GastkommentarPeter StrasserBrauchen wir noch Sündenböcke? – Warum die Krisentheorie von René Girard heute Konjunktur hatDank dem Tech-Milliardär Peter Thiel, der sich in seiner düsteren Weltsicht auf René Girard (1923–2015) beruft, erhält das Schaffen des Anthropologen neue Aufmerksamkeit. Tatsächlich vermögen dessen Theorien manche Phänomene der Gegenwart gut zu erfassen.27.07.2026, 05.25 Uhr6 LeseminutenDa muss doch jemand schuld sein: Verbrennung von Anna Suter und Agata Huber 1580 in Zürich.Sammlung Johann Jakob Wick / Zentralbibliothek Zürich / WickianaEs geschieht nicht oft, dass ein Akademiker, der für ein Fachpublikum schreibt, zu einer öffentlichen Figur wird – wie der Literaturwissenschafter und Anthropologe René Girard. Vor seinem Tod, 2015, unterrichtete er an der kalifornischen Stanford University. Dort begegnete ihm auch Peter Thiel, heute Trumpist, Multimilliardär, Evangelikaler, Antidemokrat, Apokalyptiker.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Noch immer sieht sich Thiel als «Schüler» Girards – und lenkt so journalistische Schlaglichter auf einen Denker, der sich gegen die Vereinnahmung durch die Maga-Bewegung und ihre potenten Hintermänner nicht mehr zu wehren vermag.In Fachkreisen wurde René Girard aufgrund der These prominent, wonach sich menschliche Gesellschaften konfliktreich formen, indem zwischen ihren Mitgliedern ein «mimetisches Begehren» herrscht. Dieses bewirkt, dass ein soziales Gut, welches zunächst eine Elite definiert, zu einem Nachahmungsfeldzug führt. Indem viele den Besitz des Gutes begehren, entstehen Konflikte, die auf Dauer eine desaströse Unruhe erzeugen.Die Rolle des SündenbocksUnter Girards Beispielen sticht das der Yanomami hervor, eines indigenen Amazonasvolks. Die Männer der Nachbardörfer unterhielten angeblich, laut dem Bericht des Anthropologen Napoleon Chagnon, ein wechselseitiges Gewaltverhältnis. Dabei ging es vornehmlich um den Besitz von Frauen, wobei – die berichteten Details sind fragwürdig – den stärksten Kriegern die meisten Nachkommen zufielen. Es liegt auf der Hand, dass derartige Konflikte die innere soziale Struktur auf Dauer erschüttern.Durch die sozialen Netzwerke wird das mimetische Begehren nach dem «guten Leben» dauerhaft frustriert.Wie kann der gemeinschaftszersetzende Mechanismus des mimetischen Begehrens gestoppt werden? René Girards Antwort, die er mittels mannigfacher Beispiele zu belegen sucht, lautet: durch die Suche nach einem «Sündenbock», der die Schuld am sozialen Unfrieden tragen soll. Auf ihn, der im Übrigen völlig unschuldig sein mag, wird die Ursache für die Zerrüttung der Gemeinschaft «projiziert». Indem man von den eigentlichen Ursachen ablenkt, namentlich durch die Bestrafung oder Tötung des Sündenbocks, entsteht eine Zeitlang Frieden, bis ein neuer mimetischer Konflikt abermals die soziale Einheit gefährdet.Für das Christentum ist René Girards eher «literarische» als völkerkundlich fundierte Rekonstruktion menschlicher Konflikte besonders attraktiv. Denn hier ist der Sündenbock niemand anderes als der Menschheitserlöser selbst. Jesus garantiert, indem er sich als Opfer darbietet, die endgültige Überwindung des mimetischen Begehrens durch das Gebot der unbedingten Nächsten-, ja sogar Feindesliebe (woran später die diversen Formen des Pazifismus anknüpfen).Dazu muss freilich bemerkt werden, dass die Nächstenliebe kein exklusives Gebot des Christentums ist. Dieses Gebot findet sich exemplarisch im Buddhismus und auch im Islam. Dessen «goldene Regel» lautet nach den Worten des Propheten: «Keiner von euch hat den Glauben erlangt, solange ihr für euren Nachbarn nicht liebt, was ihr für euch selbst liebt».Indessen, Friedensworte des Glaubens zur Stilllegung des mimetischen Begehrens sind das eine, der Hass gegen Glaubensfeinde im historischen Kontext der Zwietracht das andere. Sowohl der islamistische Anschlag auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 (2996 Tote) als auch der Angriff der palästinensischen Terrororganisation Hamas vom 7. Oktober 2023 (1195 Tote auf israelischer Seite, 5400 Verletzte, 250 Geiseln) folgen einer Vernichtungsdynamik des kollektiv schwellenden Hasses. Dabei übernimmt eine terroristisch operierende «Glaubensavantgarde» jedes Mal die treibende Rolle.Oberflächlich betrachtet mag es scheinen, als ob der Kollektivhass gegenüber den «Ungläubigen» nur schwer auf das mimetische Begehren, wie es Girard formuliert, zurückführbar wäre. Blickt man tiefer, dann ist der Islamismus die Folge einer Nachahmungsspirale, worin der Kampf gegen den Glaubensfeind als «begehrtes Gut» zu gelten hat, zumal bei «zornigen» Männern, deren Inbrunst beim Sprengstoffgürtel und im Massaker endet. Doch gerade solch ein mörderisches «Überbietungsverhalten» ist nichts, was die Gemeinschaft der im religiösen Hass Vereinten, der Jihadisten, schwächen und auseinanderbrechen liesse. Eher schon ist das Gegenteil der Fall; die Radikalisierung, die sich von vornherein auf einen Aussenfeind