Der andere Blickvon Susanne Gaschke, BerlinHorrorsommer für Merz: Der deutsche Kanzler bringt seine Partei gegen sich auf. Daran ist er selber schuldKanzler Merz unterlaufen ständig handwerkliche Fehler. Das zeigte die jüngste Kabinettsumbildung. Gleichzeitig nimmt er Rücksicht auf Leute, die sowieso nichts von ihm halten. Das kann nicht gutgehen.28.07.2026, 17.51 Uhr4 LeseminutenFriedrich Merz ist seit Mai 2025 deutscher Bundeskanzler.Juliane Sonntag/ ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Susanne Gaschke, Autorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es hätte ein Sommer der Hoffnung werden sollen – aber plötzlich finden sich die deutschen Christlichdemokraten in einem Sommer des Grauens wieder.Wie konnte es so weit kommen, dass manche Christlichdemokraten hinter (gerade eben noch) vorgehaltener Hand spekulieren, ob ihr Bundeskanzler und Parteivorsitzender Friedrich Merz zu Weihnachten noch im Amt ist? Dass CDU-Minifürsten wie Heiko Strohmann aus dem Stadtstaat Bremen ihren Chef mit den Worten kritisieren, er leite keine Firma, sondern eine Partei?Dass der CDU-Landesverband Rheinland-Pfalz sich aufführt, wie man es sonst nur von wild gewordenen Jungsozialisten kennt? Dass schädlichste Kritik am Parteichef nicht in vertraulich tagenden Gremien bleibt, sondern unverzüglich an die Öffentlichkeit gelangt?Geht die früher so disziplinierte, ja autoritätsfixierte CDU den gleichen destruktiven Weg, der schon die SPD in Existenzgefahr gebracht hat? Zerstört der antiautoritäre Zeitgeist Parteien von innen? Oder liegt es doch vor allem an Friedrich Merz?Anfang Juli hatte es so ausgesehen, als sei der Reformkompromiss bei Rente, Steuern und Sozialstaatsfinanzierung eine Art Erfolg – eben das, was die Union mit einer immer verzweifelteren SPD erreichen konnte.Der Kanzler sabotiert sich selbstTrotzdem scheint sich Friedrich Merz auf fast zwanghafte Weise immer wieder selbst zu sabotieren. Sogar langjährige Beobachter und wohlgesinnte Weggefährten finden keine rechte Erklärung dafür.Die jüngste Runde der Selbstbeschädigung begann mit der Causa Leihmutterschaft. Diese ist in Deutschland verboten. Dass das in den USA bestellte Baby des Ehepaars Spahn deshalb zu – berechtigter – Empörung führen würde, musste jedem echten CDU-Mann sofort klar sein.Aber Merz forderte den Fraktionsvorsitzenden nicht augenblicklich und mit wertebasierter Begründung zum Rückzug auf – sondern wartete, bis die Wellen öffentlich hoch genug schlugen. Womöglich auch, weil er zunächst den Vorwurf der Homophobie fürchtete, den er schon früher auf sich gezogen hatte?Weiter ging es in den vergangenen Tagen mit einer schlecht vorbereiteten Personalrochade, die zusätzliche Probleme schuf. Gegen Thorsten Frei als Nachfolger des zurückgetretenen Jens Spahn an der Fraktionsspitze werden vielleicht nicht viele Abgeordnete etwas haben – aber da er ja ohnehin gewählt wird, könnte die Abstimmung eine Gelegenheit bieten, Dampf abzulassen.Und die wird gebraucht: Denn dass der Kanzler aus heiterem Himmel seinen Verkehrsminister Patrick Schnieder loswerden wollte und einen angesehenen Parlamentarischen Staatssekretär entliess, ohne den Betroffenen vorab auch nur zu informieren, war ein einmaliges Stilversagen. Dieses Benehmen wird sich die restbürgerliche CDU lange merken, nicht nur in den Landesverbänden der so schnöde Geschassten.Mit Franziska Hoppermann hat Merz zudem eine unbekannte 44-jährige Parteifunktionärin aus Hamburg zur CDU- Generalsekretärin erkoren, die den «Menschen» in Deutschland laut Instagram «Orientierung und Richtung» zu geben plant. Selbst beim Quotenflügel seiner Partei wird ihm das wenig zusätzliche Punkte bringen.Bei seinen konservativen Anhängern wird es ihm ausdrücklich schaden. Die proporzgetriebene Personalentscheidung nährt ihren Verdacht, dass es Merz eben doch nicht ernsthaft um eine Wende in der christlichdemokratischen Politik geht. Sondern, wie seiner Amtsvorgängerin Merkel, vor allem um den Beifall eines bestimmten, selbst ernannt progressiven Milieus.Sicher: Merz hat es schwerer als Merkel. Die gab beim Regieren zwar ständig und weitgehend kampflos ihren sozialdemokratischen Koalitionsfreunden nach. Aber ihre «rechten» Kritiker zogen sich daraufhin entweder lautlos in die innere Emigration zurück oder traten deprimiert und schweigsam aus der Partei aus.Merz müsste sich mehr trauenWenige, wie der frühere CDU-Politiker Alexander Gauland, beteiligten sich an der Gründung einer neuen Partei – der AfD. Deren Meinung über Merkel hielt die Presse allerdings lange für komplett unerheblich – während viele Journalisten die Kanzlerin mit den Jahren immer inniger liebten. Das war für Merkels Erfolg recht zuträglich.Merz hingegen gilt Linken, Grünen, vielen Sozialdemokraten, nennenswerten Teilen der Presse und sogar manchen eigenen Parteifreunden prinzipiell, und was immer er auch tut, als «Rechter» – und all diese Fortschrittsfreunde haben keinerlei Hemmung, ihre Meinung bei jeder Gelegenheit lautstark zu äussern. Das steht Erfolg eher im Weg.Der Zustand der Bundes-CDU und ihres Kanzlers wird die anstehenden Landtagswahlkämpfe prägen – bis zur offenen Distanzierung mancher Christlichdemokraten von «Berlin». Vielleicht würde es sogar jetzt noch helfen, wenn Friedrich Merz sich entscheiden könnte: Traut er sich, so zu sein, wie seine Feinde es ohnehin glauben? Oder will er doch lieber – erfolglos – jener Vorgängerin nacheifern, deren Politik er ein halbes Leben lang für grundfalsch hielt? Vielleicht ist das aber auch schon längst egal.Passend zum Artikel
Kanzler Merz bringt die CDU gegen sich auf. Daran ist er selber schuld
Kanzler Merz unterlaufen ständig handwerkliche Fehler. Das zeigte die jüngste Kabinettsumbildung. Gleichzeitig nimmt er Rücksicht auf Leute, die sowieso nichts von ihm halten. Das kann nicht gutgehen.










