«Sie war wuchtig, als Frauen zierlich sein sollten, eine Intellektuelle, als Frauen häuslich sein sollten, queer, als sie straight sein sollte» – Deborah Levy über Gertrude SteinSie war genial, überheblich, begabt im Leben und läutete noch vor James Joyce die literarische Moderne ein. Deborah Levy hat der grossen amerikanischen Autorin und Kunstsammlerin Gertrude Stein ein faszinierendes Buch gewidmet.27.07.2026, 10.59 Uhr8 LeseminutenGertrude Stein, die «Mutter der Moderne», mit ihrem Pudel Basket in Paris. Aufnahme aus dem Jahr 1946.Horst P. Horst / Conde Nast / GettyDeborah Levy interessiert sich für die Momente, in denen das Leben aus der Bahn gerät. Momente, in denen eine Biografie abzweigt, eine Person sich neu erfindet. Sie sitzt am Wohnzimmertisch in ihrer Londoner Wohnung, durch das geöffnete Fenster rauscht ein heftiger Frühlingsregen, den man selbst durch die Videokamera hört. «Sollen wir loslegen?», fragt Levy mit ihrer vollen und ein wenig rauen Stimme, die gut zum Ton ihrer Bücher passt. Hinter ihr hängt ein weisses Bild, auf dem das Wort «jouissance» steht. Begehren, Lebenslust, Aufbruch – die grossen Themen in Deborah Levys Schreiben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Überall in Levys Texten begegnet man den Grandes Dames der Kunstwelt. Frauen, die sich von Konventionen, Vätern, Ehemännern oder ganzen Kontinenten trennten, um ihr Leben selbst zu entwerfen. Die Schriftstellerin Marguerite Duras, die Kriegsfotografin Lee Miller, die Tänzerin Pina Bausch – sie alle tauchen in den Büchern der grossen britischen Schriftstellerin Deborah Levy auf, die schon mehrmals auf der Shortlist des Booker-Preises stand und deren Werk man als eine Art Ahnengalerie von Abweichlerinnen bezeichnen könnte.In ihrem neuen Buch «Mein Jahr in Paris mit Gertrude Stein» nimmt Deborah Levy nun eine weitere Abweichlerin in ihr Repertoire auf, wobei man eher von einer Gigantin sprechen müsste. Eine Gigantin, die Levy die Nerven raubt. «My god!», entfährt es ihr, als sie daran zurückdenkt, wie sie in ihrem Pariser Apartment sass und mit Blick auf die Baustelle der Notre-Dame über ihren Zeilen zu Stein brütete. «Gertrude Stein ist eine imposante Person mit einer Präsenz, die erdrückend sein kann.» Manchmal habe Stein ihr regelrecht die Luft abgeschnürt.«Mutter der Moderne»Gertrude Stein ist ein Mythos. Zwar ist sie als «Mutter der Moderne» bekannt, gehört aber gleichzeitig zu den am wenigsten gelesenen Schriftstellern der Moderne. Mehr als der Satz «A rose is a rose is a rose» fällt wohl den wenigsten zu ihr ein. Und auch Levy gibt zu, dass Steins Texte eine Plackerei sein können. «Manche Werke von Gertrude Stein liebe ich, andere Texte machen mich wahnsinnig», sagt sie. Zu viele Wiederholungen, zu viel Experiment. In ihrem Buch schreibt sie von der «Erschöpfung beim Lesen ihrer Prosa», dem «Gefühl, nie zum Kern der Sache vorzudringen.»Warum dann ein ganzes Buch über sie schreiben? «Gertrude Stein lebte ein Leben, wie es Frauen ihrer Zeit eigentlich nicht leben sollten. Sie war keine Hausfrau, sondern eine öffentliche Intellektuelle. Und sie war unfassbar begabt darin, das Leben zu geniessen. Das war es, was mich zu ihr hinzog», sagt Levy. «Gerade in unserer Zeit, einer Zeit der Epstein-Files, der aggressiven Männlichkeit, in der das Wohlergehen von Frauen so wenig zählt, ist Gertrude Stein ein