Der Termin sollte, wieder einmal, einen Neustart ermöglichen. Am Montag um 12 Uhr wollte Friedrich Merz die Nachfolge des scheidenden CDU-Generalsekretärs Carsten Linnemann präsentieren. Zuvor waren Präsidium und Bundesvorstand zu Sitzungen eingeladen, jeweils im digitalen Format.Der Neustart wurde, wieder einmal, verpatzt. Der Kanzler erlebte stattdessen ein Scherbengericht. Das Ausmaß der internen Kritik wie die Breite der Kritiker waren enorm, wie es in CDU-Führungskreisen heißt. Die ohnehin ausgeprägte Unzufriedenheit mit dem eigenen Parteichef wurde deutlich, und manifestierte sich über Merz’ Personal-Missmanagement seit dem Rücktritt von Fraktionschef Jens Spahn am vorvergangenen Wochenende. Frust in Rheinland-Pfalz Besonders groß ist der Verdruss in Rheinland-Pfalz, also ausgerechnet in einem Land, das die CDU erstmals seit 35 Jahren regiert. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder, jüngerer Bruder des geschassten Verkehrsministers Patrick Schnieder, schilderte die miserable Stimmung an der Parteibasis. Eigene Mitglieder fragten den Landesverband bereits, wie sie vermeiden könnten, dass ihre Parteibeiträge bei der Bundes-CDU landeten. Mancher verstand das sogar als Drohung Schnieders, aus Mainz kein Geld mehr ans Konrad-Adenauer-Haus zu überweisen.Schnieder verwies auch auf Austritte von Mitgliedern – nicht etwa aus inhaltlichen Gründen, sondern wegen Merz’ Umgang mit Verkehrsminister Schnieder. Bereits am Wochenende hatten sich CDU-Politiker hierzu im Tagesspiegel zu Wort gemeldet („Wir verstehen den Kanzler nicht“). Die Mainzer CDU-Landtagsfraktion sagte gar ein Treffen mit Merz ab. Kritik aus der Breite der Partei Doch in den Gremien meldeten sich auch „unverdächtige“ CDU-Politiker zu Wort, die selten bis nie etwas sagen, geschweige denn den Vorsitzenden kritisieren. Nachdem es im Präsidium schon „ziemlich geknallt“ habe, wie es in der Führung heißt, übten im Bundesvorstand etwa Bremens CDU-Chef Heiko Strohmann oder Mechthild Heil, die Vorsitzende der Frauen in der CDU/CSU-Fraktion, Kritik. Gleiches galt für JU-Chef Johannes Winkel, die Bremer CDU-Spitzenkandidatin Wiebke Winter, den CDA-Vorsitzenden Dennis Radtke und den Außenpolitiker Johannes Volkmann.Mal war es der Umgang mit Schnieder, der zu Wort kam, mal das allgemeine Glaubwürdigkeitsproblem des CDU-Chefs. Moniert wurde, Berliner Entscheidungen ließen sich vor Ort nicht erklären, es werde zu wenig kommuniziert. Auf Kritik stieß zudem das insgesamt verunglückte Personalmanagement des Kanzlers.So stellte Merz zwar am Montagmittag die Hamburger Bundestagsabgeordnete Franziska Hoppermann als Generalsekretärin vor. Ihre Nachfolge als Schatzmeisterin aber ist ungeklärt. Vize-Generalsekretärin Christina Stumpp, die gegen Merz und Hoppermann für Johannes Steiniger als Generalsekretär kämpfte, darf im Amt bleiben. Derweil muss – knapp einen Monat vor der Landtagswahl – das einzige CDU-Regierungsmitglied aus Sachsen-Anhalt, Gesundheits-Staatssekretär Tino Sorge, gehen. Der Verdruss bei Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) soll groß sein. „Merz’ absurde Realitätsverweigerung“ „Das Feedback gegenüber dem Kanzler war universell kritisch“, heißt es aus Teilnehmerkreisen. Die Kritik komme aus Nord, Ost und West, aus dem Sozialflügel und der Jungen Union. „Der Bundeskanzler hat ein Glaubwürdigkeitsdefizit“ – so heißt es im CDU-Bundesvorstand. Bei Merz sei eine „absurde Realitätsverweigerung“ spürbar. Merz erkenne nicht, „wie ernst es für ihn ist“, wie viel Vertrauen er bei den eigenen Leuten verloren habe.Verteidigt worden sei Merz eigentlich nur von Linnemann, dem designierten Gesundheitsminister, und Vize-Generalsekretärin Stumpp. Linnemann habe pflichtgemäß gesagt, in diesen schwierigen Zeiten sei Geschlossenheit erforderlich. Ansonsten Schweigen, eine besondere Form der Entsolidarisierung.Hoppermann, die künftige Generalsekretärin, muss die CDU nun durch drei schwierige Landtagswahlen bugsieren. Es sei ein anstrengender Job, der da auf sie zukomme, heißt es in Führungskreisen. Schlüsselfrage werde, sagt einer: „Hat Hoppermann den Mut, Merz die Wahrheit zu sagen?“ Diese Kraft habe Linnemann zuletzt gefehlt.Derweil wird in der CDU weiter gegrübelt, warum Schnieder gehen muss. „Ein Grund wurde uns nicht genannt“, sagt einer aus dem Bundesvorstand. Eine Theorie, die in der CDU öfter zu hören ist: Patrick Schnieder hatte im letzten Herbst die Zweckentfremdung des Sondervermögens kritisiert. Die Entlassung sei nun, heißt es, „Merz’ Retourkutsche“.
Ärger und Frust in der CDU-Spitze: „Der Kanzler hat ein Glaubwürdigkeitsdefizit“
In den CDU-Spitzengremien erlebt der Bundeskanzler eine Art Abrechnung. Der Frust an der Parteibasis ist groß. Nur noch der scheidende Generalsekretär Linnemann und seine Vize verteidigen Merz.













