Fast ein halbes Jahrhundert lang provozierte der Mediziner Gunther von Hagens heftige ethische Debatten. 1977 hatte von Hagens in einer Heidelberger Garage ein neuartiges Verfahren zur Konservierung von Leichen erfunden – die sogenannte Plastination. Der Pathologe konnte damit tote Menschen und Tiere in ihrer anatomischen Komplexität zu Ausstellungsstücken machen.Das Plastinationsverfahren war so einfach wie genial: Von Hagens entzog den toten Körpern Wasser und Fett und präparierte und konservierte sie durch Silikoninjektionen. 1992 gelang ihm das erste Ganzkörperplastinat eines Menschen. Seine Kritiker warfen ihm eine „asoziale, repressive Entsublimierung“ des menschlichen Körpers für kommerzielle Zwecke vor. Von Hagens hingegen billigte den toten Körpern nur einen „Achtungsanspruch“ zu: Seine Plastinate seien ein Beitrag zur „Demokratisierung der Anatomie“ und eine „ehrliche Auseinandersetzung“ mit dem Tod. „Ich kratze am Alleinvertretungsanspruch der Kirche für den toten Körper“, sagte der bekennende Atheist in einem Interview.Er wollte der Nachwelt als Ganzkörperplastinat erhalten bleibenFür seine großen Ausstellungen arrangierte der Arzt tote, menschliche Körper auf Kutschen oder beim Geschlechtsverkehr. Sein größtes Objekt war ein indischer Elefant. Die „Körperwelten“ genannten Ausstellungen zogen Menschen in vielen Ländern der Erde an. Mehr als zehn Millionen besuchten die Ausstellungen – in London, Seoul, Köln, Berlin, Brüssel und Basel. Von Hagens war auch unternehmerisch erfolgreich, 2006 baute er im brandenburgischen Guben für 30 Millionen Euro ein großes Plastinations-Labor auf. Die Ansiedlung in Polen war zuvor am Widerstand der katholischen Kirche gescheitert.In dem heute polnischen Ort Skalmierzyce wurde er am 10. Januar 1945 als Sohn eines deutschen Mühlenbesitzers geboren. Die Mutter flüchtete kurz vor dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus mit dem Säugling nach Greiz in Thüringen. Wegen einer Bluterkrankung hatte von Hagens früh den Wunsch, Mediziner zu werden. Als junger Mann engagierte er sich als FDJ-Funktionär, bis er 1968 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings zum Oppositionellen wurde. Bei einem Fluchtversuch aus der DDR wurde er gefasst, inhaftiert und schließlich von der Bundesregierung freigekauft, sodass er sein Medizinstudium in Heidelberg fortsetzen konnte.2008 erkrankte von Hagens an Morbus Parkinson. Zu Lebzeiten hatte er angekündigt, dass er der Nachwelt als Ganzkörperplastinat erhalten bleiben wolle. Damit würde er auch einen Teil seiner Krankheitsgeschichte sichtbar machen. Denn in dem Plastinat wird der Gehirnschrittmacher, den er als Parkinson-Patient bekam, wohl zu sehen sein. Am Freitag starb von Hagens im Alter von 81 Jahren in Heidelberg.