Lichtblick».Die britische Schriftstellerin Deborah Levy. Aufnahme vom Juni 2023, Toulouse.Sophie Bassouls / Sygma / GettyDeborah Levy nahm sich ein Jahr Zeit, um in Paris den Spuren von Gertrude Stein nachzugehen, der Stadt, in der Stein ihre zweite Lebenshälfte verbrachte. Entstanden ist eine Art Protokoll. Levy beschreibt Stein als ambitionierte, bisweilen autoritäre und kuriose Frau, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Ledersandalen und mönchsartigen Gewändern durch Paris schlappte, eine neue literarische Sprache erfand und die grossen Persönlichkeiten ihrer Zeit in den Bann zog. In ihrem Buch schreibt sie: «Sie war wuchtig, als Frauen zierlich sein sollten, eine Intellektuelle, als Frauen häuslich sein sollten, queer, als sie straight sein sollte.»Essay, Fiktion und BiografieObwohl Deborah Levys Jahr mit Gertrude Stein nicht immer lustig war, liest sich ihr Buch federleicht. Levy nähert sich ihrer Protagonistin in einer Mischung aus Essay und Fiktion, skizziert Steins Biografie, serviert Zitathappen und bettet all das in eine fiktive Erzählung, die im Paris der Gegenwart spielt.Die Erzählung beschreibt die Freundschaft dreier Frauen in Paris. «Sechs Augen auf Stein sind besser als zwei», sagt Levy und blickt halb ernst, halb belustigt in die Kamera. Eine von ihnen ist die Erzählerin selbst, die mit ihrem Essay über Gertrude Stein hadert. «Like myself, but not quite myself», wie Levy sagt. Eine Erzählerin also, die ihre Leser auffängt, wenn sich Stein, die Kommata als unterwürfig und Fragezeichen für abstossend hielt, einmal wieder in einen rauschenden Text ohne Interpunktion verabschiedet.Gertrude Stein, 1874 in Pennsylvania geboren, stammte aus einer wohlhabenden deutsch-jüdischen Familie. Zunächst deutete alles auf eine naturwissenschaftliche Laufbahn. Sie studierte als eine der ersten Frauen Biologie und Philosophie, später Medizin und Psychologie. Doch die Medizin langweilte sie, wie sie später sagte. Also brach sie ab und ging nach Paris.Auf der Suche nach einer neuen SpracheAls Gertrude Stein 1903 aus Amerika in Europa ankommt, ist sie 29. «Sie erfand sich komplett neu», sagt Deborah Levy. Voraussetzung war ihre finanzielle Freiheit, aber eben auch der Drang, ihr Leben selbst und neu zu gestalten. Die Wohnung in der 27 Rue de Fleurus, Montparnasse, die sich Stein mit ihrem Bruder Leo Stein teilt, entwickelt sich zu einem Salon für avantgardistische Malerei und Literatur. Kunst, die völlig neu war und den meisten Zeitgenossen bizarr, wenn nicht unsittlich vorkam. Hemingway, Picasso und Matisse gingen bei den Steins ein und aus. Gertrude Stein wurde von Man Ray und Cecil Beaton fotografiert, von Picasso porträtiert. Als sie sich kennenlernten, war sie 31, er 24 und schwer beeindruckt. Levy schreibt: «Das Porträt zeigt sie als denkendes, weibliches Subjekt. Nicht als Leidensmaschine. Nicht als Göttin, nicht als Fussabstreifer.»Gertrude Stein unter dem Porträt, das Picasso von ihr malte. Aufnahme um 1935, Paris.Bettmann / Getty / © ProLitterisNeben ihrer Rolle als Kuratorin und Mäzenin schrieb Gertrude Stein rastlos an Romanen und Gedichten. In Amerika hatte sie dem engeren Kreis des Philosophen und Psychologen William James angehört, dessen Konzept des Bewusstseinsstroms nun in ihr Schreiben floss. Stein schrieb experimentell und liess sich von den avantgardistischen