richtet, schweisst nach innen hin zusammen.Mimesis-Konkurrenz im InternetWoher nun aber die Faszination, welche dazu führt, dass heute das «mimetische Begehren» im gehobenen Feuilleton zu den Begriffen gehört, an denen sich der Krisendiskurs gerne orientiert? Es ist das Internet, welches über mannigfache Quellen die Mimesis-Konkurrenz in massenhafte Höhen treibt. Die sozialen Netzwerke erzeugen einen elektronischen Markt, der laufend Bedürfnisse kreiert, denen ein weltweit aktives Forum der Begehrenden nachzukommen trachtet.Doch niemals wird die Wunschspirale durchlaufen, immer gibt es andere, Trendsetter und Influencer, die den etablierten Wunschvorstellungen voraus sind. Dadurch wird das mimetische Begehren nach dem «guten Leben» dauerhaft frustriert. Und da der Überbietungswettbewerb keine Stoppregel kennt, finden jene Stimmen massenhaft Anklang, welche die «bestehenden Verhältnisse» geisseln. Wer ist schuld am «schlechten Leben»? An dieser Frage entzündet sich die Suche nach Sündenböcken im System, ökonomisch und politisch, von innen und von aussen.Die erregungstrainierten Manipulatoren im Dienst von Mächtigen und Parteien wissen: Ein Sündenbock für Unzulänglichkeiten und Miseren – ob real oder imaginiert – findet sich immer. Es mögen «die Reichen» sein, heutzutage die Klasse der Superreichen, die jedoch kaum zur rituellen Vergeltung taugen. Vorzüglich eignen sich dazu Machtlose, Asylsuchende und «Sozialschmarotzer». Auch der populäre Vorwurf, dass den «inneren Feinden» nicht kompromisslos genug entgegengetreten wird, schafft der erregten Masse ein Ventil. Denn sobald der Ruf nach einer volkszornnahen, durchgriffsstarken, patriotischen Politik ertönt, geraten die «Altparteien» in die Rolle von Sündenböcken.Jürgen Habermas hatte einst vom «Verfassungspatriotismus» als der einzig legitimen Form einer liberaldemokratischen, menschenrechtlich besorgten, marktwirtschaftlich fortschrittsgeprägten Wohlfahrtsdemokratie gesprochen. Aber werden damit – so wäre mit René Girard zu fragen – nicht genau jene Freiräume geschaffen, in denen die nie zufriedenstellende Jagd nach begehrten Gütern unvermeidlich ist? Werden dadurch nicht die destruktiven Kräfte des mimetischen Begehrens mobilisiert? Zerstören Selbst- und Dominanzsucht nicht akkurat jene Bindungskräfte, die erst einen patriotischen Zusammenhalt über alle Individualismen und Lebenskonkurrenzen hinweg möglich machen?Im krassen Gegensatz dazu erzeugt der Stolz des «wahren» Patrioten ein Stimmungsmonopol, in dem die Mimesis keine destruktiv-egoistische, sondern eine gemeinschaftsbildende Dynamik festigt. Lautet das Objekt des Begehrens «Vaterland», so verdichten einander aufschaukelnde Wellen patriotischer Gefühle den inneren Zusammenhalt; eine Mobbing-Avantgarde bekundet grossmäulig die Pflicht, gegen den Feind «mit allen gebotenen Mitteln» vorzugehen, ja notfalls den Heldentod zu sterben. Der patriotische Fanatismus fliesst mit dem religiösen zusammen, ist ihm jedenfalls wahlverwandt.Nicht ernsthaft historischRené Girards Theorie erklärt gewisse Aspekte des archaischen ebenso wie des modernen Lebens. Allerdings, Girards religiös inspirierte These, wonach mit dem Kreuzestod Jesu der Sündenbockmechanismus ein für alle Mal unwirksam geworden ist, kann nicht ernsthaft als historisches Faktum anerkannt werden. Als Glaubenswahrheit entfaltet diese Doktrin bestenfalls eine Wirkung im Kreis jener, die sich, aufgrund ihres religiösen Empfindens, der Sündenbocksuche konsequent entschlagen. Darüber hinaus fehlt es jedoch unserer elektronisch scharfgemachten Welt nicht an diametral entgegengesetzten Sündenbockkonstruktionen, ob es nun – wieder einmal – die Juden oder aber, exemplarisch gesprochen, die Anhänger der LGBT+-Bewegung sind.Was an Girards Inanspruchnahme und Instrumentalisierung durch Thiel und Co. bis hin zum dunkelprophetischen Dark Enlightenment hervorsticht, das ist die kompromisslose Ablehnung der Demokratie. Girards warnendes Bedenken gegenüber der Mimesis-Sündenbock-Dialektik wird zur paranoischen Farce. Schenken wir den ultrarechten Vordenkern aus Thiels Silicon Valley Gehör, dann sollte der liberale Rechtsstaat als eine Art nichtstaatlicher, «privater Aktiengesellschaft» reorganisiert werden. Und deren «Geschäftsführer», CEOs, sollten eine technokratisch ausgelegte Weltrettungsdiktatur vorantreiben.Auch wenn unter einem aufgeklärten Gesichtspunkt derartige Vorstellungen obskur anmuten, machen sie in den sozialen Netzwerken doch Stimmung. Für den Fall ihrer Ablehnung wird die Apokalypse im biblischen Massstab beschworen. Das alles steht dem Friedenswillen René Girards entgegen, aber die Theorie des mimetischen Begehrens ist dehnbar genug, um den Feinden der Demokratie Munition zu liefern. Wie heisst es in Goethes «Zauberlehrling»? «Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los!»Peter Strasser lebt als Philosoph, Buchautor und Publizist in Graz. Jüngste Buchpublikation: «Über die vorletzten Dinge», Wien 2025.Passend zum Artikel