„Haltung ist hot“ war die Meldung überschrieben, die die Deutsche Presse-Agentur am vergangenen Samstag um 22.22 Uhr über den Christopher Street Day in Berlin absetzte. „Hunderttausende Menschen“ feierten in der Hauptstadt, die Polizei teile mit, „es gebe keine besonderen Vorkommnisse oder Störungen“.Wie tragisch falsch diese Einschätzung war, deutete die Agenturmeldung an, die 16 Minuten später folgte: Der Christopher Street Day in Berlin sei abgebrochen worden, es gebe „eine Polizeilage mit mehreren verletzten Personen“. Sechs Minuten darauf verkündete Agence France-Presse (AFP): „Möglicherweise Auto in Menge gefahren“. „Auto verletzt mehrere Menschen“, hieß es um 23.18 Uhr bei der dpa, bei der AFP war wenig später davon die Rede, es habe bei einem „Auto-Vorfall am Rande“ des CSD mindestens einen Toten gegeben.Von einem „Vorfall“ ist bis Mitternacht die Rede, von da an schalten die Nachrichtentexte darauf um, dass es hier um einen gezielten Mordanschlag geht, die Verurteilung der Tat durch den Berliner Bürgermeister Kai Wegner liefert eine erste Einschätzung. Der Christopher Street Day war da längst abgesagt. Gegen 22 Uhr war der islamistische Attentäter Abdul Ballout mit einem gemieteten Kleintransporter auf dem Fußweg des Ahornsteigs im Großen Tiergarten in die Menschenmenge gefahren, war ausgestiegen und hatte Menschen mit einer Machete angegriffen. Eine Frau verletzte er tödlich, 29 weitere zum Teil lebensgefährlich. Er entkam, am darauffolgenden Sonntag wurde er von der Polizei in einer Laubenkolonie in Berlin-Spandau gestellt und beim Zugriff erschossen.Der abgekürzte Nachname: „Abdul B.“Wie Medien über einen solchen Terrorakt berichten, wie sie ihn sprachlich fassen und einordnen oder einordnen lassen, hat sich Luise Evers für die „Berliner Zeitung“ angesehen und festgestellt, dass die „Weltpresse“ mit dem Berliner Attentäter „ringt“. Gemeint sind die unterschiedlichen Zuschreibungen. Die „New York Times“ berichtete früh von einem Terrorverdacht, die „Jerusalem Post“ über den mutmaßlich islamistischen Hintergrund des Verdächtigen, BBC und Al Jazeera hätten den Begriff „Terrorismus“ vermieden. Den Usus deutscher Medien, einen Verdächtigen nur mit abgekürztem Nachnamen zu nennen – „Abdul B.“ –, hätten internationale Medien übernommen, wobei die „New York Times“ auf diese Eigentümlichkeit eigens hinwies, die einem angesichts der bald ausgelösten Öffentlichkeitsfahndung mitnichten einleuchtet.Die Beobachtung der „Berliner Zeitung“ ist nicht falsch und ausgewogener formuliert, als es das „ringt“ in der Überschrift andeutet. Doch sie erfolgte reichlich früh – am Sonntagmorgen um 9.44 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt taten Journalisten – wie stets – gut daran, vorsichtig zu formulieren und nicht mehr zu „berichten“, als sie tatsächlich wissen. Von ihnen hängt nicht unwesentlich ab, welche Tendenz die öffentliche Reaktion annimmt.Bei dieser wiederum frappiert, wie schwer es manchen fällt, von „Islamismus“ zu sprechen; wie schnell davon die Rede ist, ein solcher Anschlag dürfe nicht „politisch instrumentalisiert“ werden; wie flugs allgemeine politische Forderungen damit verbunden werden und die Frage, warum schon wieder ein den Sicherheitsbehörden bekannter islamistischer Gefährder – den das Amtsgericht Tiergarten Anfang Mai zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt, aber auf „Vorbewährung“ entlassen hatte – einen solchen Anschlag verüben konnte und wie sich unsere Gesellschaft vor Extremisten dieser Art schützt. Es beginnt damit, das Problem beim Namen zu nennen: Hass auf queere Menschen, Hass auf die freie Gesellschaft, Islamismus, Terror. Dass es kein „Vorfall“ war, wissen wir jetzt schließlich.