Künstlern, die sich jeden Samstagabend in ihrer Wohnung versammelten, zu «verbal still lifes» und «word paintings» inspirieren. Steins Wortporträt des amerikanischen Bildhauers Jo Davidson klang beispielsweise so: «You know and I know, I know and you know, you know and I know, we know and they know, they know and we know, they know and I know, they know and they know you know and you know I know and I know.»Von Verlegern abgeschmettertEin Grossteil ihrer frühen Texte wurde von den Verlagen abgelehnt. Zwischen 1902 und 1911 schrieb sie «The Making of Americans», den ersten Roman der literarischen Moderne. Bis 1925 fand sie keinen Verlag. Joyce schreibt seinen «Ulysses» erst Jahre später und wurde 1922 sofort veröffentlicht. «Aber das erste epische Werk der Moderne stammte von Gertrude Stein», sagt Levy. «Sie hatte recht mit ihrer Annahme, dass sie als Erste eine neue Sprache gefunden hatte.» Auch wenn Levy Joyce für den begabteren Schreiber hält.Gertrude Stein fühlte sich entmutigt und verspottet, aber sie wusste, dass sie etwas Neuem auf der Spur war. «Stellen Sie sich vor, Sie würden zum allerersten Mal ein kubistisches Gemälde sehen!», sagt Levy. «Wir müssen uns gedanklich in diese Lage versetzen. Stein wusste, wozu sie als Schriftstellerin fähig war und dass jede neue visuelle oder literarische Sprache auf andere zunächst hässlich wirken würde.» Eines Tages, so habe es Stein selbst gesagt, werde ihr Buch zu einem Klassiker und die seltsamen Gemälde, die sie für wenig Geld gekauft habe, würden unbezahlbar.«Sie wollte Ruhm, wie viele Künstler auch. Und sie benutzte jeden, um ihr dabei zu helfen», sagt Levy. Über ihren Bruder sagte Stein einst: «Ich war das Genie, es gab keinen Grund dafür, aber ich war es und er nicht.» Sie war resolut und schlagfertig, manchmal bis ins Überhebliche. Als ihr Verleger Bennett Cerf 1934 in einem Radiointerview sagte: «Ich bin sehr stolz, Ihr Verleger zu sein, Miss Stein, aber wie ich Ihnen schon immer sagte, verstehe ich nicht viel von dem, was Sie sagen wollen», erwiderte Stein: «Bennett, Sie sind ein sehr netter Junge, aber Sie sind etwas dumm.»Alice B. Toklas – die grosse LiebeGertrude Stein gelang, was anderen Geistesmenschen abging: Sie folgte nicht nur ihrem Kopf, sondern auch ihrem Bauch. Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Alice Babette Toklas führte sie ein Leben voller Vergnügen, Liebe, Reisen, Kunst und Gespräche. Anders etwa als Virginia Woolf, die ebenfalls zu den grossen Autoren der literarischen Moderne zählt und Levys Herzensschriftstellerin ist. «Virginia Woolf nahm sich das Leben, das schmerzt mich noch heute», sagt Levy. Auch das Schreiben scheint für Stein fröhliche Erfüllung gewesen zu sein: In «Lifting Belly» (1915–1917) schrieb sie: «Mitten im Schreiben, mitten im Schreiben, liegt die grosse Heiterkeit.»Alice B. Toklas und Gertrude Stein lebten mit zwei gigantischen Pudeln, die beide «Basket» hiessen. Später kam Pepe hinzu, ein kleiner Chihuahua. Während Gertrude Stein schrieb, lag Pepe in ihrem Nacken, der grosse Pudel auf ihren Knien. Den berühmten Descartes-Satz «Ich denke, also bin ich» änderte sie in «I am because my dog knows me» um – «Ich bin, weil mein Hund mich kennt».Grosse Liebe: Gertrude Stein und ihre Lebenspartnerin Alice B. Toklas mit ihrem Pudel Basket. Aufnahme während der deutschen Besatzung Frankreichs (1940-1944).ImagoUnd Alice B. Toklas? Während Gertrude Stein ihre Salons abhielt, kümmerte sich Alice um die Frauen von Steins Gästen. Levy sagt: «Gertrude war das Genie im Haus, nicht die Hausfee.» Sie fragt sich, was es mit der Beziehung der beiden auf sich hatte. «War es der Versuch, eine heterosexuelle Ehe zu replizieren, in der die Ehefrau die Ehefrauen unterhält und der Mann die wichtigen Herren?»Freundschaft mit einem AntisemitenDass Alice schlicht die ergebene Hausfrau war, glaubt Levy nicht. «Alice war definitiv keine milde, unterwürfige Frau. Sie stand im Zentrum des avantgardistischen Lebens. Sie hatte Gertrude fest im Griff. Sie waren sehr verliebt.» Auch in der Literatur sind die beiden eng verschlungen. «The Autobiography of Alice B. Toklas» (1933) ist eine Autobiografie aus Sicht von Alice, als deren Autorin sich Stein erst am Ende zu erkennen gibt. Sie wurde Gertrude Steins erfolgreichstes Buch, sehr zu ihrem Unbehagen. Sie habe sich geschämt, so Levy, weil das Buch so verständlich sei. Warum diese Scheu, verstanden zu werden?«Mein Schreiben ist klar wie ein Sumpf, aber ein Sumpf setzt sich, während klare Bäche versiegen und verschwinden», schrieb Gertrude Stein einst über ihre eigene Arbeit. Deborah Levy sagt: «Manchmal ist es sehr entblössend, verstanden zu werden.» Verstanden zu werden, heisst auch, sich verwundbar zu machen. Auch sei das Innenleben einer Frau zu Steins Zeit als literarisches Sujet nicht ernst genommen worden. «Es herrschte die Idee vor, dass Männer für das Denken zuständig seien und Frauen für das Fühlen. Stein wollte damit brechen.»Die zwei Gesichter der Gertrude Stein, ihre Lebensnähe und ihr zum Teil verstiegenes, überforderndes Schreiben wollen nicht ganz zusammenpassen. Oder sind ihre Sprachexperimente dem Leben am Ende näher, als man meint? Näher an den Menschen, den Sprüngen und ewigen Wiederholungen in ihrem Denken und Sprechen?1940 besetzten die Deutschen Frankreich. Steins Kunstsammlung wurde von den Nazis als entartet eingestuft, blieb aber weitestgehend verschont. Vermutlich auch wegen Gertrude Steins Freundschaft zu Bernard Faÿ, einem Antisemiten und Kollaborateur des Vichy-Regimes. Deborah Levy fragt sich, ob diese Freundschaft aus der Not der Zeit geboren war oder ob Stein vielleicht doch eine Affinität zu Faÿs Ideologie empfunden hatte. «Er hatte ihren tausendseitigen Roman ‹The Making of Americans› ins Französische übersetzt, sie teilten also ästhetische Interessen. Aber es fällt mir schwer, ihre Freundschaft nachzuvollziehen», sagt Levy. Noch so ein Knackpunkt.Während des Krieges mieteten Gertrude und Alice ein Haus auf dem Land. Alice pflanzte Gemüse, und Gertrude tat gar nichts, mit ihrem Pudel auf dem Schoss.Gertrude Stein kehrt nach einer Lese-Reise in den USA nach Paris zurück. Aufnahme aus dem Jahr 1935.Bettmann / GettyDeborah Levy: My Year in Paris with Gertrude Stein. Roman. Penguin-Verlag, London 2026. 240 S., Fr. 36.90. Ab 15. 7. 2026 in deutscher Übersetzung im Aki-Verlag.Dieser Artikel erschien erstmals am 23. 4. 2026 in der NZZ. Bei der vorliegenden Version handelt es sich um eine aktualisierte Fassung.Passend zum Artikel
«Wuchtig, intellektuell, queer» – Deborah Levy über Gertrude Stein
Heute vor 80 Jahren starb Gertrude Stein. Deborah Levy hat der amerikanischen Autorin und Kunstsammlerin ein faszinierendes Buch gewidmet.








