Der andere Blick«So kurz vor den Wahlen . . .»: Nach dem Anschlag auf den CSD kursieren Verschwörungstheorien. Das ist verstörendPlötzlich sind Russland, die AfD oder Israel am islamistischen Anschlag in Berlin schuld: Wenn die Realität nicht zum Weltbild passt, wird sie eben umgebogen.28.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenTrauer nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day.Christoph Soeder / DPASie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Len Sander, Redaktor NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Begriff der Verschwörungstheorie ist ein zweischneidiges Schwert: Er lässt sich leicht missbrauchen, um berechtigte Kritik zu entwerten. Gleichwohl hat er einen wahren Kern.Das liess sich an den unmittelbaren Reaktionen auf den Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin am Wochenende beobachten. Zuerst dominierte der Schreck über die blutige Tat, die Sorge um mögliche weitere Angriffe. Ziemlich schnell wurde klar, dass der Täter und der Tathergang auf ein islamistisches Motiv schliessen liessen.Wackelige KonstrukteUnd dann setzte bei manchen Publizisten der Gedanke an eine Verschwörung ein: «So kurz vor den Wahlen . . .», munkelten sie. Der Influencer Dara Marc Sasmaz, der der Linkspartei nahesteht, sagte etwa in einem Video: «Natürlich, ganz zufällig, passiert das fast genau drei Monate vor den Landtagswahlen in Berlin.» Auch die salafistische Influencerin Hanna Hansen schrieb auf X: «Inside Job? CSD . . . sind ja bald Wahlen» und teilte einen Beitrag, der Israel die Verantwortung zuschob. Belege dafür gibt es natürlich keine.Gemäss dieser Logik drängt sich derjenige Akteur als mittelbar Verantwortlicher einer solchen Tat auf, der von ihr profitiert. «Cui bono?» – «Wem nützt es?» – ist nicht umsonst das Mantra aller Verschwörungstheoretiker. In diesem Fall sind es eben die AfD oder der russische Geheimdienst als ihr Beförderer, die hinter der Bluttat stecken.Was hier passierte, könnte man in Anlehnung an Sigmund Freud ein Scheitern der Realitätsprüfung nennen. Weil die reale Tat nicht mit dem empfundenen Bedrohungsszenario zusammenpasste, deutete man die Wirklichkeit eben nach den eigenen Vorstellungen um.So musste Russland einspringen und im Hintergrund die Fäden ziehen, um das wackelige Konstrukt zusammenzuhalten. Verschwörungstheoretiker jeglicher Couleur sortieren die Welt von einem Ergebnis her, das sie bereits zu kennen glauben.Den Weltschmerz wegerklärenAugen öffnend sind die Momente, in denen die verschwörerische Logik für einen Moment aufbricht. Eine Musikerin namens Nyya sprach an einer Trauerkundgebung davon, sie habe für einen Moment gehofft, eine «weisse, christliche Person» habe den Anschlag verübt. Ein Videoclip der Rede ging viral. Entgegen den bösartigeren Deutungen sprach sie offen aus, was sicherlich viele in ihrem Milieu dachten: Sie hätte sich gewünscht, dass ihr Weltbild und die äussere Realität sich decken.Denn die Diskrepanz zwischen Innen und Aussen erzeugt Schmerz und Verwirrung. Der Verschwörungstheoretiker muss sich diesem Schmerz nicht aussetzen, weil er meint, ein esoterisches Wissen über die geheimen Vorgänge hinter den Dingen zu besitzen. Das verschafft ihm das Gefühl von Kontrolle und Besonderheit.Natürlich ist der Hang zum Verschwörungsdenken kein exklusives Merkmal der politischen Linken oder der Islamisten, vielmehr überschreitet es Lagergrenzen. Die rechte Publizistin Anabel Schunke schrieb mit erfrischender Ehrlichkeit auf X, dass man die Tat in ihrem eigenen politischen Spektrum wohl genauso abenteuerlich wegerklärt hätte, wäre der Täter ein Rechtsextremer gewesen und hätte sich somit nicht mit der eigenen Vorstellung gedeckt.Verstörend ist, wie allgegenwärtig das verschwörungstheoretische Weltbild geworden ist. Es entspringt der vorgefassten Idee, nicht der Welt. Und es neigt dazu, undurchlässig zu werden. Wenn die Wirklichkeit dann nicht passt, wird sie einfach umgebogen. Wer sich aber gegen die Realität abdichtet, kann sie auch nicht zum Besseren wenden.Passend zum Artikel
«So kurz vor den Wahlen...»: Nach dem Anschlag auf den CSD kursieren Verschwörungstheorien. Das ist verstörend
Plötzlich sind Russland, die AfD oder Israel am islamistischen Anschlag in Berlin schuld: Wenn die Realität nicht zum Weltbild passt, wird sie eben umgebogen.










