Dr. Tod ist tot und wird als Plastinat der Nachwelt auf Dauer erhalten bleiben. Der Körper des Arztes, Anatoms und Präparators Gunther von Hagens werde, wie von ihm gewünscht, konserviert und für anatomische Zwecke oder Ausstellungen bereitgestellt, teilte seine Familie mit. Am vergangenen Freitag ist der umstrittene Mediziner im Alter von 81 Jahren in Heidelberg gestorben, wie jetzt bekannt wurde. Seit 2008 litt er an der Parkinson-Krankheit.Gunther von Hagens, 1945 südlich von Posen im heutigen Polen geboren, wuchs größtenteils in Thüringen auf. Er studierte zunächst in Jena und von 1970 an, nachdem er nach einem Fluchtversuch aus der DDR von der Bundesrepublik aus der Haft freigekauft worden war, in Lübeck Medizin. Anschließend war er als Assistenzarzt auf Helgoland und an der Universitätsklinik Heidelberg tätig. Dort entwickelte er die Technik der Plastination, um Körpergewebe dauerhaft zu konservieren. Seine Ausstellungen unter dem Titel „Körperwelten“, die seit Mitte der 1990er Jahre auf allen Kontinenten stattfanden, hatten enormen Erfolg und wurden von Dutzenden Millionen Besuchern gesehen.Hagens, der fast immer mit einem breitkrempigen schwarzen Hut auftrat, entfachte eine zuvor nie dagewesene Neugier auf den toten Körper. Wie viel der Publikumsandrang auf Show, Voyeurismus oder tatsächliches Interesse an der Anatomie zurückzuführen war, lässt sich nicht klären. Die Zurschaustellung von Leichnamen im öffentlichen Raum führte jedenfalls regelmäßig zu heftigen Debatten, was auch daran lag, dass Hagens immer wieder Exponate präsentierte, die eher die Sensationslust zu befriedigen als der Aufklärung zu dienen schienen.Leichen als kopulierendes Paar („Der schwebende Akt“), eine schwangere Frau mit geöffneter Gebärmutter und der „Reiter auf dem Pferd“, bei dem ein Mann mit erhobener Hirnhälfte gemeinsam mit einem Tier präpariert wurde, hinterließen mehr Fragen als Antworten: Wo verläuft die Grenze zwischen Wissenschaft und Inszenierung, wird mit der Ausstellung der Leichname die Menschenwürde verletzt und hat die gezeigte Schwangere tatsächlich zu Lebzeiten eine Einwilligung – auch für ihr ungeborenes Kind – gegeben, um nach dem Tod auf diese Weise ausgestellt zu werden? Die ordnungsgemäße Herkunft der Leichen wurde angezweifelt, Hagens enge Kontakte zu China und Russland verstärkten die Skepsis. Auf dem Höhepunkt der Empörung widmete der Spiegel den Geschäften des exzentrischen „Dr. Tod“ 2004 eine Titelgeschichte. Zuverlässig protestierten vor jeder Ausstellungseröffnung Vertreter von Ethik, Moral und Religion – und die Kasse klingelte.Körperflüssigkeiten und lösliche Fette wurden bei der Plastination durch Epoxidharz und andere Kunststoffe ersetztDer Skandal war in den ersten Jahren zwar inbegriffen, wenn der Körperwelten-Zirkus in einer Stadt gastierte, aber Hagens ist es unzweifelhaft zu verdanken, dass der Tod, zumindest der mit Plaste und Elaste präparierte tote Körper, gesellschaftsfähig wurde. Anatomische Präparate waren zuvor in medizinhistorischen Museen verstaubt, in die sich nur wenige Besucher verirrten. Dort wirkten sie wie ein exotisch-fremdes Gruselkabinett aus fernen Zeiten, in denen sie zwar einst wichtige Lehrmaterialien waren, aber längst ihre Bedeutung eingebüßt hatten. Optisch wie haptisch zeigte sich in diesen Ausstellungsstücken Verwesung und Vergänglichkeit; man schien das verwelkende Fleisch und die stechenden Gerüche nach Tod oder Formalin in den alten anatomischen Museen gleichsam noch riechen zu können.Hagens bediente sich hingegen entscheidender Kunstgriffe, um dem Publikum den Zugang zu seiner Leichenschau zu erleichtern und die Konfrontation mit Tod und fleischlichem Verfall zu umgehen. Körperflüssigkeiten und lösliche Fette wurden durch Epoxidharz und andere Kunststoffe ersetzt. In Hagens’ Ausstellungen erschienen die Präparate anschließend makellos und künstlich und hatten außer der äußeren Form nichts mehr an sich, was an Stoffwechsel und die Prozesse des Lebens und Vergehens hätte erinnern können. Ekel oder Grusel konnte man hier kaum noch empfinden. Dafür waren die Präparate zu sehr auf Hochglanz poliert und wurden in ikonischen Posen oder Alltagssituationen präsentiert. Der menschliche Körper hatte jetzt, im Tod, nur noch wenig Menschliches an sich und zeigte sich so glatt und transparent wie ein Glasbaustein.Nun ist auch der Schöpfer dieser Körperschauen den Weg allen Irdischen gegangen. Möge er zu Erde, Asche – oder eben Plastik – werden, so wie er es sich gewünscht hat.
„Körperwelten“-Erfinder Gunther von Hagens ist tot und wird zum Plastinat werden
Der Erfinder des Verfahrens der Plastination von Leichen und der umstrittenen Ausstellung „Körperwelten“ ist im Alter von 81 Jahren gestorben.











