordsteinkante – und Radweg auch nicht gleich Radweg. Bei getrennt verlaufenden Fuß- und Radwegen sei das Absenken kein Problem, erläutert Krones. Bei einem gemischten Fuß- und Radweg, also einer Spur, die sich beide Verkehrsarten teilen, dürften die Bordsteinkanten an den Kreuzungen aber nicht abgeflacht werden. „Wegen der Barrierefreiheit für Menschen mit Sehbehinderung“, sagt der Unternehmer. „Für diese Menschen muss eine taktile Kante bleiben.“Insgesamt setzt das Baureferat aus dem Projekt „München Budget“ 100 000 Euro für das Abschleifen der Bordsteinkanten ein. Keine große Summe im Vergleich zu anderen Infrastrukturvorhaben. Aber doch wirkungsvoll angesichts der geringen Kosten. Etwa 300 Euro koste das Abflachen einer einzelnen Bordsteinkante, sagt Krones – für die etwa 80 Kanten, die er in dem ersten Auftrag des Baureferats bearbeitet, veranschlagt er etwas mehr als 20 000 Euro. Bis Ende des Jahres, teilt das Baureferat mit, könnten also noch weitere geeignete Stellen bearbeitet werden. „Da kann man schon noch einige Bordsteinkanten abschleifen“, sagt Radentscheid-Vertreter Quick.
München: Bordsteinkanten an Radwegen werden dank Bürgerbudget abgesenkt
In München werden Bordsteinkanten an Radwegen mit Mitteln aus dem Bürgerbudget abgeflacht, um die Sicherheit und den Komfort für Radfahrer zu verbessern.






